Thomas Vinterberg - © oto: APA / AFP / Ritzau Scanpix / Liselotte Sabroe

Thomas Vinterberg über "Der Rausch": "Dieser Film hat mich gerettet"

1945 1960 1980 2000 2020

Regisseur Thomas Vinterberg über seinen Film "Der Rausch".

1945 1960 1980 2000 2020

Regisseur Thomas Vinterberg über seinen Film "Der Rausch".

Für „Der Rausch“ erhielt der Däne Thomas Vinterberg heuer einen Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Im FURCHE-Interview erzählt der 51-jährige Regisseur, welche persönliche Tragödie hinter dem Film steckt.

DIE FURCHE: Sie sagen, „Der Rausch“ sei eine Hommage an den Alkohol. Wie meinen Sie das?
Thomas Vinterberg
: Alkohol wird generell verteufelt, und allerorts gibt es diesbezüglich nur „Political Correctness“. Ich hingegen zeige, wie unverzichtbar Alkohol als gesellschaftlicher Faktor ist. Tatsächlich war meine Grundidee, dem Alkohol ein filmisches Denkmal zu setzen, aber dieses Korsett erwies sich schnell als zu eng. Denn Alkohol bestimmt viele Bereiche unseres Lebens. Überlegen Sie doch einmal, wo Alkohol überall eine Rolle gespielt hat: etwa beim Kennenlernen der meisten Leute! So manches Ehepaar hat sich an einem feucht-fröhlichen Abend verliebt. Aber auch große politische Persönlichkeiten haben weitreichende Entscheidungen getroffen, als Alkohol im Spiel war, und von den größten Künstlern unserer oder vergangener Tage rede ich erst gar nicht. Das ist die eine Seite. Aber Alkohol tötet die Menschen auch, diese Droge kann ganze Familien ruinieren. Jeder kennt doch Menschen im eigenen Umfeld, die davon betroffen sind.

DIE FURCHE: Sie mixen satirische Elemente in diesen tatsächlich ernst gemeinten Versuch dieser Lehrer, sich mit Alkohol ins Leben zurückzutrinken.
Vinterberg
: Das Konzept war, pflichtbewusst zu sein, akkurat zu sein, keine Position zu beziehen, sondern den filmischen Plot als Untersuchung an Menschen anzulegen. Sie machen eine Studie daraus, die natürlich irgendwann scheitert. Der Film verteufelt den Alkohol nicht, sondern zeigt Licht und Schatten. Wir wollten nicht moralistisch sein, das will ich ja generell nie – im Leben nicht und auch nicht in meinen Filmen. Aber der Film ist schon eine Reaktion auf das Moralisieren in der Gesellschaft. Meine Grundfrage war: Warum trinken wir so gerne? Ich habe auf den Film etliche Reaktionen von den „Anonymen Alkoholikern“ (Anm.: Selbsthilfeorganisation zur Bekämpfung des Alkoholismus) bekommen, die sich wirklich darüber gefreut haben, dass der Film es ernst mit ihnen meint und anerkennt, warum man zur Flasche greift.

DIE FURCHE: Hatten die Schauspieler am Set eigentlich die Verpflichtung, Alkohol zu trinken?
Vinterberg
: Nein, das wollte ich nicht! Wir hatten eine intensive Vorbereitungsphase, in der wir übten, wie man betrunkene Menschen spielen kann – ohne, dass sie dabei wie eine Karikatur erscheinen.

DIE FURCHE: Der Dreh zu diesem Film wurde von einer schrecklichen persönlichen Tragödie überschattet...
Vinterberg
: Vier Tage, nachdem wir mit den Dreharbeiten begonnen hatten, erreichte mich die Nachricht, dass meine 19-jährige Tochter Ida auf dem Rückweg von Paris bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Meine Welt stürzte in sich zusammen, es gibt dafür überhaupt keine Worte. Ich hatte ihr sogar eine Rolle in dem Film zugedacht. Der einzige Grund, weshalb ich weitermachen konnte, war ein Brief, den sie mir einige Monate zuvor aus Afrika geschrieben hatte, nachdem sie das Drehbuch gelesen hatte. Sie liebte das Script, sie hat mir Mut gemacht, es umzusetzen. Ich war mit ihr sehr eng und schätzte ihre Meinung über meine Arbeit. Es machte überhaupt keinen Sinn, den Film weiterzudrehen. Zugleich aber machte es auch keinen Sinn, ihn abzubrechen, denn ich wusste: Ida würde es absolut wollen, dass ich den Film zu Ende bringe. Also haben wir entschieden, den Film für sie zu machen. Es war die einzige Möglichkeit für mich, weiterzuarbeiten. Der Film hat mich gerettet. Das Team hat mich aufgefangen und mir so viel Mitgefühl gegeben, ohne das ich es wohl nicht geschafft hätte, diese Zeit zu überstehen.

Für „Der Rausch“ erhielt der Däne Thomas Vinterberg heuer einen Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Im FURCHE-Interview erzählt der 51-jährige Regisseur, welche persönliche Tragödie hinter dem Film steckt.

DIE FURCHE: Sie sagen, „Der Rausch“ sei eine Hommage an den Alkohol. Wie meinen Sie das?
Thomas Vinterberg
: Alkohol wird generell verteufelt, und allerorts gibt es diesbezüglich nur „Political Correctness“. Ich hingegen zeige, wie unverzichtbar Alkohol als gesellschaftlicher Faktor ist. Tatsächlich war meine Grundidee, dem Alkohol ein filmisches Denkmal zu setzen, aber dieses Korsett erwies sich schnell als zu eng. Denn Alkohol bestimmt viele Bereiche unseres Lebens. Überlegen Sie doch einmal, wo Alkohol überall eine Rolle gespielt hat: etwa beim Kennenlernen der meisten Leute! So manches Ehepaar hat sich an einem feucht-fröhlichen Abend verliebt. Aber auch große politische Persönlichkeiten haben weitreichende Entscheidungen getroffen, als Alkohol im Spiel war, und von den größten Künstlern unserer oder vergangener Tage rede ich erst gar nicht. Das ist die eine Seite. Aber Alkohol tötet die Menschen auch, diese Droge kann ganze Familien ruinieren. Jeder kennt doch Menschen im eigenen Umfeld, die davon betroffen sind.

DIE FURCHE: Sie mixen satirische Elemente in diesen tatsächlich ernst gemeinten Versuch dieser Lehrer, sich mit Alkohol ins Leben zurückzutrinken.
Vinterberg
: Das Konzept war, pflichtbewusst zu sein, akkurat zu sein, keine Position zu beziehen, sondern den filmischen Plot als Untersuchung an Menschen anzulegen. Sie machen eine Studie daraus, die natürlich irgendwann scheitert. Der Film verteufelt den Alkohol nicht, sondern zeigt Licht und Schatten. Wir wollten nicht moralistisch sein, das will ich ja generell nie – im Leben nicht und auch nicht in meinen Filmen. Aber der Film ist schon eine Reaktion auf das Moralisieren in der Gesellschaft. Meine Grundfrage war: Warum trinken wir so gerne? Ich habe auf den Film etliche Reaktionen von den „Anonymen Alkoholikern“ (Anm.: Selbsthilfeorganisation zur Bekämpfung des Alkoholismus) bekommen, die sich wirklich darüber gefreut haben, dass der Film es ernst mit ihnen meint und anerkennt, warum man zur Flasche greift.

DIE FURCHE: Hatten die Schauspieler am Set eigentlich die Verpflichtung, Alkohol zu trinken?
Vinterberg
: Nein, das wollte ich nicht! Wir hatten eine intensive Vorbereitungsphase, in der wir übten, wie man betrunkene Menschen spielen kann – ohne, dass sie dabei wie eine Karikatur erscheinen.

DIE FURCHE: Der Dreh zu diesem Film wurde von einer schrecklichen persönlichen Tragödie überschattet...
Vinterberg
: Vier Tage, nachdem wir mit den Dreharbeiten begonnen hatten, erreichte mich die Nachricht, dass meine 19-jährige Tochter Ida auf dem Rückweg von Paris bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Meine Welt stürzte in sich zusammen, es gibt dafür überhaupt keine Worte. Ich hatte ihr sogar eine Rolle in dem Film zugedacht. Der einzige Grund, weshalb ich weitermachen konnte, war ein Brief, den sie mir einige Monate zuvor aus Afrika geschrieben hatte, nachdem sie das Drehbuch gelesen hatte. Sie liebte das Script, sie hat mir Mut gemacht, es umzusetzen. Ich war mit ihr sehr eng und schätzte ihre Meinung über meine Arbeit. Es machte überhaupt keinen Sinn, den Film weiterzudrehen. Zugleich aber machte es auch keinen Sinn, ihn abzubrechen, denn ich wusste: Ida würde es absolut wollen, dass ich den Film zu Ende bringe. Also haben wir entschieden, den Film für sie zu machen. Es war die einzige Möglichkeit für mich, weiterzuarbeiten. Der Film hat mich gerettet. Das Team hat mich aufgefangen und mir so viel Mitgefühl gegeben, ohne das ich es wohl nicht geschafft hätte, diese Zeit zu überstehen.

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