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Feuilleton

Fragen, die Menschen und Welt bewegen

1945 1960 1980 2000 2020

Martin M. Lintner ist Ordensmann - er gehört dem Servitenorden an -und Moraltheologe. Ob beim Einsatz für eine menschengerechte Sexualmoral, für eine tiergerechte Ethik oder für die Nöte der Menschen: Er mischt sich in aktuelle gesellschaftspolitische Debatten ein.

1945 1960 1980 2000 2020

Martin M. Lintner ist Ordensmann - er gehört dem Servitenorden an -und Moraltheologe. Ob beim Einsatz für eine menschengerechte Sexualmoral, für eine tiergerechte Ethik oder für die Nöte der Menschen: Er mischt sich in aktuelle gesellschaftspolitische Debatten ein.

Das Bild mit dem Auerhahn können Sie nicht ohne Erklärung nehmen", sagt P. Martin M. Lintner. "Kein Jäger wird glauben, das Bild ist echt. Denn ein Auerhahn lässt einen Menschen nie so nah an sich heran." Auf den fragenden Blick des ornithologischen Laien setzt er hinzu: "Außer bei der Balz, da verlieren manche Hähne die Scheu. Einen solchen zu finden, ist ein Glücksfall." Also ist die Aufnahme des liebestollen Alpenvogels mit dem Südtiroler Ordensmanns doch kein Fake. Das Bild zeugt aber auch vom Hobby Lintners: Bergwandern und Tiere beobachten. Im Sommer findet man ihn in den Bergen seiner Heimat. Wo er herkommt, dorthin zieht es ihn zurück.

Der Ordensmann als Moraltheologe

Vom Beruf her ist Martin M. Lintner Theologieprofessor. Er lehrt Moraltheologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Brixen. Und seine Berufung ist die eines Ordensmannes -er gehört dem Servitenorden an. Auf den ersten Blick scheint es kaum spektakulär, dass ein Ordensmann Theologie unterrichtet. Aber, so Pater Martin, typisch für einen Serviten ist die akademische Laufbahn nicht. Wallfahrtsseelsorge, Pfarren und Schule sind die Aufgaben, die seine Ordensbrüder im Allgemeinen wahrnehmen.

Im Wallfahrtsort Maria Weißenstein bei Bozen lernte der Südtiroler Bergbauernbub, Jahrgang 1972, Serviten kennen, die dort als Seelsorger tätig waren. Vor allem mit zwei Patres war der junge Martin, der dann in Dorf Tirol bei Meran das bischöfliche Gymnasium Johanneum besuchte, befreundet. Deren Spiritualität zog ihn an -und ließ ihn nicht los, bis er selber der Gemeinschaft beitrat.

Woraus besteht diese Spiritualität der "Diener Mariens", wie der im 13. Jahrhundert gegründete Servitenorden offiziell heißt? Lintner nennt zuvorderst die marianische Dimension, wobei er damit weniger traditionelle Marienfrömmigkeit, sondern eine biblisch geprägte Sicht meint: "Wie Maria Gott und den Menschen dienen", so bringt er es auf den Punkt. Das sei gerade heute aktuell und wichtig. Offenheit für den Willen Gottes und Sensibilität für die Nöte der Menschen sind für ihn etwas, was er von der biblischen Maria "gelernt" hat. Und das er für sein Leben zu beherzigen sucht.

Nach dem Theologiestudium in Innsbruck und dem Ordenseintritt 1993 studiert er in Wien und Rom weiter -und spezialisiert sich auf Moraltheologie. In Wien dissertiert er bei Günter Virt, als junger Priester sammelt er in Wien und später im deutschen Gelsenkirchen seelsorgliche Erfahrung. An der ordenseigenen päpstlichen Fakultät Marianum in Rom beginnt Lintner schließlich mit der Lehre und übernimmt 2009 an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Brixen den Lehrstuhl für Moraltheologie.

Was bewegt Lintner, Theologie zu treiben? Es ist, führt er aus, die Auseinandersetzung mit Fragen, die die Menschen und die Welt bewegen. Lintner ortet ein steigendes Bedürfnis von Menschen, dass sich die Theologen auf ihre Fragen einlassen. Und zwar nicht, um ihnen Positionen aufzudrängen, sondern um ihnen bei ihren Entscheidungen Hilfe anbieten zu können.

Gerade ein Moraltheologe ist hier gefordert. Die katholische Moraltheologie war bis vor kurzem aber ein besonders heißer Boden, auf dem sich ein allzu frei Denkender leicht die Finger verbrannte. Lintner erzählt, dass in seinen ersten Jahren an der Hochschule konservative Gruppen in und außerhalb Südtirols sich bei den Glaubenswächtern in Rom um seine Glaubenstreue sorgten. Mit Papst Franziskus wurde das Klima freier. Er habe sich entschieden, so Lintner, sich durch die kritische Beobachtung bestimmter Kreise nicht einschüchtern zu lassen: "Ich sage nicht alles, was ich mir denke, aber ich sage nichts, was ich mir nicht denke."

Mittlerweile ist Martin M. Lintner im deutschen Sprachraum auch als Buchautor, durchaus zu "heißen Eisen", bekannt geworden. Sein theologisches Credo, sich den Fragen der Menschen zu stellen, erfährt so eine sichtbare Konkretion. In "Den Eros entgiften" (2011) redet Lintner einer positiven Sicht der Sexualität das Wort. Gerade in diesem Themenbereich haben sich katholisches Lehramt und Gläubige voneinander entfernt. Und auch aufgrund der Missbrauchskrise wurde in der katholischen Kirche der menschengerechte Umgang mit Sexualität ein vordringliches Thema. Heuer hat Lintner anlässlich des 50. Jahrjubiläums von "Humanae vitae" ein weiteres Buch veröffentlicht, in dem er das als "Pillenenzyklika" verschriene Schreiben Pauls VI. im Licht von "Amoris Laetitia -Freude der Liebe", wie Papst Franziskus seinen Zugang zu Liebe und Erotik übertitelt, neu liest und weiterdenkt -insbesondere angesichts der Tatsache, dass das in "Humanae vitae" ausgesprochene Verbot "künstlicher" Verhütungsmethoden von einer großen Zahl von Katholik(inn)en nicht angenommen wurde.

Herzensanliegen: Rechter Umgang mit Tieren

2017 ist Lintners Buch "Der Mensch und das liebe Vieh" erschienen, in dem er sich mit tierethischen Fragen beschäftigt. Dieses Thema, das in der Theologie wichtiger wird, ist ihm Herzensanliegen: Als Bergbauernbub gehörten Tiere für ihn von klein auf zum Leben. Hätte er nicht Theologie studiert, wäre er Biologe geworden. Auch sein Hobby Tierbeobachtung zeigt, wie wichtig ihm der rechte Umgang mit dem "lieben Vieh" ist.

In der katholischen Kirche ortet Lintner da Nachholbedarf. Dabei sei Tierethik ein urbiblisches Thema. Unweigerlich kommt hier die Frage nach der Berechtigung des Fleischverzehrs auf: "Die Debatte darüber ist wichtig, mit welchem Recht wir Tiere töten." Lintner ist kein Verfechter des Veganismus, aber für ihn ist klar, dass es aus ethischen Überlegungen heraus unabdingbar wird, den eigenen Fleischkonsum stark einzuschränken.

Anfang September hat Lintner bei einem Umweltsymposium im Wiener Kardinal-König-Haus dafür plädiert, dass kirchliche Bildungshäuser, Klöster, Pfarrhöfe und Pfarrgemeinden ihre Lebensmittel nur von "ökologisch und tierethisch qualifizierten Bauernhöfen und nach Möglichkeit aus der Region" beziehen sollten. So könnten kirchliche Häuser ein "starkes und überfälliges Signal" setzen. "Das sollte ebenso selbstverständlich sein wie die Mülltrennung."

Hier wird klar, dass sich ein Ordensmann und Theologe mitten in die aktuellen, auch gesellschaftspolitischen Debatten hineinbegeben muss. Martin M. Lintner, das macht er auch an anderen Beispielen klar, verweigert sich diesen nicht. Ganz im Gegenteil.

Das Bild mit dem Auerhahn können Sie nicht ohne Erklärung nehmen", sagt P. Martin M. Lintner. "Kein Jäger wird glauben, das Bild ist echt. Denn ein Auerhahn lässt einen Menschen nie so nah an sich heran." Auf den fragenden Blick des ornithologischen Laien setzt er hinzu: "Außer bei der Balz, da verlieren manche Hähne die Scheu. Einen solchen zu finden, ist ein Glücksfall." Also ist die Aufnahme des liebestollen Alpenvogels mit dem Südtiroler Ordensmanns doch kein Fake. Das Bild zeugt aber auch vom Hobby Lintners: Bergwandern und Tiere beobachten. Im Sommer findet man ihn in den Bergen seiner Heimat. Wo er herkommt, dorthin zieht es ihn zurück.

Der Ordensmann als Moraltheologe

Vom Beruf her ist Martin M. Lintner Theologieprofessor. Er lehrt Moraltheologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Brixen. Und seine Berufung ist die eines Ordensmannes -er gehört dem Servitenorden an. Auf den ersten Blick scheint es kaum spektakulär, dass ein Ordensmann Theologie unterrichtet. Aber, so Pater Martin, typisch für einen Serviten ist die akademische Laufbahn nicht. Wallfahrtsseelsorge, Pfarren und Schule sind die Aufgaben, die seine Ordensbrüder im Allgemeinen wahrnehmen.

Im Wallfahrtsort Maria Weißenstein bei Bozen lernte der Südtiroler Bergbauernbub, Jahrgang 1972, Serviten kennen, die dort als Seelsorger tätig waren. Vor allem mit zwei Patres war der junge Martin, der dann in Dorf Tirol bei Meran das bischöfliche Gymnasium Johanneum besuchte, befreundet. Deren Spiritualität zog ihn an -und ließ ihn nicht los, bis er selber der Gemeinschaft beitrat.

Woraus besteht diese Spiritualität der "Diener Mariens", wie der im 13. Jahrhundert gegründete Servitenorden offiziell heißt? Lintner nennt zuvorderst die marianische Dimension, wobei er damit weniger traditionelle Marienfrömmigkeit, sondern eine biblisch geprägte Sicht meint: "Wie Maria Gott und den Menschen dienen", so bringt er es auf den Punkt. Das sei gerade heute aktuell und wichtig. Offenheit für den Willen Gottes und Sensibilität für die Nöte der Menschen sind für ihn etwas, was er von der biblischen Maria "gelernt" hat. Und das er für sein Leben zu beherzigen sucht.

Nach dem Theologiestudium in Innsbruck und dem Ordenseintritt 1993 studiert er in Wien und Rom weiter -und spezialisiert sich auf Moraltheologie. In Wien dissertiert er bei Günter Virt, als junger Priester sammelt er in Wien und später im deutschen Gelsenkirchen seelsorgliche Erfahrung. An der ordenseigenen päpstlichen Fakultät Marianum in Rom beginnt Lintner schließlich mit der Lehre und übernimmt 2009 an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Brixen den Lehrstuhl für Moraltheologie.

Was bewegt Lintner, Theologie zu treiben? Es ist, führt er aus, die Auseinandersetzung mit Fragen, die die Menschen und die Welt bewegen. Lintner ortet ein steigendes Bedürfnis von Menschen, dass sich die Theologen auf ihre Fragen einlassen. Und zwar nicht, um ihnen Positionen aufzudrängen, sondern um ihnen bei ihren Entscheidungen Hilfe anbieten zu können.

Gerade ein Moraltheologe ist hier gefordert. Die katholische Moraltheologie war bis vor kurzem aber ein besonders heißer Boden, auf dem sich ein allzu frei Denkender leicht die Finger verbrannte. Lintner erzählt, dass in seinen ersten Jahren an der Hochschule konservative Gruppen in und außerhalb Südtirols sich bei den Glaubenswächtern in Rom um seine Glaubenstreue sorgten. Mit Papst Franziskus wurde das Klima freier. Er habe sich entschieden, so Lintner, sich durch die kritische Beobachtung bestimmter Kreise nicht einschüchtern zu lassen: "Ich sage nicht alles, was ich mir denke, aber ich sage nichts, was ich mir nicht denke."

Mittlerweile ist Martin M. Lintner im deutschen Sprachraum auch als Buchautor, durchaus zu "heißen Eisen", bekannt geworden. Sein theologisches Credo, sich den Fragen der Menschen zu stellen, erfährt so eine sichtbare Konkretion. In "Den Eros entgiften" (2011) redet Lintner einer positiven Sicht der Sexualität das Wort. Gerade in diesem Themenbereich haben sich katholisches Lehramt und Gläubige voneinander entfernt. Und auch aufgrund der Missbrauchskrise wurde in der katholischen Kirche der menschengerechte Umgang mit Sexualität ein vordringliches Thema. Heuer hat Lintner anlässlich des 50. Jahrjubiläums von "Humanae vitae" ein weiteres Buch veröffentlicht, in dem er das als "Pillenenzyklika" verschriene Schreiben Pauls VI. im Licht von "Amoris Laetitia -Freude der Liebe", wie Papst Franziskus seinen Zugang zu Liebe und Erotik übertitelt, neu liest und weiterdenkt -insbesondere angesichts der Tatsache, dass das in "Humanae vitae" ausgesprochene Verbot "künstlicher" Verhütungsmethoden von einer großen Zahl von Katholik(inn)en nicht angenommen wurde.

Herzensanliegen: Rechter Umgang mit Tieren

2017 ist Lintners Buch "Der Mensch und das liebe Vieh" erschienen, in dem er sich mit tierethischen Fragen beschäftigt. Dieses Thema, das in der Theologie wichtiger wird, ist ihm Herzensanliegen: Als Bergbauernbub gehörten Tiere für ihn von klein auf zum Leben. Hätte er nicht Theologie studiert, wäre er Biologe geworden. Auch sein Hobby Tierbeobachtung zeigt, wie wichtig ihm der rechte Umgang mit dem "lieben Vieh" ist.

In der katholischen Kirche ortet Lintner da Nachholbedarf. Dabei sei Tierethik ein urbiblisches Thema. Unweigerlich kommt hier die Frage nach der Berechtigung des Fleischverzehrs auf: "Die Debatte darüber ist wichtig, mit welchem Recht wir Tiere töten." Lintner ist kein Verfechter des Veganismus, aber für ihn ist klar, dass es aus ethischen Überlegungen heraus unabdingbar wird, den eigenen Fleischkonsum stark einzuschränken.

Anfang September hat Lintner bei einem Umweltsymposium im Wiener Kardinal-König-Haus dafür plädiert, dass kirchliche Bildungshäuser, Klöster, Pfarrhöfe und Pfarrgemeinden ihre Lebensmittel nur von "ökologisch und tierethisch qualifizierten Bauernhöfen und nach Möglichkeit aus der Region" beziehen sollten. So könnten kirchliche Häuser ein "starkes und überfälliges Signal" setzen. "Das sollte ebenso selbstverständlich sein wie die Mülltrennung."

Hier wird klar, dass sich ein Ordensmann und Theologe mitten in die aktuellen, auch gesellschaftspolitischen Debatten hineinbegeben muss. Martin M. Lintner, das macht er auch an anderen Beispielen klar, verweigert sich diesen nicht. Ganz im Gegenteil.