Gestrafte Kinder

Seinen Ursprung als Bühnenstück kann "Der Vorname“ nicht verleugnen: Für das Gewitter an Wahrheiten, das über eine Fünfer-Clique fegt, sind Salon und Esszimmer einer einzigen Wohnung noch immer fast genug. Anlass für den Krach mit marokkanischem Buffet gibt Vincent, der Bruder der Gastgeberin, mit einem Scherz: Er wolle seinen ungeborenen Sohn Adolphe nennen. Wie Kugeln, die im Ausrollen die jeweils nächsten anstoßen, lösen die Konflikte einander aus. Dabei legen Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière nicht nur das, was die Figuren seit Langem übereinander denken, frei. Sie sticheln außerdem gegen Oberflächlichkeiten im französischen Bürgertum: Zählt das, was die Leute darüber denken, oder man selbst? Angetrieben von einem exzellenten Ensemble, hat dieses gewitzte Kammerspiel seine Probleme nur beim Abstandhalten vom Theater. Dass dafür auch deutlichste Anleihen bei "Die fabelhafte Welt der Amélie“ genommen werden, bleibt jedoch ein mäßiger Wermutstropfen. (Thomas Taborsky)

Der Vorname (Le prénom)

F 2012. Regie: Matthieu Delaporte, Alexandre de la Patellière. Mit Charles Berling, Patrick Bruel,

Valérie Benguigui. Warner. 109 Min.

Derber Humor

Johns einziger Freund ist der Plüschbär Ted. Der Bub wünscht sich nichts sehnlicher, als dass sein Spielgefährte lebendig wird. Und plötzlich steht er tatsächlich in seinem Zimmer - also schwören sie einander ewige Treue. Der sprechende Bär begleitet den pubertierenden John (Mark Wahlberg) und avanciert zum Medienstar. Später hat der fluchende Bär auf den Mittdreißiger eher schädlichen Einfluss: Als John seiner Freundin Lori (Mila Kunis) einen Heiratsantrag macht, ist sich diese unsicher, zumal Ted mit seinen Drogen-, Alkohol- und Sexeskapaden ihn hinabzuziehen droht. Schweren Herzens wendet sich der Spätpubertäre von seinem besten Freund ab. Just da wird Ted vom Psychopathen Donny (Giovanni Ribisi) entführt. Was muss man auf dem Weg zum Erwachsenwerden aufgeben? Wird es einen versöhnlichen Schluss für die Prinzipien Liebe und Freundschaft geben? Reich an populärkulturellen 80er-Jahre-Zitaten (Flash Gordon, Knight Rider), ist diese Komödie ein Fest für Freunde des derben Humors. (Rudolf Preyer)

Ted

USA 2012. Regie: Seth MacFarlane. Mit Mark Wahlberg, Mila Kunis,

Giovanni Ribisi. Universal. 106 Min.

Der Sommerhit aus den Pixar-Studios

Schottische Mythologie nimmt sich der neueste Streich der Pixar-Animateure vor. Mit neuester Technik und Erzählkunst kann das familiengerechte Filmwerk "Merida - Legende der Highlands“ aufwarten - Fantasie, Humor, die nötige Portion Gefühl und dazu animierte Pferde, Bären, eine Hexe und allerlei mittelalterliches Volk, wie es die Animatoren imaginieren.

Merida ist die Tochter eines schottischen Königs, der unter der Fuchtel seiner Königin Elinor steht. Die Erstgeborene soll nach dem Willen der Mutter an einen noblen Sohn aus einem anderen Clan verheiratet werden. Doch Merida hat immer schon mehr das Bogenschießen als die typischen Frauentätigkeiten interessiert. Als nun die drei Clans mit den jeweils ersten Söhnen antanzen, um in einem Wettstreit die Hand von Merida zu erringen, ist die Katastrophe vorprogrammiert: Die Tochter will nicht, die Mutter versucht sie zu zwingen, sodass erstere Zuflucht zu einem Zauberer nimmt, der Letztere zumindest zeitweilig in eine Tiergestalt verwandelt. Ob und wie Merida die Mutter aus dieser Zwangslage befreien kann und ob das Mutter-Tochter-Verhältnis sich wieder einrenkt, davon handelt die flotte Sage.

Man ahnt die Lösung natürlich längst - aber dennoch sollte man sich die spritzige wie intelligente Umsetzung davon nicht entgehen lassen. Keine Frage: Merida ist ein cineastischer Sommerhit. (Otto Friedrich)

Merida - Legende der Highlands (Brave)

Regie: Brenda Chapman, Mark Andrews. Disney. 100 Min.

Depp ist zu alt

Zum zweiten Mal nach "Angst und Schrecken in Las Vegas“ (1998) spielt Johnny Depp in einer Romanverfilmung nach Hunter S. Thompson: In "The Rum Diary“ hat Thompson seine Erfahrungen als Jungjournalist in Puerto Rico verarbeitet, zwischen präpotenten Amerikanern und leidender Bevölkerung, zwischen Drogen, Hahnenkämpfen und politischer Manipulation. Die schwüle Verfilmung ist prominent besetzt, aber wenig glaubwürdig, und Depp ist mittlerweile schlicht zu alt für die Rolle des Junghupfers. (Magdalena Miedl)

The Rum Diary

USA 2011. Regie: Bruce Robinson.

Mit Johnny Depp. EMW. 120 Min.

Ein Geheimtipp

Eine unheile Familie porträtiert der katalanische Regisseur Agustí Vila im absurden Kammerspiel "La Mosquitera“. Buñuel und Almodóvar lugen um die Ecke, wenn hier Familie seziert wird: Miquel, Alícia und ihr 15-jähriger Sohn Lluís leben nebeneinander her. Der Junior ist auf Drogen und schleppt herrenlose Tiere heran - vorzugsweise Hund und Katz. Miquel stellt der kolumbianischen Putzfrau Ana nach, Alícia setzt ihn vor die Tür und beginnt eine Affäre mit Sergi, dem Mitschüler von Lluís. Daneben tut sich Alícias Schwester Raquel mit sadistischer Pädagogik an ihrer Tochter hervor und Miquels Eltern (großartig Geraldine Chaplin als demente Mutter Maria) versuchen es mit Selbstmord. Langsame Kamera und statische Bilder konterkarieren die Aufgeregtheit der Ereignisse. Droht das Unglück übermächtig zu werden, bricht aus dem befremdeten Zuschauer das Lachen heraus. Wie das gemacht ist und wie das die superben Schauspieler (allen voran Emma Suárez als Alícia) umsetzen, sollte man gesehen haben. Ein Geheimtipp. (Otto Friedrich)

La Mosquitera

E 2010. Regie: Agustí Vila. Mit Emma Suárez. Geraldine Chaplin. Waystone.

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