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Filme in Kürze

Verkürzte Filmwoche

Zum 19. Mal findet das Jüdische Filmfestival Wien statt, bedingt durch die Wirtschaftskrise allerdings auf wenige Tage komprimiert. Eröffnet wird das Festival am 12. November mit Kaspar Heidelbachs „Berlin 36“, der von der deutsch-jüdischen Sportlerin Gretel Bergmann handelt, die – weil die USA mit einem Olympia-Boykott drohen – als deutsche Hochspringerin an den Spielen in Berlin teilnehmen darf. Allerdings unternehmen die Nazis alles, damit Bergmann, die heute 95-jährig in New York lebt, nicht gewinnt.

Insgesamt sieben neue Produktionen – darunter auch israelisch/palästinensische Filme, die den Nahostkonflikt auf je eigene Weise thematisieren – werden zwischen 13. und 15. November im Votivkino präsentiert. Außerdem finden zwischen 16. und 19. November im Metro-Kino drei Veranstaltungen statt, unter anderem wird das Musical „Hello Malkele!“ mit einem Ausschnitt aus dem jiddischen Film „Jidl mit’n Fidl“ (PL/USA 1936) aufgeführt. In Anwesenheit von Werner Kofler wird sein Dokumentarfilm „Im Museum (Durch die Geschichte)“, der ein fiktives Museum über deutsche Geschichte thematisiert, gezeigt. Im Anschluss an ein Gespräch mit Werner Kofler wird „Nacht und Nebel“ von Alain Resnais (F 1955) vorgeführt, einer der ersten Filme über die NS-Konzentrations- und Vernichtungslager. (ofri)

www.jfw.at

Wallende Gefühle

Wenn sie auf der Leinwand auftaucht, ist automatisch „Love in the air“: Keine andere Schauspielerin der „Friends“-Generation hat in den vergangenen Jahren das Romantik-Genre geprägt wie Jennifer Aniston. Was liegt daher näher, als im Herz-Schmerz-Drama „Love Happens“ das Hollywood-Rehäuglein an der Seite von Leinwand-Beau Aaron Eckhart das tun zu lassen, was sie am besten kann: Herzen in Männeraugen zaubern. Im konkreten Fall tut sie dies als eine vom anderen Geschlecht enttäuschte Floristin, die in einem Selbsthilfe-Guru mit Lebenskrise verloren gegangene Gefühle zum Sprießen bringt. Auch wenn der Plot abgegriffen klingt, gelingt es Regisseur Brandon Camp, einen Gefühlsteppich zu weben, dem man sich dank verträumter Bildkompositionen und herzerwärmender Filmmusik schwer entziehen kann. Der schmerzhafte Umgang mit dem Tod seiner Mutter war Ausgangspunkt für die Film-Idee, wie Camp erzählt: „Am Anfang reagierte ich mit Verleugnung. Dann traf mich eine wahre Flut von Gefühlen und ich stellte fest, dass Trauer ein schwieriger, vielschichtiger, aber auch interessanter Prozess ist.“ (Jürgen Belko)

Love Happens

USA 2009. Regie: Brandon Camp. Mit Aaron Eckhart, Jennifer Aniston, Martin Sheen. Verleih: Tobis. 109 Min.

Billige Effekte. Aber sie wirken.

Wenn der gewichtige Michael Moore einmal um die New Yorker Börse läuft, kommt er ganz schön ins Schwitzen. Vielleicht ob seiner Leibesfülle, aber ganz sicher wegen all der Dreistigkeiten, die man sich im Finanzzentrum der Welt so geleistet hat in den vergangenen Jahren. Moore findet das abstoßend und anstößig, weshalb er den ganzen Komplex mit einer Polizeiabsperrung umspannt: „Crime Scene – Do Not Cross“ steht darauf zu lesen.

Ein aktionistischer Gag aus Moores neuem Film „Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte“. Seine dokumentarischen Polemiken haben ihn zu einem Volkshelden gemacht, der für Gerechtigkeit kämpft, für den kleinen Mann. Und Moore weiß, dass es eben diese kleinen Leute sind, die seinen Filmen erst den rechten emotionalen Charakter geben. Jenen, der von Wut auf die Mächtigen zeugt und von Verzweiflung. Ungeniert lässt Moore darob mittellose Familien, die er als Opfer der Finanzkrise inszeniert, vor der Kamera weinen. Ein billiger Effekt. Aber er wirkt.

Dazwischen ein Rundumschlag gegen Finanzhaie und Investmentbanker, gegen Politiker und Immobilien-Banken, konterkariert mit Aufnahmen und Reklame der güldenen Zeiten der US-Wirtschaft. Moore spricht mit Managern, Senatoren und Maklern. Mit einem Jutesack taucht er in der Zentrale von Goldman Sachs auf, um das verlorene Geld der Amerikaner zurückzufordern. „Wohin ist unser Geld verschwunden?“, fragt Moore. Doch selbst eine Mitarbeiterin der Kontrollinstanz des US-Congress kann ihm darauf nur ratlos antworten: „I don’t know.“

Und so bleibt dem Film-Robin-ood nur, selbst nach dem Verbleib des Zasters zu forschen. Dabei simplifiziert Moore gerne komplexe Zusammenhänge und ist mit seinen subjektiven Schlussfolgerungen gnadenlos. Die Krise, eine einzige Polemik? Unrecht hat Moore jedenfalls nicht. Und außerdem sind seine Parolen ohnehin für hitzige Debatten an den Stammtischen gedacht. (M. Greuling)

Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte (Capitalism: A Love Story)

USA 2009. Regie: Michael Moore.

Verleih: Filmladen. 127 Min.

Gelungene Katastrophe I

Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf – mit Tollwut. So vielfältig dies im Kino schon exemplifiziert wurde, so beunruhigend packend nimmt sie sich im Endzeit-Horror „Carriers“ der Brüder (Regie und Drehbuch) Alex und David Pastor aus. Die Welt ist in der Folge einer nicht näher definierten, tödlichen Pandemie in Anarchie und Chaos gestürzt. Durch ein Meer aus Leichen und Infizierten machen sich zwei (noch) gesunde Brüder mit ihren beiden Freundinnen per Auto durch den Südwesten der USA zu einem Zufluchtsort auf, wo sie das Ende der Seuche abwarten wollen.

Eine Reise nicht nur von einem Ende ins andere, sondern vor allem in die Abgründe der Psyche. Wie dem Selbsterhaltungstrieb alles und jeder unterworfen wird, ist realistisch – und schockt deshalb mehr als blutige Schauwerte oder Action-Szenen, die die kluge Inszenierung ohnehin ausspart. In kühl-ästhetischer Fotografie wirkt die beklemmende Atmosphäre intensiv und die sorgsam, fast bedächtig aufgebauten Spannungsmomente offenbaren Szenen, die die Kehle zuschnüren und die Augen öffnen: Die Zivilisation als schlechte Schminke. (Alexandra Zawia)

Carriers

USA 2009. Regie: Alex Pastor, David Pastor. Mit Chris Pine, Lou Taylor Pucci. Verleih: Einhorn. 82 min.

Zeitgemäß animierte Weihnacht

Er kann fliegen, da ist sich das kleine Rentier Niko sicher – zum Gespött seiner Umwelt. Geklappt hat es bisher noch nicht, aber sein Vater, den es noch nie gesehen hat, kann fliegen: Er gehört zur legendären Supertruppe, die den Schlitten des Weihnachtsmanns durch die Lüfte zieht. – So erzählt’s die Mutter. Das Talent der fliegenden Truppe soll sich vererben. Als einmal wieder alle Welt gegen den Jungen zu sein scheint, macht er sich mit seinem väterlichen Freund, dem Flughörnchen Julius, und dem Wiesel Wilma auf die Suche nach dem Reich des Weihnachtsmannes – und nicht nur er, ein Rudel hungriger Wölfe hat dasselbe Ziel … Es ist eine klassische Heldengeschichte – mit einem Protagonisten, der weiß, dass etwas Besonderes auf ihn wartet. – „Niko – Ein Rentier hebt ab“ ist ein mehrfach preisgekrönter animierter Weihnachtsfilm für Kinder, dessen Plot nicht unbedingt mit Unerwartetem auftrumpft – aber doch unkonventionell agiert: Niko ist Ergebnis eines One-Night-Stands, das vom Vater vorerst nicht unbedingt begeistert aufgenommen wird; zeitgemäß gestaltet sich die Patchwork-Familie, die sich aus dem flüchtigen Tête-à-tête entwickelte – und die sich darüber hinaus keineswegs um Tierrassen schert. (Nicole Albiez)

Niko – Ein Rentier hebt ab.

FIN/D/DK/IRL 2008. Regie: Michael Hegner, Kari Juusonen. Verleih: Constantin. 80 Min.

Gelungene Katastrophe II

Der Weltuntergang: Gewaltige Beben erschüttern die Erde, die Hotels von Las Vegas stürzen ebenso ein wie der Petersdom in Rom, ganze Städte versinken im Meer; vernichtende Vulkanausbrüche verdunkeln den Himmel, am Ende fegen kilometerhohe Tsunamis alles hinweg, was noch übriggeblieben ist. Mit „2012“ hat Roland Emmerich, genannt „Master of Desaster“, den ultimativen Katastrophenfilm voller berauschender Bilder der Zerstörung geschaffen.

In dem Endzeitepos verfolgt der Zuseher genreüblich das Schicksal Einiger, die dem Verderben zu entkommen versuchen. Denn im Geheimen wurden riesige High-Tech-Archen gebaut, um wenigstens einen Bruchteil der Menschheit vor dem Untergang zu retten. Einer von ihnen ist ein gescheiterter Schriftsteller (John Cusack), der zuerst seine Familie aus dem versinkenden Los Angeles rettet, Augenzeuge wird, wie sich der Yellowstone Nationalpark in einen Riesenvulkan verwandelt, schließlich retten Vater und Sohn auch noch hunderttausend Menschen das Leben. Klingt ein wenig unwahrscheinlich? Nun ja, es ist ein Katastrophenfilm. Und als solcher ist „2012“ äußerst gelungen. Einzige echte Lächerlichkeit ist die bizarr häufige Erwähnung des – für die Handlung vollkommen irrelevanten – italienischen Ministerpräsidenten. (Michael Kraßnitzer)

2012

USA 2009. Regie: Roland Emmerich. Mit John Cusack, Chiwetel Ejiofor. Verleih: Sony. 158 Min.

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