Digital In Arbeit
Feuilleton

Fotografie als Akt der Emanzipation

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Das Jüdische Museum Wien widmet jüdischen Fotografinnen im Wien der ersten Jahrzehnte des 20. Jh. eine eindrucksvolle Ausstellung. Eine zweite, kleinere Fotoausstellung im selben Haus gilt dem Rothschild-Spital, bis 1952 Zwischenstation für jüdische Flüchtlinge.

Sie porträtierte Größen wie Karl Kraus, Alban Berg, Oskar Kokoschka, Adolf Loos oder Stefan Zweig, ihre Aktfotografien der Tänzerin Claire Bauroff machten Furore: Die Fotografin Trude Fleischmann war eine fixe Größe im Kulturleben der Zwischenkriegszeit. Der Ästhetik ihrer Zeit war die Tochter aus einem großbürgerlich-jüdischen Elternhaus bisweilen um drei Jahrzehnte voraus, wie beispielsweise an ihren Fotos des Filmstars Dolly Haas zu sehen ist. Doch Fleischmann war nicht die einzige ihrer Art: Bis 1938 dominierten jüdische Frauen die "Amateurfotografie“ in Wien, wie die Fotografie mit künstlerischem Anspruch damals genannt wurde. Die Ausstellung "Vienna’s Shooting Girls“ im Jüdischen Museum Wien wirft einen Blick auf dieses Kapitel österreichischer Kulturgeschichte.

Die jungen Fotografinnen stammten zumeist aus liberalen jüdischen Familien. Höhere Schulbildung und eine Berufsausbildung auch für die weiblichen Nachkommen waren Teil des jüdischen Selbstverständnisses. Fotografie war ein sehr attraktiver Beruf für Frauen, weil er keine akademische Ausbildung erforderte, die damals für Frauen noch sehr schwer zu erlangen war. Ihre Ausbildung absolvierten viele von ihnen in der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt, die seit 1908 Frauen offenstand. Mit der Fotografie bot sich Frauen eine Möglichkeit, ökonomisch zu reüssieren und auch künstlerisch ernst genommen zu werden.

Ahnung - auch sexueller - Freiheit

Die Wiener Fotografinnen pflegten eine neue, moderne Bildsprache. Ihre Fotos vermitteln die unterschiedlichsten Facetten des sich im Verlauf weniger Jahrzehnte stark wandelnden Menschen- und vor allem Frauenbildes im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Auf vielen der im Jüdischen Museum gezeigten Bilder sind Frauen mit Zigaretten abgebildet, damals noch ein Symbol für Freiheit. Ein neues sportliches Körperbild und eine Ahnung sexueller Freiheit brachten eine zunehmende Ungezwungenheit bezüglich Nacktheit mit sich, die nicht unbedingt erotische Funktion hatte, sondern Ausdruck von gesellschaftlicher Befreiung und Natürlichkeit war.

Mit dem "Anschluss“ Österreichs an Hitlerdeutschland war Schluss damit. Die meisten Fotografinnen konnten sich ins Ausland retten, einige von ihnen konnten dort an ihre bisherigen beruflichen Erfolge anknüpfen. Die vielleicht berühmteste von ihnen, Dora Kallmus alias Madame d’Ora, überlebte den nationalsozialistischen Terror als U-Boot in Belgien. Manchen freilich, etwa Edith Barakovich oder Eugenie Goldstern, gelang die Flucht nicht, sie wurden ermordet oder in den Suizid getrieben. Die Besucher des Jüdischen Museums bekommen die Biografien und Arbeiten von rund 40 Fotografinnen präsentiert.

Displaced Persons

Zeitgleich wurde auch eine weitere, kleinere Fotoausstellung im Jüdischen Museum eröffnet: "Das Rothschild-Spital im November 1947“ zeigt Bilder von Menschen, die infolge des Zweiten Weltkrieges aus ihrer Heimat verschleppt oder vertrieben worden waren, sogenannten "Displaced Persons“.

Das Rothschild-Spital in Wien, ein ehemaliges jüdisches Krankenhaus, war bis 1952 Zwischenstation für rund 250.000 jüdische Flüchtlinge, die aus Konzentrationslagern und aus Osteuropa auf dem Weg in Richtung USA oder Palästina bzw. Israel waren. Die Fotos stammen von Henry Ries, einem emigrierten deutschen Juden, der als Fotojournalist für die New York Times arbeitete. Berühmt wurde er mit der Aufnahme eines "Rosinenbombers“, der während der Berlin-Blockade 1948/49 Nahrungsmittel in die deutsche Stadt brachte. Die Fotos aus dem Rothschild-Spital zeigen eine Geschichte des Wartens und des Hoffens und sind einzigartige Dokumente, die das Schicksal jüdischer Überlebender und Flüchtlinge dokumentieren. Die Bilder wurden damals nicht veröffentlicht - vermutlich, um keine Aufmerksamkeit auf den Flüchtlingsstrom zu lenken.

Vienna’s Shooting Girls

Jüdische Fotografinnen aus Wien

bis 3. März 2013

Wartesaal der Hoffnung

Das Rothschild-Spital im November 1947 - Fotos von Henry Ries

bis 17. Februar 2013

Jüdisches Museum Wien, So-Fr 10-18 Uhr

Das Jüdische Museum Wien widmet jüdischen Fotografinnen im Wien der ersten Jahrzehnte des 20. Jh. eine eindrucksvolle Ausstellung. Eine zweite, kleinere Fotoausstellung im selben Haus gilt dem Rothschild-Spital, bis 1952 Zwischenstation für jüdische Flüchtlinge.

Sie porträtierte Größen wie Karl Kraus, Alban Berg, Oskar Kokoschka, Adolf Loos oder Stefan Zweig, ihre Aktfotografien der Tänzerin Claire Bauroff machten Furore: Die Fotografin Trude Fleischmann war eine fixe Größe im Kulturleben der Zwischenkriegszeit. Der Ästhetik ihrer Zeit war die Tochter aus einem großbürgerlich-jüdischen Elternhaus bisweilen um drei Jahrzehnte voraus, wie beispielsweise an ihren Fotos des Filmstars Dolly Haas zu sehen ist. Doch Fleischmann war nicht die einzige ihrer Art: Bis 1938 dominierten jüdische Frauen die "Amateurfotografie“ in Wien, wie die Fotografie mit künstlerischem Anspruch damals genannt wurde. Die Ausstellung "Vienna’s Shooting Girls“ im Jüdischen Museum Wien wirft einen Blick auf dieses Kapitel österreichischer Kulturgeschichte.

Die jungen Fotografinnen stammten zumeist aus liberalen jüdischen Familien. Höhere Schulbildung und eine Berufsausbildung auch für die weiblichen Nachkommen waren Teil des jüdischen Selbstverständnisses. Fotografie war ein sehr attraktiver Beruf für Frauen, weil er keine akademische Ausbildung erforderte, die damals für Frauen noch sehr schwer zu erlangen war. Ihre Ausbildung absolvierten viele von ihnen in der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt, die seit 1908 Frauen offenstand. Mit der Fotografie bot sich Frauen eine Möglichkeit, ökonomisch zu reüssieren und auch künstlerisch ernst genommen zu werden.

Ahnung - auch sexueller - Freiheit

Die Wiener Fotografinnen pflegten eine neue, moderne Bildsprache. Ihre Fotos vermitteln die unterschiedlichsten Facetten des sich im Verlauf weniger Jahrzehnte stark wandelnden Menschen- und vor allem Frauenbildes im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Auf vielen der im Jüdischen Museum gezeigten Bilder sind Frauen mit Zigaretten abgebildet, damals noch ein Symbol für Freiheit. Ein neues sportliches Körperbild und eine Ahnung sexueller Freiheit brachten eine zunehmende Ungezwungenheit bezüglich Nacktheit mit sich, die nicht unbedingt erotische Funktion hatte, sondern Ausdruck von gesellschaftlicher Befreiung und Natürlichkeit war.

Mit dem "Anschluss“ Österreichs an Hitlerdeutschland war Schluss damit. Die meisten Fotografinnen konnten sich ins Ausland retten, einige von ihnen konnten dort an ihre bisherigen beruflichen Erfolge anknüpfen. Die vielleicht berühmteste von ihnen, Dora Kallmus alias Madame d’Ora, überlebte den nationalsozialistischen Terror als U-Boot in Belgien. Manchen freilich, etwa Edith Barakovich oder Eugenie Goldstern, gelang die Flucht nicht, sie wurden ermordet oder in den Suizid getrieben. Die Besucher des Jüdischen Museums bekommen die Biografien und Arbeiten von rund 40 Fotografinnen präsentiert.

Displaced Persons

Zeitgleich wurde auch eine weitere, kleinere Fotoausstellung im Jüdischen Museum eröffnet: "Das Rothschild-Spital im November 1947“ zeigt Bilder von Menschen, die infolge des Zweiten Weltkrieges aus ihrer Heimat verschleppt oder vertrieben worden waren, sogenannten "Displaced Persons“.

Das Rothschild-Spital in Wien, ein ehemaliges jüdisches Krankenhaus, war bis 1952 Zwischenstation für rund 250.000 jüdische Flüchtlinge, die aus Konzentrationslagern und aus Osteuropa auf dem Weg in Richtung USA oder Palästina bzw. Israel waren. Die Fotos stammen von Henry Ries, einem emigrierten deutschen Juden, der als Fotojournalist für die New York Times arbeitete. Berühmt wurde er mit der Aufnahme eines "Rosinenbombers“, der während der Berlin-Blockade 1948/49 Nahrungsmittel in die deutsche Stadt brachte. Die Fotos aus dem Rothschild-Spital zeigen eine Geschichte des Wartens und des Hoffens und sind einzigartige Dokumente, die das Schicksal jüdischer Überlebender und Flüchtlinge dokumentieren. Die Bilder wurden damals nicht veröffentlicht - vermutlich, um keine Aufmerksamkeit auf den Flüchtlingsstrom zu lenken.

Vienna’s Shooting Girls

Jüdische Fotografinnen aus Wien

bis 3. März 2013

Wartesaal der Hoffnung

Das Rothschild-Spital im November 1947 - Fotos von Henry Ries

bis 17. Februar 2013

Jüdisches Museum Wien, So-Fr 10-18 Uhr