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Filme kommen wie Einbrecher

Regisseur Werner Herzog, Jurypräsident der 60. Berlinale, über die Qual des Filme-Bewertens, seinen neuen Streifen „Bad Lieutenant – Cop ohne Gewissen“ und das Bayrische an ihm.

Er ist Deutschlands bekanntester Regie-Export – außerhalb Deutschlands. Denn in seiner Heimat fehlt dem großen Kinski-Inszenator Werner Herzog, 67, nach wie vor die rechte Anerkennung. Jetzt kommt sein neuer Film „Bad Lieutenant – Cop ohne Gewissen“ in die Kinos, ein Remake des Abel-Ferrara-Kultfilms von 1992. Die FURCHE bat den derzeitigen Jurypräsidenten der 60. Berlinale zum Interview.

Die Furche: Herr Herzog, als Jurypräsident beurteilen Sie derzeit täglich Filme. Eine ungewohnte Rolle?

Werner Herzog: Das Bewerten fällt mir wirklich schwer. Es geht ja nicht um Zuchtbullen oder Dressur-Darbietungen. Aber die Berlinale entdeckt immer wieder große Talente. So ein Wettbewerb hat Sinn, es kommt nur darauf an, wie man damit umgeht.

Die Furche: Gibt es Filme, die Sie zuletzt besonders beeindruckt haben?

Herzog: Ja, zum Beispiel „The Dark Knight“. Ich mochte den düsteren Ton des Films, hier wird die Stimmung augenscheinlich, dass unsere Gesellschaft auf einen Zusammenbruch zusteuert. Ich kenne diese Stimmung. Deshalb habe ich auch „Bad Lieutenant – Cop ohne Gewissen“ gedreht.

Die Furche: Warum legen Sie die Hauptfigur des Films, den Polizisten Terence McDonagh (Nicolas Cage), als grundsätzlich schlechten Menschen an?

Herzog: Die Unterteilung in Gut oder Böse wird der Rolle nicht gerecht, denn die Figur hat viele Facetten. Aber es gab einen interessanten Moment mit Nicolas Cage am zweiten Drehtag. Nicolas fragte mich: „Warum ist er so schlecht? Sind es die Drogen? Ist es seine Verletzung? Ist es New Orleans?“ Und ich sagte: Lass uns seine Gefühle nicht diskutieren. Spiele ihn einfach mit einer Glückseligkeit des Bösen. Außerdem: Kausalität wird in Filmen überbewertet. Es nimmt viel von der Mystery, wenn man alles erklärt.

Die Furche: Terence McDonagh wird zu einem besseren Menschen, nachdem er Gutes tut. Wie wichtig ist Ihnen eine religiöse Moral?

Herzog: Da muss ich Sie enttäuschen. So etwas wie ein christlicher Gedanke kam mir bei diesem Film nie. Mir ging es um die Freude am Bösen.

Die Furche: Was war Ihnen bei „Bad Lieutenant“ besonders wichtig, um sich von Abel Ferraras Original abzugrenzen?

Herzog: Ich habe Ferraras Film nie gesehen. Aber von allen Seiten wird mir überzeugend versichert, dass sich diese beiden Filme in keiner Weise ähneln. Dennoch hoffe, ich, dass sich Abel Ferrara meinen Film ansieht, und ich mir seinen, und dass wir dann gemeinsam eine Flasche Whisky trinken.

Die Furche: Wie beeinflussen die USA, das Land, in dem Sie arbeiten, Ihr Werk?

Herzog: Europa sehe ich nun aus der Distanz, seit ich in den USA lebe. Aber ich bin nicht von Nationalitäten beeinflusst, sondern von Regionalitäten. New Orleans entspricht in gewisser Weise einer dunkleren Seite Amerikas, die viel faszinierender ist als Disneyland. Ich werde Amerika nie komplett nah sein. Ich mag Amerika, schließlich lebe ich dort. Aber ich werde nie US-Staatsbürger werden, schon deshalb, weil die USA die Todesstrafe praktizieren. Von solch einem Land will ich kein Staatsbürger sein. Ich bin immer noch sehr bayrisch – in meinem Herzen.

Die Furche: Was ist bayrisch an Ihnen?

Herzog: Ich gebe Ihnen eine primitive Antwort: Einen Film wie „Fitzcarraldo“ hätte nur noch Ludwig II. machen können, der verrückte König von Bayern. Ich fühle mich ihm nahe – und verbeuge mich vor ihm, der Traumschlösser gebaut hat.

Die Furche: Was inspiriert Sie?

Herzog: Die Filme kommen zu mir wie Einbrecher in der Nacht. Ich habe keine Wahl, ich mache, was sich am dringendsten anfühlt. Aber ich bin kein Hektiker, ich arbeite ruhig und nachdenklich. Ich weiß genau, was ich sehen will.

Die Furche: Humor, und zwar sehr schwarzer, ist wesentlicher Bestandteil von vielen Ihrer Filme, so auch von „Bad Lieutenant“.

Herzog: Erst einmal freut es mich, dass Sie den Humor in meinen Filmen zu bemerken scheinen. Es ist wirklich pechschwarzer Humor. So schwarz, dass er zum Schreien ist. Es ist ein Humor, den ich auch nicht wirklich beschreiben kann, aber ich weiß, dass er da ist.

* Das Gespräch führten Matthias Greuling und Alexandra Zawia

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