Michael Fischer  - © Foto: LEO / Andreas Kolarik Fotografie

Festspiel-Dialoge: Eine Erinnerung

1945 1960 1980 2000 2020

Ein Sammelband vereint die besten Texte der Salzburger Gesprächsreihe "Festspiel-Dialoge" - geleitet vom viel zu früh verstorbenen Michael Fischer.

1945 1960 1980 2000 2020

Ein Sammelband vereint die besten Texte der Salzburger Gesprächsreihe "Festspiel-Dialoge" - geleitet vom viel zu früh verstorbenen Michael Fischer.

Warum brauchen wir Utopien, die scheitern?“ Um dieses so rätselhafte wie zeitlose Generalthema kreisten 1994 die ersten „Festspiel-Dialoge“. Mit dem von Intendant Gerard Mortier initiierten Diskurs-Format sollte ein den künstlerischen Darbietungen ebenbürtiges Forum der intellektuellen Auseinandersetzung entstehen. In der Person von Michael Fischer, Sozial- und Kulturphilosoph an der Universität Salzburg und späterer Gründer der Diskussionsreihe „Europa Neu Denken“, fand Mortier eine kongeniale Idealbesetzung für die Leitung dieser erfolgreichen Gesprächsreihe. Seit damals gilt als unbestritten, dass die Einmaligkeit der Festspiele nicht mehr nur in der Exklusivität einzelner Produktionen bestehen kann, sondern auch in dem, was Michael Fischer die jeweilige „intellektuelle Konfiguration“ nennt.

Mehr als 20 Jahre lang, bis zu seinem frühen Tod im Sommer 2014, inszenierte er mit seiner Auswahl hochrangiger, zur geistigen Auseinandersetzung herausfordernder Vortragender Diskurs-Festspiele eigenen Zuschnitts. In Reflexionen über die großen Themen der Kunst suchte er nach Antworten auf die am Ende doch nicht letztgültig beantwortbaren, zentralen Fragen unseres Menschseins. Mit vielen seiner Gäste verbanden ihn – wie auch mit dem Autor dieser Zeilen – persönliche Freundschaften und Begegnungen. Anlässlich des Festspieljubiläums legt nun seine Witwe Ilse gemeinsam mit Helga Rabl-Stadler eine Auswahl der besten Texte dieser besonderen Gesprächsreihe vor.

Fundgrube geistiger Vertiefungen

Im heurigen Jubiläumsjahr wird die Geschichtlichkeit des Kunstschaffens mit seiner merkwürdigen Ambivalenz von Zeitlosigkeit und Zeitgebundenheit besonders deutlich. Schon deshalb lohnt sich die Lektüre der durchwegs hochrangigen Reflexionen zu den jeweiligen künst-
lerischen Neuinterpretationen zentraler Menschheitsdramen. Von Aleida und Jan Assmann zu Eric Hobsbawm, von Volker Gerhardt über Birgit Recki zu Wolf Singer, von Elisabeth Bronfen über Peter Ruzicka zu Nike Wagner bieten die fast 40 Beiträge eine reichhaltige Fundgrube geistiger Vertiefungen, assoziativer Ausschweifungen und kühner Gedankenbögen. Bei genauerer Lektüre vieler der mehrheitlich in deutscher Sprache verfassten Texte stellt sich als Draufgabe eine selten gewordene Freude an hochrangiger Rhetorik ein.

Ein besonders wertvolles Fundstück ist der folgende Satz aus einer von Rolf Hochhuth geschilderten persönlichen Begegnung mit dem damals über 80 Jahre alten Philosophen Karl Jaspers: „Vom ganzen Kant brauchen Sie nur eine Zeile zu kennen, die ist überhaupt die Krone der Ethik: ‚Kein Mensch darf nur als Mittel benutzt werden!‘“ Eine erstaunlich aktuelle Kürzest-Fassung humanistischen Denkens.

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