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Feuilleton

Filme, nach denen die WIENER GIEREN

1945 1960 1980 2000 2020

Von 22. Oktober bis 5. November öffnet das Wiener Filmfestival "Viennale" seine Pforten. Auch heuer ist das Programm äußerst vielfältig.

1945 1960 1980 2000 2020

Von 22. Oktober bis 5. November öffnet das Wiener Filmfestival "Viennale" seine Pforten. Auch heuer ist das Programm äußerst vielfältig.

Gleich mit ihren beiden ersten Filmen wurde Tippi Hedren weltberühmt: "Die Vögel" (1963) und "Marnie" (1964), zwei Schlüsselwerke des Regisseurs Alfred Hitchcock. Doch dann kam die Karriere der US-amerikanischen Schauspielerin zum Stillstand. Zwischen Hedren und Hitchcock war es zu einem Zerwürfnis gekommen, in der Folge sorgte der Meisterregisseur dafür, dass sie in den nächsten Jahren keine Rolle mehr bekam. Vielleicht ist es nun ein später Trost, dass Hedren Ehrengast der diesjährigen Viennale ist, auf der ihre beiden großen Filme zur Aufführung kommen. Das Filmfestival findet heuer vom 22. Oktober bis 5. November statt.

Während "Marnie" im Rahmen einer feierlichen Gala-Vorstellung gezeigt wird, sind "Die Vögel" ein zentraler Angelpunkt der großen Viennale-Retrospektive im Österreichischen Filmmuseum. "Animals - eine kleine Zoologie des Kinos" lautet ihr Titel und sie widmet sich dem Tier im Film. "Die Tiere des Kinos haben ihren Stachel, ihre Lebendigkeit ihre manchmal dunkel provokante, manchmal aufklärerische Kraft bewahrt", philosophiert Filmmuseumsdirektor Alexander Horwath. Zu sehen sind unterschiedlichste Filme mit Tieren in zentralen Rollen, vom (mitunter düsteren) Disney-Märchen "Bambi" (1942) bis zum japanischen Monsterfilm-Klassiker "Godzilla" (1954), vom sozialkritischen Science-Fiction-Streifen "Planet der Affen" (1968) bis zu Ulrich Seidls "Tierische Liebe"(1995).

Gelegenheit für historische Filme

Man darf nicht unterschätzen, für wie viele Zuseher die Viennale eine gute Gelegenheit darstellt, historische Filme (wieder) zu sehen. Die junge Mehrheit der Viennale-Besucher freilich giert vor allem nach neuen Filmen, die vielleicht erst in Monaten regulär im Kino gezeigt werden oder erst gar nicht in die österreichischen Lichtspielhäuser gelangen. Insgesamt gibt es heuer wieder rund 170 aktuelle Langfilme zu sehen und fast ebenso viele Dokumentarfilme.

Dass der Dokumentarfilm so breiten Raum erhält, ist mittlerweile eine Tradition des Wiener Filmfestivals. So handelt es sich beispielsweise bei vier der sieben Weltpremieren von abendfüllenden Filmen aus Österreich um Dokumentarfilme. Einer davon ist "Niemals wieder ist eine Insel so weit weg gewesen" (Regie: Elisabeth Schlebrügge), ein collagehafter Filmessay, der verschiedene Inseln des Mittelmeeres vermisst.

Zwei weitere setzen sich mit dem aktuellen Thema Flüchtlinge auseinander: "Lampedusa im Winter" (Regie: Jakob Brossmann) erzählt, wie die Einwohner der italienischen Insel, 110 Kilometer vor der tunesischen Küste gelegen, mit dem unaufhörlichen Flüchtlingsstrom aus Nordafrika umgehen. "Last Shelter"(Regie: Gerald Igor Hauzenberger) geht der Frage nach, was eigentlich aus jenen Asylwerbern wurde, die im Winter 2012/13 die Wiener Votivkirche besetzten, um ihre Abschiebung zu verhindern.

Außergewöhnliche Arbeiten

"Immer öfter haben wir es mit Filmen zu tun, die zwischen Spielund Dokumentarfilm oszillieren", berichtet Festivaldirektor Hans Hurch. Einer davon ist die im Katalog als Dokumentarfilm gezählte österreichische Weltpremiere "Aus dem Nichts" (Regie: Angela Summereder), die teils fiktional, teils dokumentarisch der verwegenen Idee des österreichischen Erfinders und Schriftstellers Carl Schappeller nachgeht, Energie aus dem leeren Raum zu gewinnen.

Eröffnungsfilm der diesjährigen Viennale ist natürlich ein Spielfilm: "Carol"(Regie: Todd Haynes), eine Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen in den 1950er-Jahren mit Cate Blanchett und Rooney Mara in den Hauptrollen. Zum Abschluss zeigt das Wiener Filmfestival den Animationsfilm "Anomalisa" (Regie: Charlie Kaufman und Duke Johnson), laut Hurch eine der ungewöhnlichsten Arbeiten des vergangenen Kinojahres. Für FURCHE-Leser könnten zwei Spielfilme von besonderem Interesse sein: "Tikkun" (Regie: Avishai Sivan), in dem ein ultraorthodoxer Jude nach einem Unfall seinen Glauben verliert und "El Apóstata"(Regie: Federico Veiroj), in dem ein ewiger Student sich ein für allemal von der katholischen Kirche lösen möchte, was in Spanien schon rein formal eine ziemliche Herausforderung darstellt. Dem uruguayischen Filmemacher Veiroj ist eine eigene kleine Programmschiene gewidmet, ebenso dem argentinischen Regisseur Raúl Perrone, dem portugiesischen Filmemacher Manoel de Oliveira sowie der US-amerikanischen Schauspielerin, Regisseurin und Produzentin Ida Lupino. Weiters gibt es eine kleine Reihe von griechischen Filmen aus den letzten zehn Jahren. Ein Leckerbissen ist sicher die Filmschau "Aus Fleisch und Blut" - eine Kooperation mit dem Filmarchiv Austria -, die sich dem wilden Genre- und Exploitation-Kino aus Österreich widmet.

Am 26. Oktober findet im Gartenbaukino der "Internationalfeiertag" statt, ein Programm, das sich mit den Themen Flucht und Migration beschäftigt. Gezeigt werden unter anderem der Charlie-Chaplin-Stummfilm "The Immigrant" (1917), der Elia-Kazan-Klassiker "America America"(1963), die beiden Dokumentarfilme "Last Shelter" und "Lampedusa im Winter" sowie "Gran Torino"(2008), Clint Eastwoods politisch unkorrektes Meisterwerk über einen Clash der Kulturen in Detroit. ("Eastwood ist ja nicht gerade als linksradikaler bekannt", scherzt Hurch.) Dieses Programm war wohl gedacht als präsumtive Reaktion auf ein mögliches politisches Erdbeben bei den jüngsten Wiener Wahlen. Bekanntlich hat dieses nicht stattgefunden -wohl sehr zur Freude von Festivalleiter Hurch und Viennale-Präsident Eric Pleskow, die im Vorfeld kein Hehl aus ihrer politischen Haltung gemacht hatten.

Gleich mit ihren beiden ersten Filmen wurde Tippi Hedren weltberühmt: "Die Vögel" (1963) und "Marnie" (1964), zwei Schlüsselwerke des Regisseurs Alfred Hitchcock. Doch dann kam die Karriere der US-amerikanischen Schauspielerin zum Stillstand. Zwischen Hedren und Hitchcock war es zu einem Zerwürfnis gekommen, in der Folge sorgte der Meisterregisseur dafür, dass sie in den nächsten Jahren keine Rolle mehr bekam. Vielleicht ist es nun ein später Trost, dass Hedren Ehrengast der diesjährigen Viennale ist, auf der ihre beiden großen Filme zur Aufführung kommen. Das Filmfestival findet heuer vom 22. Oktober bis 5. November statt.

Während "Marnie" im Rahmen einer feierlichen Gala-Vorstellung gezeigt wird, sind "Die Vögel" ein zentraler Angelpunkt der großen Viennale-Retrospektive im Österreichischen Filmmuseum. "Animals - eine kleine Zoologie des Kinos" lautet ihr Titel und sie widmet sich dem Tier im Film. "Die Tiere des Kinos haben ihren Stachel, ihre Lebendigkeit ihre manchmal dunkel provokante, manchmal aufklärerische Kraft bewahrt", philosophiert Filmmuseumsdirektor Alexander Horwath. Zu sehen sind unterschiedlichste Filme mit Tieren in zentralen Rollen, vom (mitunter düsteren) Disney-Märchen "Bambi" (1942) bis zum japanischen Monsterfilm-Klassiker "Godzilla" (1954), vom sozialkritischen Science-Fiction-Streifen "Planet der Affen" (1968) bis zu Ulrich Seidls "Tierische Liebe"(1995).

Gelegenheit für historische Filme

Man darf nicht unterschätzen, für wie viele Zuseher die Viennale eine gute Gelegenheit darstellt, historische Filme (wieder) zu sehen. Die junge Mehrheit der Viennale-Besucher freilich giert vor allem nach neuen Filmen, die vielleicht erst in Monaten regulär im Kino gezeigt werden oder erst gar nicht in die österreichischen Lichtspielhäuser gelangen. Insgesamt gibt es heuer wieder rund 170 aktuelle Langfilme zu sehen und fast ebenso viele Dokumentarfilme.

Dass der Dokumentarfilm so breiten Raum erhält, ist mittlerweile eine Tradition des Wiener Filmfestivals. So handelt es sich beispielsweise bei vier der sieben Weltpremieren von abendfüllenden Filmen aus Österreich um Dokumentarfilme. Einer davon ist "Niemals wieder ist eine Insel so weit weg gewesen" (Regie: Elisabeth Schlebrügge), ein collagehafter Filmessay, der verschiedene Inseln des Mittelmeeres vermisst.

Zwei weitere setzen sich mit dem aktuellen Thema Flüchtlinge auseinander: "Lampedusa im Winter" (Regie: Jakob Brossmann) erzählt, wie die Einwohner der italienischen Insel, 110 Kilometer vor der tunesischen Küste gelegen, mit dem unaufhörlichen Flüchtlingsstrom aus Nordafrika umgehen. "Last Shelter"(Regie: Gerald Igor Hauzenberger) geht der Frage nach, was eigentlich aus jenen Asylwerbern wurde, die im Winter 2012/13 die Wiener Votivkirche besetzten, um ihre Abschiebung zu verhindern.

Außergewöhnliche Arbeiten

"Immer öfter haben wir es mit Filmen zu tun, die zwischen Spielund Dokumentarfilm oszillieren", berichtet Festivaldirektor Hans Hurch. Einer davon ist die im Katalog als Dokumentarfilm gezählte österreichische Weltpremiere "Aus dem Nichts" (Regie: Angela Summereder), die teils fiktional, teils dokumentarisch der verwegenen Idee des österreichischen Erfinders und Schriftstellers Carl Schappeller nachgeht, Energie aus dem leeren Raum zu gewinnen.

Eröffnungsfilm der diesjährigen Viennale ist natürlich ein Spielfilm: "Carol"(Regie: Todd Haynes), eine Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen in den 1950er-Jahren mit Cate Blanchett und Rooney Mara in den Hauptrollen. Zum Abschluss zeigt das Wiener Filmfestival den Animationsfilm "Anomalisa" (Regie: Charlie Kaufman und Duke Johnson), laut Hurch eine der ungewöhnlichsten Arbeiten des vergangenen Kinojahres. Für FURCHE-Leser könnten zwei Spielfilme von besonderem Interesse sein: "Tikkun" (Regie: Avishai Sivan), in dem ein ultraorthodoxer Jude nach einem Unfall seinen Glauben verliert und "El Apóstata"(Regie: Federico Veiroj), in dem ein ewiger Student sich ein für allemal von der katholischen Kirche lösen möchte, was in Spanien schon rein formal eine ziemliche Herausforderung darstellt. Dem uruguayischen Filmemacher Veiroj ist eine eigene kleine Programmschiene gewidmet, ebenso dem argentinischen Regisseur Raúl Perrone, dem portugiesischen Filmemacher Manoel de Oliveira sowie der US-amerikanischen Schauspielerin, Regisseurin und Produzentin Ida Lupino. Weiters gibt es eine kleine Reihe von griechischen Filmen aus den letzten zehn Jahren. Ein Leckerbissen ist sicher die Filmschau "Aus Fleisch und Blut" - eine Kooperation mit dem Filmarchiv Austria -, die sich dem wilden Genre- und Exploitation-Kino aus Österreich widmet.

Am 26. Oktober findet im Gartenbaukino der "Internationalfeiertag" statt, ein Programm, das sich mit den Themen Flucht und Migration beschäftigt. Gezeigt werden unter anderem der Charlie-Chaplin-Stummfilm "The Immigrant" (1917), der Elia-Kazan-Klassiker "America America"(1963), die beiden Dokumentarfilme "Last Shelter" und "Lampedusa im Winter" sowie "Gran Torino"(2008), Clint Eastwoods politisch unkorrektes Meisterwerk über einen Clash der Kulturen in Detroit. ("Eastwood ist ja nicht gerade als linksradikaler bekannt", scherzt Hurch.) Dieses Programm war wohl gedacht als präsumtive Reaktion auf ein mögliches politisches Erdbeben bei den jüngsten Wiener Wahlen. Bekanntlich hat dieses nicht stattgefunden -wohl sehr zur Freude von Festivalleiter Hurch und Viennale-Präsident Eric Pleskow, die im Vorfeld kein Hehl aus ihrer politischen Haltung gemacht hatten.