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Frauenwallner in San Marino

1945 1960 1980 2000 2020

Vorabdruck aus Egyd Gstättners im August bei Amalthea erscheinenden Buch "Herzmanovskys kleiner Bruder"

1945 1960 1980 2000 2020

Vorabdruck aus Egyd Gstättners im August bei Amalthea erscheinenden Buch "Herzmanovskys kleiner Bruder"

Gegen Kleinstaaten ist nichts zu sagen: Umso kleiner ein Staat, desto größer die Menschen; umso größer ein Staat, desto kleiner die Menschen. Immerhin kann gesagt werden, daß zum Beispiel Österreich im laufenden Jahrhundert absolut immer kleiner geworden ist, was die dementsprechenden Folgen für die Menschen gehabt hätte, wenn nicht, ja wenn nicht ...; es muß aber auch gesagt werden, daß, wie groß oder klein ein Staat ist, immer im Verhältnis zu anderen Staaten zu sehen ist, und es muß gesagt werden, daß Österreich in den letzten Jahren relativ gesehen wieder immer größer wird, was die entsprechenden Folgen für die Menschen haben wird. San Marino jedenfalls ist unumstritten ein Zwergstaat, und er ist kaum zwanzig Kilometer von Rimini entfernt, hoch oben am Berg, was für Aussichten. Ein ganzer Staat unter Denkmalschutz.

Ein dunkler Wolkenteppich hängt auch über dem Loch Italiens, und zu erledigen ist nun Folgendes: Frauenwallner photographiert die Oma und die Frau und das Kind vor dem Kongreßgebäude von San Marino RTV auf der Piazzale Mahatma Gandhi, die Oma photographiert Frauenwallner, Frau Frauenwallner, Kind Frauenwallner vor der Basilica del Santo, Frau Frauenwallner photographiert Kind, Oma, Frauenwallner am Geländer der Viale Antonio lehnend mit den Apenninausläufern im Hintergrund. Frauenwallner photographiert Frau Frauenwallner, Kind Frauenwallner ohne Oma vor der Fassade des Regierungspalastes auf der Piazza del Titano (die Oma will mit Politik nichts zu tun haben), die Oma photographiert Frauenwallner und Frau Frauenwallner ohne Kind links und rechts vom Denkmal der Neutralität, die eine nackte Frau mit opulenter Vulva und schönen Brüsten, aber ohne Arme ist, was die Neutralität, weil sie neutral ist, kommentarlos hinnimmt (für das Kind ist das noch nichts). Frauenwallner photographiert Frau Frauenwallner auf der Piazza della Liberta, Frau Frauenwallner photographiert Frauenwallner auf der Piazza Guiseppe Garibaldi, im Grunde könnte man auch die dementsprechenden Ansichtskarten nehmen, die Lichtbilder aus den Pässen schneiden und auf die Ansichtskarten kleben. Irgendwie fehlt nämlich, abgesehen von der nicht wegzuleugnenden allgemeinen Frauenwallnerschen Anwesenheit, ein spezifischer Zusammenhang zwischen dem Phänomen San Marino und dem Phänomen Frauenwallner, aber das wird auf den entwickelten Photographien ohnehin recht schön zum Ausdruck kommen. Auf diese technische Weise könnte man, sorgsam photomontiert, reisekostensparend auch den daheimgebliebenen Bruder, die Schwiegermutter, Opa und Sonstige nach San Marino bringen, ins antike Land der Freiheit.

Frauenwallner gibt zu, daß Frauenwallner auf den Bildern, die von Frauenwallner gemacht werden, längst die Nebensache ist, was natürlich auch auf Frau Frauenwallner, Oma, Kind zutrifft. Die Hauptsache auf den Bildern, die von Frauenwallner gemacht werden, ist der Hintergrund, und eigentlich ist es schade um die Stelle des Hintergrunds, die Frauenwallner verstellt und die auf den Ansichtskarten lückenlos zu sehen wäre.

Die Hauptsache ist beliebig, San Marino oder Rimini, Kapfenberg oder Estoril, Neuchatel oder Bad Kleinkirchheim, Schärding oder Coburg, aber immer Hauptsache, als leitmotivische Nebensache zieht sich Frauenwallner durch das Frauenwallnersche Photoalbum. Seit Jugendtagen führt Frauenwallner ein Frauenwallneralbum; als das Kind da war, hat die Frau Frauenwallner parallel dazu ein Kinderalbum angelegt, um die einzelnen Entwicklungsstadien des Frauenwallnerkinds samt Faschingsfesten, Maskenbällen, Weihnachtsabenden, Badeausflügen, Krankenhausaufenthalten zu dokumentieren, und damit ist alles schwieriger geworden. Die Filme mit den entwickelten Bildern müssen nun immer nach Kindsbildern und Frauenwallnerbildern sortiert werden, die Kindsbilder mit der Kinderwelt ins Kinderalbum, die Frauenwallnerbilder mit der Frauenwallnerwelt ins Frauenwallneralbum. Seit das Kind da ist, ist das Frauenwallnerleben in der Frauenwallnerwelt klein geworden: Nach und nach ist die Frauenwallneraußenwelt entgesichtet worden und zu Landschaften und Städtearchitektur verkommen und zusammengeschrumpft; es kommt eine Zeit, da kommen einem statt Menschen mehr und mehr Wahrzeichen und Denkmäler in die Quere und in den Lebensweg. Und außerdem wären unter zehn neuen Menschen neun unangenehme. Die Zunahme der Bilder, die Frauenwallner gemeinsam mit dem Kind posierend zeigen (zuletzt beim Affenautomaten), wirft außerdem die Frage auf, wohin mit den unentschiedenen Photographien. Oder wohin mit der Frau Frauenwallner? Ins Frauenwallneralbum? Ins Kinderalbum? Frauenwallner hätte sie gern im Frauenwallneralbum, das Kind im Kinderalbum. Frau Frauenwallner weiß selber nicht.

Alte Ordnungen brechen auf, neue statuieren sich und fügen sich zusammen; ein einziges Weihnachtsfest läßt sich ja nicht zweiteilen, ein Ausflug oder ein Urlaub nicht in Personen einteilen, und weil also die Frauenwallnersche Außenwelt unaufhaltsam verfrauenwallnert, hat Frauenwallner resigniert und sich dazu durchgerungen, Frauenwallneralbum und Kinderalbum zu einem einzigen Familienalbum zu fusionieren. Mit dem Kapitel "Frauenwallner in Rimini" wird das Familienalbum eröffnet. Schon schade.

Gerade, als Frau Frauenwallner Frauenwallner auf der Piazza Guiseppe Garibaldi photographiert, sieht sie durch das Guckloch des Photoapparates in einem Arkadengang des Platzes eine Straßenmalerin ohne Kundschaft, die um 10.000 San Marino-Lire eine "Caricatura in 3 Minuti" anbietet, und diese günstige Gelegenheit soll sich Frauenwallner nicht entgehen lassen, meint Frau Frauenwallner, eine Karikatur ist etwas Persönliches, und man kann sie nicht nachträglich auf die Ansichtskarte kleben, wenn man nicht vorher lebensecht vor Ort und neben der Staffelei gewesen ist, diese jedenfalls nicht. Eine Karikatur ist sozusagen ein Existenzbeweis. Die mittelmäßigen Karikaturisten erkennt man schon daran, daß nicht sie sich ihr Opfer aussuchen, sondern umgekehrt; nichtswürdiger als mittelmäßig kann man gar nicht sein, und Frauenwallner mag sich so oder so überhaupt nicht karikieren lassen, aber es entspricht dem gegenwärtigen Stadium seiner Entwicklung, daß er sich auf dem Klappstuhl neben der Staffelei niederläßt und ein Bein über das andere schlägt. Darauf stützt er den Ellenbogen, in eine Hand schmiegt er das Kinn und eine Wange, und die Karikaturistin beginnt zu schmunzeln und zu kritzeln.

Smile, sagt die Karikaturistin, Cheese!, immer wieder Cheese und die Backenknochen nach oben und nach unten, es soll kein Porträt, sondern eine Karikatur werden, "Cheese Caricatura", sagt sie, "Caricatura Cheese", aber obwohl Frauenwallner weiß, daß durch Lachen Atmungsaktivität und Sauerstoffaufnahme angeregt werden und das Zwerchfell gelockert und entspannt wird, daß die Pumptätigkeit des Herzens, nämlich täglich insgesamt 9.000 Liter Blut durch den Körper zu befördern, erleichtert, außerdem durch das Lachen das mit Sauerstoff angereicherte Blut schneller und intensiver in alle Gefäßnetze und Blutbahnen gepumpt und also die Fähigkeit zu lachen von Altersforschern sohin mit Langlebigkeit in Verbindung gebracht wird, daß Lachen, weil es die nach unten weisenden Falten wieder hinaufdrückt und weil man dabei nur siebzehn Muskeln bewegen muß, wohingegen man gleich dreiundvierzig Muskeln bewegt, wenn man ein finsteres Gesicht schneidet, als eine isometrische Übung für ein schöneres Gesicht ansehen und daß man sich summa summarum seelisch und körperlich Gesundheit erlachen kann, obwohl also Frauenwallner das alles weiß, will er nicht lachen. Frauenwallner will eine Karikatur ohne Lachen, Frauenwallner versteht sich als Schneider finsterer Gesichter und er will, wenn überhaupt, die Karikatur eines finster geschnittenen Gesichtes und der dreiundvierzig auch im Urlaub bewegten Muskeln.

Ohnehin schmunzelt ja die Sanmarineser Karikaturistin in einem fort, auch wenn sie offenbar nicht schmunzelt, weil sie Frauenwallner zum Schmunzeln findet, sondern um Frauenwallner zum Schmunzeln zu bringen, und es ist die Frage, ob sie dadurch länger lebt, besser liebt und schöner wird. Länger leben hieße ja auch, länger hier am Gipfel hocken und Karikaturen kritzeln. Christus hat niemals gelacht, schreibt Baudelaire, deshalb ist er auch nur knapp über dreißig geworden, denkt Frauenwallner. Auch die Frau Frauenwallner lacht, und jetzt schießt sie hinter dem Rücken der Karikaturistin eine Photographie der im Entstehen begriffenen Karikatur des im Karikiertwerden begriffenen Frauenwallner für das Familienalbum.

Seit langem wird Frauenwallner wieder einmal allein oder wenigstens familienlos auf einem Photo sein, aber wie immer ist Frauenwallner Nebensache, die Hauptsache ist seine eigene Karikatur, da lacht die Karikaturistin auf, schade um die restlichen sechsundzwanzig Muskeln, denkt Frauenwallner, lach nur, lach, eitler Weltaff, denkt er.

Als die Karikaturistin fertig ist, nimmt sie die Karikatur blitzschnell von der Staffelei, dreht sie um und hält sie Frauenwallner vors Gesicht. Frauenwallner erschrickt, weil der Kopf, den er sieht, wie man sagt, nichts gleichschaut. Der Kopf, den Frauenwallner sieht, schaut ihm nicht gleich und nicht einmal ähnlich, es ist einfach irgendein Kopf, der Kopf sieht aus wie ein Kopf, den es nicht gibt und als ob niemand neben der Staffelei gesessen wäre, ein völlig übertriebener, aber völlig fremder Kopf, eine Karikatur ohne Original, eine Karikatur eines Phantombilds, ein Fließbandkopf, dazu habe ich nach San Marino kommen müssen, denkt Frauenwallner, der Fließbandkopf einer Fließbandfamilie; und es entspricht dem gegenwärtigen Stadium seiner Entwicklung, daß Frauenwallner aufsteht, lächelt, nickt, bezahlt, die zusammengerollte Karikatur in Empfang nimmt und geht.

In dem Moment, in dem die Karikaturistin die zehntausend Lire in den Hosensack steckt, schaltet sie das Schmunzeln ab, ein heftiger Windstoß kommt über das Hochplateau von San Marino, die Karikaturistin packt eilig ihre Utensilien zusammen und verschwindet im Kaffeehaus.

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