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Freie Fahrt nach Brünn!

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Was die ungleichen Schwesterstädte Wien und Brünn verbindet.

Noch 59 Kilometer bis zum Glück. CASINO MIKULOV steht groß auf der Hauswand, darüber lockt eine gelbrotschwarze Scheibe: ein stilisierter Roulettekessel. Die Brünner Straße ist hier 179 Hausnummern alt, und wer die Roulette-Reklame liest, kann eine Portion Glück gewiss gebrauchen, egal ob ihn das Schicksal ereilt hat, an dieser abgasgeschwärzten Ausfallstraße am Nordrand Wiens zu leben oder bloß die zweite Ampelphase nacheinander im Stau zu stehen.

59 km bis zur tschechischen Grenze, danach noch einmal 50 km, und man ist in Brno CZ: zwei Stunden mit dem Auto, und wenn die Nordautobahn erst fertig ist, nur noch eine gute Stunde. Ob Brno - Brünn - dann wieder die "Vorstadt Wiens" wird, als die es einmal galt?

Die richtige Vorstadt, der 21. Wiener Bezirk, reicht seit 1938 bis zum Rendezvousberg. Der heißt so, weil Napoleon und Erzherzog Karl sich hier an einem Dezembertag des Jahres 1805 zum Tête à tête trafen. Auf einer Hauswand erinnert ein Gemälde an jene unruhigen Zeiten, als statt Blechlawinen Armeen über die Brünner Straße zogen. Das stattliche Gebäude, das jetzt einem Holzhändler als Niederlassung dient, war früher ein Gasthof mit Mautstation, die erste von vielen auf dem Weg nach Brno.

Brünn - "Vorstadt Wiens"

Von der Anhöhe geht der Blick weit nach Norden, jenseits des Hagenbrunner Gewerbeparks ist der Hochleithenwald zu erahnen. Als ich weiterfahre, sehe ich schon nach wenigen Kilometern auf der schnurgeraden Straße, hinter einem grellorangen Baumarkt, die ersten Planierraupen und frisch aufgeschütteten Rampen. Ein schmutzigbrauner Streifen zieht sich neben der ehemaligen Bundesstraße Nr. 7 über die Felder. Zu unserer Sicherheit. Baubeginn Nordautobahn, bewerben blaue Plakate großflächig das Werk. Eine Initiative von Landeshauptmann Dr. Erwin Pröll ist darunter zu lesen. "Pröll bedient bloß seine Bürgermeister entlang der B 7", winkt Christian Schrefel ab: "Mit strategischer Verkehrspolitik hat das nichts zu tun." Der grüne Bezirkssprecher aus Wolkersdorf sieht nicht aus wie ein Öko und er führt auch nicht die bedrohten Brutstätten des Wachtelkönigs ins Feld, um seine Ablehnung der Autobahn zu begründen. Bedroht seien die Arbeitsstätten der Weinviertler.

Im Gefolge der Autobahn komme ein Riesen-Einkaufszentrum nach Gerasdorf, das den Nahversorgern der Region die Kunden wegnehmen werde, prognostiziert Schrefel, der von Beruf Unternehmensberater ist. Und wer glaube, die Firmen würden sich wegen der Autobahn im Wirtschaftspark Poysdorf niederlassen, sei naiv. "Die schicken ihre Laster gleich weiter nach Brünn. Dort ist die wirtschaftliche Dynamik. Das Weinviertel wird bloß Transitland."

Laster sind auf der Brünner Straße allerdings viele unterwegs. Schwere Sattelzüge, überwiegend mit tschechischen oder polnischen Aufschriften, aber man sieht auch welche aus Litauen, Russland, Italien. An den Steigungen bilden sich dahinter lange Schlangen, die manchen Autolenker zu waghalsigen Überholmanövern verleiten.

Von der Ostsee bis zur Adria

Das Trans European Network der EU sieht die Brünner Straße oder E 461 als Teil eines Autobahnkorridors von der Ostsee bis zur Adria: eine Fernhandelsroute, die seit der Antike besteht, als auf diesem Weg der Bernstein nach Rom gebracht wurde. Ab 1729 ließ Karl VI. die Schlesische Straße, wie sie damals hieß, zur kaiserlichen Kommerzial- und Poststraße ausbauen. Zu einer Schotterstraße mit mehreren Tragschichten. Damals war das hochmodern.

Vergangenheit und Zukunft liegen auf der Brünner Straße dicht beieinander. Auf dem Berg hinter Wolkersdorf passiert man den Kasanwirt, einen uralten Gasthof, der so genannt wird, weil hier früher eine Kaserne stand, die die Reisenden vor Räubern schützen sollte. Jetzt wächst gleich daneben das Containerdorf der Bonaventura, des privaten Konsortiums, das den Auftrag zum Bau der A 5 an Land gezogen hat. Allein vier Millionen Kubikmeter Erde sind abzutragen. Der Staub, der dabei aufgewirbelt wird, verschleiert den Blick auf die sanften Hügel und die Windräder des Weinviertels.

Autobahntorso versandet

Erst hinter Schrick lichtet sich der Schleier. Gebaut wird erstmal nur bis hierher. Für den zweiten Abschnitt bis zur Grenze fehlen noch Genehmigungen, von der Finanzierung ganz abgesehen. Der Grüne Schrefel argwöhnt gar, dass die A 5 auf immer in Schrick versanden wird, eine überdimensionierte Pendlerschneise, weil die Asfinag kein Geld mehr habe und zudem der Anschluss in Tschechien nicht fix sei. Prag hat noch nicht entschieden, ob es die Autobahn von Brno nach Mikulov, also entlang der Brünner Straße, bauen wird oder doch weiter östlich, von Breclav nach Reintal.

"Um die Streckenführung wurde schon zu Zeiten Karls VI. gestritten", erklärt Hans Huysza. Bei Wilfersdorf bin ich abgebogen, um den Kurator von Schloss Liechtenstein zu treffen. Huysza trägt ein weinrotes Polohemd mit dem Logo des regionalen Energieversorgers. Sein stupendes historisches Wissen hat er sich nach Feierabend erworben: "Damals stritten die Grundherren der Region darum, ob die neue Reichsstraße über Mistelbach oder Wilfersdorf führen sollte." Dass Hofmathematiker Johann Jakob Marinoni schließlich eine Trasse wählte, die unmittelbar am Stammsitz der Liechtenstein vorbeiführte, schreibt Huysza dem Einfluss der Fürsten bei Hofe zu.

Karl "Carlo" Wilfing ist zwar kein Fürst, sondern Landtagsabgeordneter und Bürgermeister von Poysdorf. Aber auch das verschafft Einfluss, am Hofe zu St. Pölten. Der Mittvierziger, der mit seinen Jeans und dem gelben Sakko etwas von einem Jung-ÖVPler an sich hat, gilt als "Vater der A 5". Seine Hauptsorge ist, dass die Autobahn möglichst bald die Staatsgrenze bei Mikulov und damit auch Poysdorf erreicht. Von seinem Büro im ersten Stock des Rathauses hat er die E 461 stets vor Augen. Sie passiert hier eine Engstelle, an der sich alle paar Minuten der Schwerverkehr staut.

Endlose LKW-Staus

"Die Zahl der LKW hat sich seit der EU-Osterweiterung verdreifacht", konstatiert Wilfing: "2340 pro Tag im vergangenen Jahr!" Durch das geöffnete Fenster hört man das Brummen der Motoren, das Fauchen der Druckluftbremsen. Die Poysdorfer können einem leid tun. Andererseits, sie sind nicht ganz unschuldig an ihrer Misere. Noch 1995 waren sie gegen die Autobahn, gibt der Bürgermeister offen zu. So wie sie in den Sechzigern gegen eine Umfahrung waren, weil die Geschäftsleute im Ort das Ausbleiben von Kundschaft befürchteten, und schon im 19. Jahrhundert gegen die Eisenbahn. Damals stellten sich die Fuhrleute quer, die durch Vorspanndienste am steilen Hang hinter Poysdorf so manchen Gulden verdienten.

Hinter dem Städtchen verläuft die Brünner Straße durch ausgedehnte Weinfelder: Hier gedeiht der Brinnaschdrassla, von dem im Evangelium nach Wolfgang Teuschl zu lesen ist, dass ihn der Bräutigam zu Kanaan seinen Gästen anbieten musste, weil er keinen gescheiten Gumpoeds im Keller hatte. Inzwischen hat ein österreichisches Weinwunder den Reifbeißer in Weinviertel DAC verwandelt.

Ein paar Kilometer weiter, am Ortsausgang von Drasenhofen, macht die Straße einen scharfen Knick. Geradeaus geht's in eine hübsch renovierte Kellergasse: die alte "Kaiserstraße". An ihrer engsten Stelle nur 4,65 Meter breit, genügte sie im 19. Jahrhundert nicht mehr den Ansprüchen des Verkehrs und wird seither rechts umfahren. An der Gabelung erzählt eine Tafel, welche Berühmtheiten die schmale Gasse bereist haben: Rudolf II., der polnische König Jan Sobieski, Maria Theresia, Mozart, Casanova, Zar Alexander I.

Auch so mancher Künstler aus Italien dürfte hier durchgewandert sein. Das legen die Forschungen von Milada Rigasová nahe. Hinter der Grenze, in Mikulov, habe ich das Casino links liegen gelassen und bin zum Schloss hinaufgefahren, das die schmucke Stadt am Südrand der Pollauer Berge überragt. Im Schloss sitzt das Regionalmuseum, wo Frau Rigasová als Botanikerin arbeitet. Die junge Frau mit den vielen Sommersprossen führt mich auf einen Balkon, von dem man weit ins Land schaut.

"Vor uns liegt eine komponierte Landschaft", erklärt Frau Rigasová. Ihre Schöpfer waren die Fürsten von Dietrichstein, die Nikolsburg 1575 in Besitz nahmen und nach italienischem Muster Teiche, Tiergehege und Lustgärten anlegen ließen. "Schloss und Landschaft bilden ein Gesamtkunstwerk, das in seiner Schönheit nur mit der Toskana zu vergleichen ist", sagt die Botanikerin. Sie zeigt auf das grüngelbe Hügelland jenseits der Grenze, in dem die Burg Falkenstein einen malerischen Akzent setzt: "Durch den Eisernen Vorhang ist dieses Kunstwerk erhalten geblieben. Die Autobahn würde es für immer zerstören. Warum kann man sie nicht von Breclav aus bauen?" Man spürt, wie sehr Frau Rigasová ihre Heimat liebt. Und dass ihre Heimat nicht an der Staatsgrenze endet.

Indessen parken im Hof schwarz glänzende Limousinen mit St. Pöltener Kennzeichen. Die Hauptleute von Niederösterreich und Südmähren tagen im Schloss. Sie werden später öffentlich erklären, dass die Autobahn über Mikulov führen soll.

Belastete Nachbarschaft

Erklärungen der Landesfürsten hin oder her, das letzte Wort hat die Regierung in Prag. Die aber hat es mit dem vierspurigen Brückenschlag nach Österreich nicht eilig. Wieso sollte sie auch, wenn der hiesige Innenminister unablässig erklärt, dass Tschechien im Schengenraum unerwünscht ist? Die seit jeher belasteten Beziehungen zwischen den Völkern wirken sich eben auch auf die Verkehrspolitik aus, wie Karel Schwarzenberg vor Jahren angemerkt hat.

Eine der historischen Altlasten, eine besonders schwere, ist bei Pohorelice zu besichtigen, das früher einmal Pohrlitz hieß. Die E 461 ist ab hier bereits zur Autobahn ausgebaut, aber man muss abfahren und der alten Strecke folgen. Einige hundert Meter vor Pohorelice liegt links der Straße ein fußballplatzgroßes Areal, das von niedrigen Hecken umsäumt ist. In der Mitte wächst ein Busch, sonst ist es völlig leer. Ein Kreuz steht daneben und erinnert an den "Brünner Todesmarsch" vom Mai 1945, als Arbeiter der Brünner Zbrojovka-Waffenfabrik, die kurz zuvor noch für die Nazis gearbeitet hatten, mehr als 25.000 Menschen aus der deutschen Sprachinsel Brünn vertrieben. Viele der Vertriebenen starben unterwegs, 890 von ihnen liegen auf dem Feld neben der Straße begraben.

Das Jahr 1945 - oder besser gesagt: das Jahrzehnt zwischen 1938 und 1948 - war für die Brünner Straße eine Zäsur im Wortsinne: Es zerschnitt diese Lebensader zwischen Nordost- und Südeuropa. Kein Antonin Pilgram reiste mehr von Brünn nach Wien, um einen Dom zu bauen, kein Leos Janácek, um bei Franz Krenn Komposition zu studieren, kein Robert Musil, der auf dem Weg von Berlin nach Wien die Eltern in Brünn besuchte.

Und heute? Die Revolution von 1989 hat die toten Enden verbunden, die Lebensader pulsiert wieder. Fährt man auf der vierspurigen Videnská, der Wiener Straße, nach Brno ein, so meint man, das Gegenstück zum 21. Bezirk vor sich zu haben: Gewerbebauten, Wohnblöcke und mittendrin die Straßenbahn. In der Innenstadt sind die Bezüge noch augenfälliger, ob man nun den Parnass-Brunnen auf dem Zelný trh, dem Kohlmarkt, betrachtet, den Fischer von Erlach entwarf, das frühere Deutsche und heutige Mahen-Theater am Ring oder daneben den Neorenaissanceklotz des tschechischen Verfassungsgerichts, mit den mährischen Wappen an der Frontseite, die der gebürtige Brünner Adolf Loos gestaltete.

"Als Brünn 1243 gegründet wurde, bekam es das Wiener Stadtrecht", erklärt die Historikerin Milena Flodrová: "Seither ist der Austausch zwischen den Städten nicht mehr zum Erliegen gekommen." - "Aber während des Kommunismus existierte Wien für uns nicht", wendet die Soziologin Radoslava Cicvárková ein: "Es war praktisch aus unserem Bewusstsein gelöscht." Sie zitiert aus einem Song des Brünner Liedermachers Slávek Janoušek, der ironisch fragte, wo dieses Wien überhaupt sei.

Wien - "Vorstadt Brünns"?

Wir sitzen im Gebäude des Brünner Magistrats in der Husova-Straße, in einem Sitzungsraum ganz oben unter dem Dach und damit fast vis à vis der Festung Špilberk, dem berüchtigten "Kerker der Nationen". Ich hatte beim Magistrat nach den Beziehungen zur Partnerstadt Wien gefragt und war an Viera Koleková geraten, eine energische Dame, die sogleich anbot, für den Journalisten aus Österreich eine Diskussionsrunde zu organisieren. Wer glaubt, der Schmäh sei ein Wiener Monopol, kann sich von ihr eines Besseren belehren lassen. "Ich sage immer, Wien ist eine Vorstadt von Brünn, aber mir glaubt keiner", erklärt Frau Koleková und bringt damit das ambivalente Verhältnis zwischen den ungleichen Schwesterstädten auf den Punkt.

Ein gesundes Selbstbewusstsein braucht wohl jede Nachbarstadt des solipsistischen Wien, egal ob sie in oder außerhalb von Österreich liegt. Doch im Fall Brno spielen noch andere Faktoren hinein. "Seit 1918 haben wir immerfort Angst vor den Österreichern", sagt die Kunsthistorikerin Jitla Sedlárová: "Deshalb trauen wir uns nicht einmal, ein Denkmal Josefs II. wieder aufzustellen. Dabei sind wir Erben einer gemeinsamen Kultur, die nicht österreichisch, sondern mitteleuropäisch war." Manchmal habe sie indes das Gefühl, dass die Österreicher sich ebenfalls fürchteten: "Warum sonst kommen so wenige her, um Brünn zu besichtigen?"

"Mit Angst hat das nichts zu tun", widerspricht František Kubeš von der Strategieabteilung des Magistrats: "Wir sind einfach nicht attraktiv genug. Was sollen die Wiener hier auch tun, außer in die Oper gehen? Und dann kommen sie mit dem Bus und fahren nach der Vorstellung wieder nach Hause." - "Brünn hat in Wien schon immer den Geruch des Provinziellen gehabt", stimmt die Kunsthistorikerin zu. Sie bedauert die gegenseitige Reserve sehr und wünscht sich mehr Kooperation mit Wiener Kollegen: "Denn die Geschichte der beiden Städte können wir nur gemeinsam erforschen."

Wie die Geschichte wird auch die Zukunft den Brünnern und Wienern gemeinsam gehören. Für junge Brünner aus der Generation von František Kubeš, der wie die meisten hier ausgezeichnet deutsch spricht, liegt Wien jedenfalls näher als Bratislava, näher als Prag sowieso. Würde die Verkehrspolitik in Brno gemacht und nicht in Prag, ist sich Kubeš sicher, dann wäre die E 461, die Brünner Straße oder Videñska, schon längst ausgebaut. Die Linienbusse, die mehrmals täglich nach Wien fahren, seien immer voll besetzt.

Was die ungleichen Schwesterstädte Wien und Brünn verbindet.

Noch 59 Kilometer bis zum Glück. CASINO MIKULOV steht groß auf der Hauswand, darüber lockt eine gelbrotschwarze Scheibe: ein stilisierter Roulettekessel. Die Brünner Straße ist hier 179 Hausnummern alt, und wer die Roulette-Reklame liest, kann eine Portion Glück gewiss gebrauchen, egal ob ihn das Schicksal ereilt hat, an dieser abgasgeschwärzten Ausfallstraße am Nordrand Wiens zu leben oder bloß die zweite Ampelphase nacheinander im Stau zu stehen.

59 km bis zur tschechischen Grenze, danach noch einmal 50 km, und man ist in Brno CZ: zwei Stunden mit dem Auto, und wenn die Nordautobahn erst fertig ist, nur noch eine gute Stunde. Ob Brno - Brünn - dann wieder die "Vorstadt Wiens" wird, als die es einmal galt?

Die richtige Vorstadt, der 21. Wiener Bezirk, reicht seit 1938 bis zum Rendezvousberg. Der heißt so, weil Napoleon und Erzherzog Karl sich hier an einem Dezembertag des Jahres 1805 zum Tête à tête trafen. Auf einer Hauswand erinnert ein Gemälde an jene unruhigen Zeiten, als statt Blechlawinen Armeen über die Brünner Straße zogen. Das stattliche Gebäude, das jetzt einem Holzhändler als Niederlassung dient, war früher ein Gasthof mit Mautstation, die erste von vielen auf dem Weg nach Brno.

Brünn - "Vorstadt Wiens"

Von der Anhöhe geht der Blick weit nach Norden, jenseits des Hagenbrunner Gewerbeparks ist der Hochleithenwald zu erahnen. Als ich weiterfahre, sehe ich schon nach wenigen Kilometern auf der schnurgeraden Straße, hinter einem grellorangen Baumarkt, die ersten Planierraupen und frisch aufgeschütteten Rampen. Ein schmutzigbrauner Streifen zieht sich neben der ehemaligen Bundesstraße Nr. 7 über die Felder. Zu unserer Sicherheit. Baubeginn Nordautobahn, bewerben blaue Plakate großflächig das Werk. Eine Initiative von Landeshauptmann Dr. Erwin Pröll ist darunter zu lesen. "Pröll bedient bloß seine Bürgermeister entlang der B 7", winkt Christian Schrefel ab: "Mit strategischer Verkehrspolitik hat das nichts zu tun." Der grüne Bezirkssprecher aus Wolkersdorf sieht nicht aus wie ein Öko und er führt auch nicht die bedrohten Brutstätten des Wachtelkönigs ins Feld, um seine Ablehnung der Autobahn zu begründen. Bedroht seien die Arbeitsstätten der Weinviertler.

Im Gefolge der Autobahn komme ein Riesen-Einkaufszentrum nach Gerasdorf, das den Nahversorgern der Region die Kunden wegnehmen werde, prognostiziert Schrefel, der von Beruf Unternehmensberater ist. Und wer glaube, die Firmen würden sich wegen der Autobahn im Wirtschaftspark Poysdorf niederlassen, sei naiv. "Die schicken ihre Laster gleich weiter nach Brünn. Dort ist die wirtschaftliche Dynamik. Das Weinviertel wird bloß Transitland."

Laster sind auf der Brünner Straße allerdings viele unterwegs. Schwere Sattelzüge, überwiegend mit tschechischen oder polnischen Aufschriften, aber man sieht auch welche aus Litauen, Russland, Italien. An den Steigungen bilden sich dahinter lange Schlangen, die manchen Autolenker zu waghalsigen Überholmanövern verleiten.

Von der Ostsee bis zur Adria

Das Trans European Network der EU sieht die Brünner Straße oder E 461 als Teil eines Autobahnkorridors von der Ostsee bis zur Adria: eine Fernhandelsroute, die seit der Antike besteht, als auf diesem Weg der Bernstein nach Rom gebracht wurde. Ab 1729 ließ Karl VI. die Schlesische Straße, wie sie damals hieß, zur kaiserlichen Kommerzial- und Poststraße ausbauen. Zu einer Schotterstraße mit mehreren Tragschichten. Damals war das hochmodern.

Vergangenheit und Zukunft liegen auf der Brünner Straße dicht beieinander. Auf dem Berg hinter Wolkersdorf passiert man den Kasanwirt, einen uralten Gasthof, der so genannt wird, weil hier früher eine Kaserne stand, die die Reisenden vor Räubern schützen sollte. Jetzt wächst gleich daneben das Containerdorf der Bonaventura, des privaten Konsortiums, das den Auftrag zum Bau der A 5 an Land gezogen hat. Allein vier Millionen Kubikmeter Erde sind abzutragen. Der Staub, der dabei aufgewirbelt wird, verschleiert den Blick auf die sanften Hügel und die Windräder des Weinviertels.

Autobahntorso versandet

Erst hinter Schrick lichtet sich der Schleier. Gebaut wird erstmal nur bis hierher. Für den zweiten Abschnitt bis zur Grenze fehlen noch Genehmigungen, von der Finanzierung ganz abgesehen. Der Grüne Schrefel argwöhnt gar, dass die A 5 auf immer in Schrick versanden wird, eine überdimensionierte Pendlerschneise, weil die Asfinag kein Geld mehr habe und zudem der Anschluss in Tschechien nicht fix sei. Prag hat noch nicht entschieden, ob es die Autobahn von Brno nach Mikulov, also entlang der Brünner Straße, bauen wird oder doch weiter östlich, von Breclav nach Reintal.

"Um die Streckenführung wurde schon zu Zeiten Karls VI. gestritten", erklärt Hans Huysza. Bei Wilfersdorf bin ich abgebogen, um den Kurator von Schloss Liechtenstein zu treffen. Huysza trägt ein weinrotes Polohemd mit dem Logo des regionalen Energieversorgers. Sein stupendes historisches Wissen hat er sich nach Feierabend erworben: "Damals stritten die Grundherren der Region darum, ob die neue Reichsstraße über Mistelbach oder Wilfersdorf führen sollte." Dass Hofmathematiker Johann Jakob Marinoni schließlich eine Trasse wählte, die unmittelbar am Stammsitz der Liechtenstein vorbeiführte, schreibt Huysza dem Einfluss der Fürsten bei Hofe zu.

Karl "Carlo" Wilfing ist zwar kein Fürst, sondern Landtagsabgeordneter und Bürgermeister von Poysdorf. Aber auch das verschafft Einfluss, am Hofe zu St. Pölten. Der Mittvierziger, der mit seinen Jeans und dem gelben Sakko etwas von einem Jung-ÖVPler an sich hat, gilt als "Vater der A 5". Seine Hauptsorge ist, dass die Autobahn möglichst bald die Staatsgrenze bei Mikulov und damit auch Poysdorf erreicht. Von seinem Büro im ersten Stock des Rathauses hat er die E 461 stets vor Augen. Sie passiert hier eine Engstelle, an der sich alle paar Minuten der Schwerverkehr staut.

Endlose LKW-Staus

"Die Zahl der LKW hat sich seit der EU-Osterweiterung verdreifacht", konstatiert Wilfing: "2340 pro Tag im vergangenen Jahr!" Durch das geöffnete Fenster hört man das Brummen der Motoren, das Fauchen der Druckluftbremsen. Die Poysdorfer können einem leid tun. Andererseits, sie sind nicht ganz unschuldig an ihrer Misere. Noch 1995 waren sie gegen die Autobahn, gibt der Bürgermeister offen zu. So wie sie in den Sechzigern gegen eine Umfahrung waren, weil die Geschäftsleute im Ort das Ausbleiben von Kundschaft befürchteten, und schon im 19. Jahrhundert gegen die Eisenbahn. Damals stellten sich die Fuhrleute quer, die durch Vorspanndienste am steilen Hang hinter Poysdorf so manchen Gulden verdienten.

Hinter dem Städtchen verläuft die Brünner Straße durch ausgedehnte Weinfelder: Hier gedeiht der Brinnaschdrassla, von dem im Evangelium nach Wolfgang Teuschl zu lesen ist, dass ihn der Bräutigam zu Kanaan seinen Gästen anbieten musste, weil er keinen gescheiten Gumpoeds im Keller hatte. Inzwischen hat ein österreichisches Weinwunder den Reifbeißer in Weinviertel DAC verwandelt.

Ein paar Kilometer weiter, am Ortsausgang von Drasenhofen, macht die Straße einen scharfen Knick. Geradeaus geht's in eine hübsch renovierte Kellergasse: die alte "Kaiserstraße". An ihrer engsten Stelle nur 4,65 Meter breit, genügte sie im 19. Jahrhundert nicht mehr den Ansprüchen des Verkehrs und wird seither rechts umfahren. An der Gabelung erzählt eine Tafel, welche Berühmtheiten die schmale Gasse bereist haben: Rudolf II., der polnische König Jan Sobieski, Maria Theresia, Mozart, Casanova, Zar Alexander I.

Auch so mancher Künstler aus Italien dürfte hier durchgewandert sein. Das legen die Forschungen von Milada Rigasová nahe. Hinter der Grenze, in Mikulov, habe ich das Casino links liegen gelassen und bin zum Schloss hinaufgefahren, das die schmucke Stadt am Südrand der Pollauer Berge überragt. Im Schloss sitzt das Regionalmuseum, wo Frau Rigasová als Botanikerin arbeitet. Die junge Frau mit den vielen Sommersprossen führt mich auf einen Balkon, von dem man weit ins Land schaut.

"Vor uns liegt eine komponierte Landschaft", erklärt Frau Rigasová. Ihre Schöpfer waren die Fürsten von Dietrichstein, die Nikolsburg 1575 in Besitz nahmen und nach italienischem Muster Teiche, Tiergehege und Lustgärten anlegen ließen. "Schloss und Landschaft bilden ein Gesamtkunstwerk, das in seiner Schönheit nur mit der Toskana zu vergleichen ist", sagt die Botanikerin. Sie zeigt auf das grüngelbe Hügelland jenseits der Grenze, in dem die Burg Falkenstein einen malerischen Akzent setzt: "Durch den Eisernen Vorhang ist dieses Kunstwerk erhalten geblieben. Die Autobahn würde es für immer zerstören. Warum kann man sie nicht von Breclav aus bauen?" Man spürt, wie sehr Frau Rigasová ihre Heimat liebt. Und dass ihre Heimat nicht an der Staatsgrenze endet.

Indessen parken im Hof schwarz glänzende Limousinen mit St. Pöltener Kennzeichen. Die Hauptleute von Niederösterreich und Südmähren tagen im Schloss. Sie werden später öffentlich erklären, dass die Autobahn über Mikulov führen soll.

Belastete Nachbarschaft

Erklärungen der Landesfürsten hin oder her, das letzte Wort hat die Regierung in Prag. Die aber hat es mit dem vierspurigen Brückenschlag nach Österreich nicht eilig. Wieso sollte sie auch, wenn der hiesige Innenminister unablässig erklärt, dass Tschechien im Schengenraum unerwünscht ist? Die seit jeher belasteten Beziehungen zwischen den Völkern wirken sich eben auch auf die Verkehrspolitik aus, wie Karel Schwarzenberg vor Jahren angemerkt hat.

Eine der historischen Altlasten, eine besonders schwere, ist bei Pohorelice zu besichtigen, das früher einmal Pohrlitz hieß. Die E 461 ist ab hier bereits zur Autobahn ausgebaut, aber man muss abfahren und der alten Strecke folgen. Einige hundert Meter vor Pohorelice liegt links der Straße ein fußballplatzgroßes Areal, das von niedrigen Hecken umsäumt ist. In der Mitte wächst ein Busch, sonst ist es völlig leer. Ein Kreuz steht daneben und erinnert an den "Brünner Todesmarsch" vom Mai 1945, als Arbeiter der Brünner Zbrojovka-Waffenfabrik, die kurz zuvor noch für die Nazis gearbeitet hatten, mehr als 25.000 Menschen aus der deutschen Sprachinsel Brünn vertrieben. Viele der Vertriebenen starben unterwegs, 890 von ihnen liegen auf dem Feld neben der Straße begraben.

Das Jahr 1945 - oder besser gesagt: das Jahrzehnt zwischen 1938 und 1948 - war für die Brünner Straße eine Zäsur im Wortsinne: Es zerschnitt diese Lebensader zwischen Nordost- und Südeuropa. Kein Antonin Pilgram reiste mehr von Brünn nach Wien, um einen Dom zu bauen, kein Leos Janácek, um bei Franz Krenn Komposition zu studieren, kein Robert Musil, der auf dem Weg von Berlin nach Wien die Eltern in Brünn besuchte.

Und heute? Die Revolution von 1989 hat die toten Enden verbunden, die Lebensader pulsiert wieder. Fährt man auf der vierspurigen Videnská, der Wiener Straße, nach Brno ein, so meint man, das Gegenstück zum 21. Bezirk vor sich zu haben: Gewerbebauten, Wohnblöcke und mittendrin die Straßenbahn. In der Innenstadt sind die Bezüge noch augenfälliger, ob man nun den Parnass-Brunnen auf dem Zelný trh, dem Kohlmarkt, betrachtet, den Fischer von Erlach entwarf, das frühere Deutsche und heutige Mahen-Theater am Ring oder daneben den Neorenaissanceklotz des tschechischen Verfassungsgerichts, mit den mährischen Wappen an der Frontseite, die der gebürtige Brünner Adolf Loos gestaltete.

"Als Brünn 1243 gegründet wurde, bekam es das Wiener Stadtrecht", erklärt die Historikerin Milena Flodrová: "Seither ist der Austausch zwischen den Städten nicht mehr zum Erliegen gekommen." - "Aber während des Kommunismus existierte Wien für uns nicht", wendet die Soziologin Radoslava Cicvárková ein: "Es war praktisch aus unserem Bewusstsein gelöscht." Sie zitiert aus einem Song des Brünner Liedermachers Slávek Janoušek, der ironisch fragte, wo dieses Wien überhaupt sei.

Wien - "Vorstadt Brünns"?

Wir sitzen im Gebäude des Brünner Magistrats in der Husova-Straße, in einem Sitzungsraum ganz oben unter dem Dach und damit fast vis à vis der Festung Špilberk, dem berüchtigten "Kerker der Nationen". Ich hatte beim Magistrat nach den Beziehungen zur Partnerstadt Wien gefragt und war an Viera Koleková geraten, eine energische Dame, die sogleich anbot, für den Journalisten aus Österreich eine Diskussionsrunde zu organisieren. Wer glaubt, der Schmäh sei ein Wiener Monopol, kann sich von ihr eines Besseren belehren lassen. "Ich sage immer, Wien ist eine Vorstadt von Brünn, aber mir glaubt keiner", erklärt Frau Koleková und bringt damit das ambivalente Verhältnis zwischen den ungleichen Schwesterstädten auf den Punkt.

Ein gesundes Selbstbewusstsein braucht wohl jede Nachbarstadt des solipsistischen Wien, egal ob sie in oder außerhalb von Österreich liegt. Doch im Fall Brno spielen noch andere Faktoren hinein. "Seit 1918 haben wir immerfort Angst vor den Österreichern", sagt die Kunsthistorikerin Jitla Sedlárová: "Deshalb trauen wir uns nicht einmal, ein Denkmal Josefs II. wieder aufzustellen. Dabei sind wir Erben einer gemeinsamen Kultur, die nicht österreichisch, sondern mitteleuropäisch war." Manchmal habe sie indes das Gefühl, dass die Österreicher sich ebenfalls fürchteten: "Warum sonst kommen so wenige her, um Brünn zu besichtigen?"

"Mit Angst hat das nichts zu tun", widerspricht František Kubeš von der Strategieabteilung des Magistrats: "Wir sind einfach nicht attraktiv genug. Was sollen die Wiener hier auch tun, außer in die Oper gehen? Und dann kommen sie mit dem Bus und fahren nach der Vorstellung wieder nach Hause." - "Brünn hat in Wien schon immer den Geruch des Provinziellen gehabt", stimmt die Kunsthistorikerin zu. Sie bedauert die gegenseitige Reserve sehr und wünscht sich mehr Kooperation mit Wiener Kollegen: "Denn die Geschichte der beiden Städte können wir nur gemeinsam erforschen."

Wie die Geschichte wird auch die Zukunft den Brünnern und Wienern gemeinsam gehören. Für junge Brünner aus der Generation von František Kubeš, der wie die meisten hier ausgezeichnet deutsch spricht, liegt Wien jedenfalls näher als Bratislava, näher als Prag sowieso. Würde die Verkehrspolitik in Brno gemacht und nicht in Prag, ist sich Kubeš sicher, dann wäre die E 461, die Brünner Straße oder Videñska, schon längst ausgebaut. Die Linienbusse, die mehrmals täglich nach Wien fahren, seien immer voll besetzt.