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Flieg, Vogel, flieg! Und sei's über New York

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"Birdman": Alejandro Gonzáles Iñárritus exzeptionelle Komödie mit einem exzeptionellen Michael Keaton und Edward Norton.

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"Birdman": Alejandro Gonzáles Iñárritus exzeptionelle Komödie mit einem exzeptionellen Michael Keaton und Edward Norton.

Besonders oft beglückt der mexikanische Regie-Star Alejandro Gonzáles Iñárritu sein Publikum nicht mit einem neuen Opus. Aber dafür hat es dieses dann meist in sich. Nun ist seit der ergreifenden, in Barcelona spielenden Sterbegeschichte "Biutiful" mit dem unnachahmlichen Javier Bardem in der Hauptrolle bereits ein halbes Jahrzehnt vergangen. Und wieder wartet Gonzáles Iñárritu mit einem Meisterwerk auf, das auch Furore macht: Mit neun Nominierungen ist "Birdman (oder Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)" einer der beiden Oscar-Favoriten in diesem Jahr.

Michael Keaton, der in der Rolle des Theatermannes Riggan Thomson brilliert und natürlich Favorit für den Darsteller-Oscar ist, hat bereits den Golden Globe eingeheimst, und auch für Edward Norton als aufgeblasener Broadway-Star Mike wäre der Nebenrollen-Oscar folgerichtig.

Wobei Keaton sich sozusagen noch selber zitiert, ist er dem Publikum als Batman aus den Comic-Verfilmungen von Tim Burton präsent. Nun schwebt er als gebrochener Traummann durch die Lüfte von New York, wenn ihm der reale Boden der Stadt und seiner Theater gar zu heiß wird.

Vor allem eines macht den Reiz von "Birdman" aus, auch wenn die dramaturgische und cineastische Idee ja keineswegs neu ist: Es handelt sich um Theater im Theater, in dem man die Welt und das Leben so gut spiegeln kann, wie weiland schon Shakespeare wusste. Riggan Thomson war, erzählt der Film, einst ein filmischer Superheld, Birdman eben, und ist nun nicht wirklich in Ehren ergraut - ein rastloses Theaterwesen. Sein Image wird er selber ebenso wenig los wie das Publikum. Dennoch versucht er am Broadway einen Neustart als Schauspieler wie als Regisseur der Dramatisierung der Kurzgeschichte von Raymond Carver "What We Talk About When We Talk About Love". Natürlich ist auch dieses Wort absichtsvoll, über weite Strecken ist "Birdman" nichts anderes als eine filmische Paraphrase über diesen Titel.

Zwischen Genie und Wahnsinn

Außerdem hat Gonzáles Iñárritu seine Murphy'schen Gesetze gelesen: Was schief gehen kann, geht in "Birdman" schief -und das mit der größtmöglichen Verheerung. So fällt dem zweiten Hauptdarsteller der Aufführung ein Bühnenscheinwerfer auf den Kopf - über Nacht muss Ersatz her. Der wird im Broadway-Superstar Mike gefunden: Dieses egomanische Arschloch, für dessen Gestaltung Edward Norton alle Register seines Könnens zieht, verspricht zwar ein volles Haus und Kritikerzuspruch, aber er treibt den angeschlagenen Riggan an den Rand des Wahnsinns. Zu allem Überfluss vernascht Mike gleich auch Riggans Tochter Sam (Emma Stone), die gerade eine Entziehungskur hinter sich hat. .

Mit den Frauen hat Riggan sowieso seine liebe Not, neben der labilen Tochter macht ihm seine Ex Sylvia (Amy Ryan) das Leben nicht leichter, und auch Co-Star Laura (Andrea Riseborough) strapaziert das Nervenkostüm des geplagten Bühnenmanns weiter. Gerade in der Schauspielerei - hinter wie auf der Bühne (und adäquat übertragbar: vor unter hinter der Kamera) - liegen Genie und Wahnsinn nah beieinanderbeziehungsweise sind über weite Strecken nicht so klar unterscheidbar.

"Birdman" ist beileibe nicht die erste Variation dieses Themas, aber eine originäre und kunstvolle: Alejandro Gonzáles Iñárritu setzt das alles mit langen Steadycam-Einstellungen in Szene, der Zuschauer huscht mit dem Protagonisten durch Verwinkelungen des Theaters oder wankt mit, wenn er in Unterhosen vom Hinter- zum Haupteingang durchs pulsierende Stadtleben stolpert, weil die Hintertür ins Schloss gefallen ist. Oder fliegt als Vogelmann über die Straßen hinweg, als ob man solche Unwirklichkeit wirklich ausleben könnte.

Birdman (oder Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit) (Birdman (or The Unexpected Virtue of Ignorance))

USA/CDN 2014. Regie: Alejandro Gonzáles Iñárritu. Mit Michael Keaton, Andrea Riseborough, Edward Norton. Centfox. 119 Min.

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