Digital In Arbeit

Feuchter, wärmer, stürmischer

1945 1960 1980 2000 2020

Bei auffallenden Wetterkapriolen heißt es oft: So etwas Verrücktes gab es noch nie, das Klima ändert sich. Aber tut es das wirklich? Ein kürzlich erschienener Tagungsband faßt den Stand des Wissens zusammen.

1945 1960 1980 2000 2020

Bei auffallenden Wetterkapriolen heißt es oft: So etwas Verrücktes gab es noch nie, das Klima ändert sich. Aber tut es das wirklich? Ein kürzlich erschienener Tagungsband faßt den Stand des Wissens zusammen.

Was sind die Fakten über die Entwicklung des Klimas, die derzeit weitgehend außer Streit stehen?

* Die Konzentration von Spurengasen in der Atmosphäre ist deutlich gestiegen. Das gilt vor allem für CO2, Methan, Lachgas, die den Treibhauseffekt in der Atmosphäre erhöhen und für verschiedene Fluor-Chlor-Kohlenwasserstoffe, die die Ozonschicht angreifen.

* Weitgehend unbestritten ist auch, daß der Ozongehalt in der Stratosphäre in den letzten Jahrzehnten abgenommen hat. Über der Antarktis entsteht während vier bis sechs Wochen des antarktischen Frühlings ein riesiges "Ozonloch". Aber auch über der nördlichen Halbkugel wird ein Ozonabbau registriert, der jedoch erst eine Größenordnung von zehn Prozent erreicht hat und somit nicht lebensbedrohend für diesen dichtbesiedelten Lebensraum ist.

* Aerosole, Staub, Ruß- und Sandpartikel tragen zu einer Trübung der Luft besonders über den Industrieregionen bei. Sie fördern die Kondensation von Wasserdampf und damit die Wolkenbildung. Dadurch gelangt weniger Sonnenstrahlung zur Erdoberfläche: ein Faktor, der tagsüber den Treibhauseffekt abschwächt, ihn jedoch in der Nacht verstärkt. Das hat zur Folge, daß die nächtliche Abkühlung weniger stark ausgeprägt ist.

* Das Abschmelzen der Gletscher und die thermische Ausdehnung des Meerwassers bei steigenden Wassertemperaturen haben zu einem Anstieg des Meeresspiegels um rund zehn Zentimeter geführt.

* Die globale Temperatur ist in diesem Jahrhundert um 0,5 Grad angestiegen, was im Hinblick auf die Temperaturunterschiede zwischen Warm- und Kaltzeiten (sie betrugen etwa sechs Grad) relativ viel ist. Im Gefolge dieses Anstiegs sind auch die Temperaturen in den Ozeanen angestiegen, besonders im westpazifischen Raum wurden signifikante Temperaturerhöhungen registriert. Die weitere Folge: Mehr Verdunstung, wachsende Niederschlagsintensität und Förderung tropischer Wirbelstürme.

* Der Temperaturanstieg erfolgt nicht gleichmäßig, und so kommt es etwa über dem Nordatlantik zu einer Verschärfung von Temperatur- und Luftdruckunterschieden, was die Entstehung von Sturm- und Orkantiefs begünstigt.

Besonders markant ist die Veränderung der Gletscher in den Alpen: Seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts haben sie zwischen einem Drittel und der Hälfte ihrer Fläche eingebüßt. Viele kleine Gletscher sind ganz verschwunden.

Gletscher schrumpfen Verantwortlich dafür ist der Anstieg der Sommertemperatur um ein Grad (unterbrochen nur durch die kühlere Periode zwischen 1965 und 1981). "In den Hohen Tauern ist die Gletscherfläche von 1969 bis 1990 (trotz des dazwischenliegenden Gletschervorstoßes) um rund zehn Prozent kleiner geworden. ... Bei einem angenommenen Temperaturanstieg von drei Grad in den nächsten 100 Jahren würde ... sich die gegenwärtige Gletscherfläche um circa zwei Drittel verringern," prognostiziert Heinz Slupetzky, Professor am Institut für Geographie in Salzburg.

Selbstverständlich muß der heutige Wandel auf dem Hintergrund der Klimaschwankungen der letzten beiden Jahrtausende gesehen werden, um seine Relevanz beurteilen zu können: So gab es zwischen 200 und 300 ein Klima-Optimum in der Römerzeit. Es folgte in der Zeit der Völkerwanderung eine Abkühlung mit erhöhten Niederschlägen und Gletschervorstößen, dann zwischen 800 und 1000 eine wärmere Periode, die zur Besiedlung von Island und Grönland führte und Weinbau in England ermöglichte.

Während des 17. und 18. Jahrhunderts wiederum gab es eine "kleine Eiszeit". Damals lagen die Temperaturen in Europa um ein Grad tiefer als heute. Die letzten 150 Jahre stehen im Zeichen einer Erwärmung, die auch in Beziehung zur Industrialisierung und den oben erwähnten Effekten zu sehen ist.

"Messungen des atmosphärischen CO2-Gehaltes zeigen tatsächlich einen stetigen Zuwachs," faßt Siegfried Bauer, Professor am Institut für Meteorologie in Graz zusammen. Derzeit könnten Meere und Erdoberfläche nur die Hälfte des von Menschen erzeugten CO2 aufnehmen.

Inwieweit sind diese Änderungen jedoch problematisch? Eine bedenkenswerte Antwort darauf liefert ein Überblick über die Entwicklung der Zahl der großen Naturkatastrophen, für die sich insbesondere die Versicherungswirtschaft interessiert. Der Befund ist eindeutig: Tendenz stark steigend, wie Gerhard Berz von der Münchner "RückversicherungsGesAG" mit Daten untermauert. So gab es vor 1987 nur ein einziges Ereignis, den Hurrican "Alicia" im Jahr 1983, der die Versicherungswirtschaft mehr als eine Milliarde US-Dollar an Schadenersatz gekostet hat. Von 1987 bis 1996 jedoch kam es zu 18 solcher Katastrophen, zwei Drittel davon durch verheerende Stürme und Hurricans ausgelöst. In den neunziger Jahren verachtfachten sich die volkswirtschaftlichen Schäden durch Naturkatastrophen im Vergleich zu den sechziger Jahren (wobei der Hurrican "Mitch", der im Vorjahr Mittelamerika verwüstet hat, in den Zahlen nicht berücksichtigt ist).

Und die Zukunftsperspektiven? Das "Intergovernmental Panel on Climate Change", das wohl repräsentativste Expertengremium in Klimafragen, geht davon aus, daß bei Fortsetzung der bisherigen Trends der globale Temperaturanstieg bis Ende des 21. Jahrhunderts rund vier Grad betragen könnte. Bei drastischer Verringerung der CO2-Emissionen wird mit einem Plus von 1,5 Grad gerechnet. Bedenkt man, daß die Zunahme im letzten Jahrhundert nur 0,5 Grad betragen hat, so wird das vor uns liegende Gefahrenpotential erkennbar.

Heftige Regenfälle Gefahren drohen auch von der erwarteten Zunahme der Luftfeuchte. Sie dürfte mit vermehrter Häufigkeit von Starkregen, Sturzfluten und Muren einhergehen. Auch die Zahl der Gewitter und Hagelschläge dürfte zunehmen. Befürchtet wird auch, daß die Stärke der tropischen Wirbelstürme wächst und die Regionen ihres Auftretens sich ausdehnen.

Von den Folgen der Klimaänderung könnte auch Österreich als alpines Land einigermaßen betroffen sein: "Ein drastischer Gletscherrückgang in den Alpen würde nicht nur das Landschaftsbild in der Hochregion wandeln, sondern hätte, einhergehend mit weiteren Auswirkungen der Klimaerwärmung, wie die Veränderung der steuernden Prozesse im Gebirge (Auftauen des Permafrostes, Zunahme der Erosion, Änderung des glazialen Abflußregimes, ...) zur Folge, daß der beengte Lebensraum in den Alpentälern berstärkt von Naturgefahren bedroht sein könnte." (Slupetzky) Klimawandel und Naturgefahren. Von Reinhold Christian (Hrsg), 134 Seiten, öS 220,-, zu beziehen bei der Österreichischen Gesellschaft für Ökologie, Hammer-Purgstallg. 8/4, 1020 Wien, Tel 01 2140575

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau