Kunst aus Taiwan und China macht international auf sich aufmerksam.

Das Gespenst der Freiheit" nennt sich die Ausstellung taiwanesischer Künstler bei der Biennale in Venedig, die mit dem Palazzo delle Prigioni in San Marco auch einen thematisch passenden Ort gefunden hat. Die Inspiration zum Titel kam teils vom spanischen Surrealisten Luis Bu~nuel, gibt Kurator Chia Chi Jason Wang zu. Bu~nuel hatte im Film "Das Phantom der Freiheit" diese Freiheit als etwas immerzu Spürbares und doch nie Greifbares dargestellt. Es wundert nicht, dass gerade taiwanesische Künstler sich des Themas Freiheit als ewige Sehnsucht und doch zugleich Illusion, Chimäre, Fata Morgana annehmen.

Bedrohte Freiheit in Taiwan

Erst seit Aufhebung des Kriegsrechts im Jahr 1987 können sich in Taiwan Gesellschaft und Kunst frei entfalten. Doch während die Demokratie auf der Insel heute stabil erscheint, schwebt über ihr die ständige Bedrohung durch die Volksrepublik China, die Taiwan als abtrünniges Territorium betrachtet und Gewaltanwendung zu dessen Rückholung nicht ausschließt. Der düstere, von lauten Motorengeräuschen begleitete Schatten eines Flugzeuges, der in regelmäßigen Abständen über die Decke der Ausstellungsräume in Venedig gleitet, mag an die Gefahr aus der Volksrepublik China oder aber an die Ereignisse des 11. September 2001 in New York gemahnen. Junge taiwanesische Künstler beschäftigt die Welt so sehr wie ihr eigenes Land, und da gehören Terrorismus, politische Umbrüche und wirtschaftliche Globalisierung vorrangig dazu. Aber auch soziale Codes und Normen werden in Hinblick auf ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit hinterfragt. So führt der 1974 in der taiwanesischen Hauptstadt Taipeh geborene Kuang-yu Tsui in einem Video Kleidervorschriften und den Zwang, für jede Lebenslage ein eigenes Outfit zu besitzen, ad absurdum. Das Video "Abkürzung zum systematischen Leben: Oberflächliches Leben" hält unserer postmodernen Spaß- und Konsumgesellschaft einen ironischen Spiegel vor.

Mit dieser Auseinandersetzung mit zeitgenössischen gesellschaftspolitischen Fragen reiht sich "Das Gespenst der Freiheit" in eine mittlerweile beachtliche Serie von Ausstellungen taiwanesischer wie auch chinesischer Künstler im Westen. Derzeit unbedingt zu empfehlen ist die Ausstellung zeitgenössischer chinesischer Kunst aus der Sammlung des Schweizers Uli Sigg im Kunstmuseum Bern. Gemeinsam ist all den in den letzten zehn Jahren gezeigten Werken die Reflexion über die rasanten Entwicklungs- und Veränderungsprozesse im Fernen Osten.

Neue Kunst in China

Auch in der Volksrepublik China konnte nach ihrer Gründung 1949 jahrzehntelang keine Rede von einer Freiheit der Kunst sein. Die zeitgenössische Kunst nahm erst nach dem Ende der Kulturrevolution und der Öffnung Chinas unter Deng Xiaoping Ende der 1970er Jahre ihren Anfang. Die erste wichtige Schau, die "Sterne-Ausstellung", fand im Herbst 1979 zur selben Zeit statt, zu der in Beijing die "Mauer der Demokratie" errichtet wurde. "Picasso ist unser Banner, Kollwitz unsere Vorreiterin", lautete die Parole; eingemahnt wurde die Freiheit bei der Stilwahl und eine neue Menschlichkeit. In den 80er Jahren entstanden und zerfielen dann landesweit in rascher Folge eine Vielzahl von experimentellen Gruppen, wobei die "Kunstbewegung von 1985", die sich inhaltlich stark am Surrealismus und Dadaismus orientierte, als bedeutendste Initiative gilt. Das erwähnte Bestreben der neuen Generation, in die offiziellen Kunsträume Einzug zu halten, wurde schließlich 1989 mit der Ausstellung "China/Avantgarde" in der Staatlichen Kunstgallerie in Beijing belohnt.

Doch nur wenige Monate später wurde am 4. Juni 1989 die Demokratiebewegung am Tiananmen-Platz in Beijing blutig unterdrückt. In der Kunst hielt der zynische Realismus Einzug. Angehörige der in den 60er Jahren geborenen und in der relativen Freiheit der 80er Jahre herangewachsenen Generation empfanden nur noch Verachtung für die politische Unterdrückung, Langeweile gegenüber ihrem banalen Alltag und Aussichtslosigkeit, was ihre Zukunft anbelangte. Die gähnenden Menschen und halbstarken Glatzköpfe Fang Lijuns oder die Karikaturen von Revolutionshelden und Kadern von Yang Shaobin sind typisch für den zynischen Realismus.

Parallel dazu begann die Pop-Art, offizielle Ideologie und Kultur zu parodieren. Im Gegensatz zu den kollektiven Ansätzen der 1980er Jahre ist seit den 1990ern eine starke Individualisierung zu erkennen - mit einer Vielzahl von Ansätzen und Richtungen. Der heute in Paris lebende chinesische Kurator Hou Hanru etwa wählte für die von ihm bei der Biennale 2003 kuratierte "Zona die Urgenza" (Dringlichkeitszone) ökonomisch-soziale Themen aus. Im so genannten "Kanton-Express" stellte er eine Reihe von Initiativen aus dem Perlflussdelta und der Metropole Guangzhou (Kanton) vor. Sie gehörte zu den ersten Städten in China, die sich der Außenwelt öffneten, und hat seit den von Deng Xiaoping Ende der 70er Jahre eingeleiteten Reformen einen der rasantesten ökonomischen Entwicklungs- und Expansionsprozesse durchlaufen. Offiziell ist vom Wirtschaftswunder die Rede, dem Künstler Xu Tan erscheint eher "Zeitalter des Wahnsinns" angemessen. Ihn interessieren von der offiziellen Politik oft übergangene Fragen: Wie wirken sich diese rapide Urbanisierung, die Kommerzialisierung sowie das Streben nach Reichtum und Ansehen auf die natürliche und menschliche Umwelt aus, auf Lebenstempo und -bedingungen, und wo bleiben die, die nicht mithalten können?

Das Interesse Europas

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die seit einigen Jahren wieder größere Offenheit. Dass, wie in den letzten beiden Jahrzehnten so oft geschehen, auch künftig die eine oder andere Ausstellung knapp vor oder nach ihrer Eröffnung von offizieller Seite geschlossen wird, ist keinesfalls auszuschließen. Doch während die experimentelle und die offizielle Kunst "vor einiger Zeit verschiedene Welten waren", ist den letzten vier, fünf Jahren "viel passiert", sagt der Schweizer Lorenz Helbling, der 1996 seine "Shanghart"-Gallerie in Shanghai eröffnete. "Plötzlich werden Leute, die eigentlich außerhalb des Systems waren, von den Schulen wieder angefragt, um eine Videoabteilung aufzubauen." Regierung und Museen zeigen jüngere Leute und geben ihnen Ausstellungschancen.

Zugleich fand auch der Westen Interesse an der zeitgenössischen Kunst Chinas, wie die wachsende Zahl von Ausstellungen belegt - ein Phänomen, das manche Künstler wiederum reflexiv in ihre Werke einfließen lassen: Wie sieht der Westen China? Für wen und unter welchen Einflüssen schaffen eigentlich die chinesischen Künstler? Welche Rolle spielen westliche Sammler? Da musste sich auch Uli Sigg, einstiger Rudermeister, dann Wirtschaftsjournalist, 1995-98 Schweizer Botschafter in Beijing und heute bedeutender Sammler chinesischer Kunst im Westen, Fragen gefallen lassen, bevor sein Kunstengagement anerkannt wurde.

Uli Siggs Sammlung von chinesischer Kunst von den 1980er Jahren bis heute umfasst mehr als 1.200 Werke von etwa 180 Künstlerinnen und Künstler. Im Kunstmuseum in Bern sind nun rund ein Drittel dieser Werke ausgestellt: Werke aus einem Land, über das der chinesische Künstler Ai Wei, der gemeinsam mit Bernhard Fibicher, Exdirektor der Kunsthalle Bern und China-Kenner, die Schau kuratiert, sagt: "Alles, was sich auf der Welt abspielt, spiegelt sich im heutigen China. Bei uns findet die größte Revolution seit Menschengedenken statt."

The Spectre of Freedom

La Biennale di Venezia

Bis 6. November

www.labiennale.org

Mahjong

Kunstmuseum Bern

Bis 16. Oktober

www.kunstmuseumbern.ch

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