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Fettfleck und Eselsohr

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"Schulbuchaktion neu": Bessere Nutzung knapper Mittel oder mehr Verwaltungsaufwand?

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"Schulbuchaktion neu": Bessere Nutzung knapper Mittel oder mehr Verwaltungsaufwand?

Jährlich 490 Schilling pro Volksschüler, pro Hauptschüler 1.080 Schilling, 2.115 Schilling für jeden Oberstufen-Schüler am Gymnasium und 2.780 Schilling im Aufbaulehrgang an Handelsakademien: So viel ist dem Staat die Schulbuchaktion wert. Genau genommen, 90 Prozent davon. Den Rest zahlen die Eltern als Selbstbehalt.

Insgesamt wird rund eine Milliarde Steuergeld pro Jahr dafür ausgegeben, daß jeder Schüler zum Start ins neue Schuljahr neue Bücher bekommt. Bücher ohne Eselsohren und Fettflecken, die er nach Belieben benützen kann: Notizen machen, Wichtiges markieren, hineinkritzeln. Und das Gesamtkunstwerk später in die Privatbibliothek stellen - oder irgendwann wegwerfen.

Ein Luxus in Sparpakets-Zeiten, sagen Kritiker. Frühere Schülergenerationen - vor Einführung der Gratis-Schulbuchaktion im Jahr 1972 - verkrafteten es problemlos, mit gebrauchten Schulbüchern zu arbeiten und sich am Ende des Schuljahres wieder davon zu trennen. In Bayern gibt es bis heute die gute alte Schülerlade; bayrische Schüler erreichen trotzdem ihr Bildungsziel.

Auch in Österreich sollen Schulbücher vermehrt wiederverwendet werden, so will es die "Schulbuchaktion neu". Die Ausgaben für Bücher sind bis zum Jahr 2000 mit 1,2 Milliarden Schilling pro Schuljahr limitiert. Obwohl die Schulbuchpreise um 6,5 Prozent gesenkt wurden, reicht das nicht aus, um alle Schüler jedes Jahr mit den nötigen Büchern zu versorgen. Die Eltern müssen nicht nur Selbstbehalt zahlen, sondern zusätzlich immer mehr Unterrichtsbehelfe privat oder über den Elternverein kaufen.

Deshalb sollen Klassenbibliotheken aufgebaut werden, die allen Schülern zur Verfügung stehen. Funktionieren kann das nur, wenn die Schüler am Ende des Schuljahres freiwillig Bücher zurückgeben. Welche, bestimmen Lehrer gemeinsam mit Eltern- und Schülervertretern. Der Anreiz für die Rückgabe: Das ersparte Geld kann für die Anschaffung von weiteren Büchern, auch solchen, die nicht auf der Schulbuch-Liste stehen, und für alternative Unterrichtsmittel verwendet werden.

Damit könnten wohl alle leben - auch Schulbuchverlage und Buchhandel. Verlags-Chefverhandler Othmar Spachinger, Geschäftsführer des Pädagogischen Verlages der Österreichischen Bundesverlage, ist trotzdem skeptisch. "Schulbücher-Wiederverwenden und neue Lehrpläne - beides zugleich wird nicht gehen."

Spar-Olympiaden?

Spachinger befürchtet auch, daß übereifrige Schulen "Sparolympiaden" veranstalten werden: "Sollten die Ausgaben für Schulbücher weit unter das Limit von 1,2 Milliarden sinken, ist die Schulbuchaktion kaputt." Was auch bedeuten würde, "daß es die vielen Buchkategorien für kleinere Schülergruppen, etwa für Sonderschulen oder für bestimmte Fachschulen, nicht mehr geben könnte".

Derzeit sind die Schulbuchpreise in Österreich sehr niedrig - bis zu 80 Prozent billiger als in einigen deutschen Bundesländern. Der Grund dafür: hohe Auflagen und Abnahmesicherheit. Fiele das weg, würden die Preise steigen. Spachinger: "Irgendwer müßte dafür zahlen. Wenn nicht der Familienlastenausgleichsfonds, dann eben die Eltern."

Kritisch auch Maria Pillichshammer vom Linzer Veritas-Verlag: Die Neuregelung sei nur ein Ausdruck der fortdauernden Bemühungen, im Bildungsbereich zu sparen - trotz politischer Lippenbekenntnisse zur Bildung als Wettbewerbsfaktor.

"Ein besonderer Vorteil der Schulbuchaktion ist, daß die Schulbücher immer wieder neu bearbeitet werden und damit auf dem letzten Stand sind", so Pillichshammer. Werde bei Schulbüchern gespart, gebe es nur einen großen Gewinner: die Kopierindustrie. Sie würde an den Schulen boomen - auf Kosten der Eltern, die für die vielen Kopien zahlen müßten.

Der Slogan der Verlage und Buchhändler in der Schulbuch-Debatte: "Mit eigenen Büchern lernt es sich besser." So pauschal läßt sich das kaum nachweisen. Aber immerhin bestätigen Hirnforscher, daß es das Lernen erleichtert, wenn Schüler in den Büchern wichtige Passagen kennzeichnen dürfen.

Was ebenfalls für die Schulbuchaktion spricht: Sie macht jedes Kind zum Buchbesitzer. "Damit ist sie die erste wirksame Maßnahme zur Leseförderung", so Bernhard Weis, Salzburger Buchhändler und Chef des zuständigen Kammer-Gremiums. Noch in den achtziger Jahren kamen laut einer Studie 40 Prozent aller Kinder erst durch die Schulbuchaktion in den Besitz von eigenen Büchern. Schon als Kind Bücher zu haben, ist aber mitentscheidend für das spätere Interesse am Lesen.

Die "Schulbuchaktion neu" sieht Weis in Zeiten des Sparpakets als vertretbaren Kompromiß - vor allem, "weil das Schüler-Eigentum an den Schulbüchern grundsätzlich erhalten geblieben ist".

Ein weiterer positiver Ansatz: mehr Autonomie der Schulen bei der Auswahl von Büchern und alternativen Unterrichtsmitteln. So können in Parallelklassen endlich unterschiedliche Bücher verwendet werden - zumindest theoretisch. Davon in der Praxis allzu viel Gebrauch zu machen, würde aber die Wiederverwendung erschweren, weshalb das Jugendministerium empfiehlt: "Für Parallelklassen dieselben Titel zu bestellen, vereinfacht die Administration."

Erst zum Schulschluß 1999 werden erstmals Schulbücher eingesammelt, erst danach wird sich zeigen, was die "Schulbuchaktion neu" wirklich bringt: die bessere Nutzung knapper Mittel - oder nur noch mehr Verwaltungsaufwand. Auch beim Bibliothek-Verwalten könnten Schüler etwas lernen, argumentiert das Jugendministerium. Stimmt. Der Hauptzweck von Schulbüchern ist das aber nicht.

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