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Freiheit zwischen Wut und Empörung

"Im Sinne der Freiheit“ lautet das Thema der diesjährigen GLOBArt Academy vom 8. bis 11. 9. im Kloster Und/Krems - Versuch der Verortung eines so gängigen wie schwierigen Begriffs.

Sie sind alle Indignados, Empörte: die arbeitslosen Jugendlichen am Platz bei der Puerta del Sol in Madrid, die Protestierer auf dem Rothschild-Boulevard in Tel Aviv und die jungen Araber, die sich "ihre Revolution“ nicht auf halbem Weg stehlen lassen wollen.

Ihnen allen gehört unsere tägliche Sympathie. Diese endet aber bei der erschreckenden Variante der Empörung: bei den rücksichtslosen Vermummten in Tottenham und anderen Stadtvierteln von London, die es "allen zeigen, dass wir tun können, was wir wollen!“ Freiheit? Ein entmenschtes Zerrbild davon. Was wollen die Kids, die gefangen sind in den über den Kopf gezogenen Kapuzen, darunter nichts als die eigene Destruktivität, an der sie fast ersticken? Doch Haben und Nehmen sind die Eckpfeiler des kapitalistischen Gevierts, das haben sie von der Gesellschaft gelernt, "drum nehmen wir uns jetzt, was wir kriegen!“

Vor diesem Hintergrund bekommt das Thema der GLOBArt Academy 2011 in Krems zusätzliche Brisanz. Freiheit und Unfreiheit in vielfältiger Komplexität sollen abgehandelt werden; es wird nicht möglich sein, die Szenarien der Empörung des Spätsommers 2011 auszublenden. Vielleicht ist es zynisch, ein programmatisches Zitat von Auma Obama, der vielfach engagierten Halbschwester des amerikanischen Präsidenten und prominenten Kremser Eröffnungsrednerin, den Londoner Ereignissen gegenüber und damit in Frage zu stellen. Sie möchte den Jugendlichen in den Slums von Nairobi, mit denen sie arbeitet, zur Erkenntnis verhelfen, dass es letztlich die Entscheidung dieser Jugendlichen selber sei, "die ihnen gegebenen Möglichkeiten zu nutzen“ und zu realisieren: "Im Kopf sind wir frei!“ Gott sei Dank, wenn es irgendwo noch so funktioniert! In London scheint jeder Zug zu diesem Ziel längst abgefahren zu sein. Es ist zu fürchten, dass es bei London nicht bleiben wird. Denn: Anlässe zur Empörung gibt es allseits und zuhauf, man braucht nur gut hinzuschauen - und die Bereitschaft dazu wächst von Tag zu Tag.

Geschlossene Systeme

"Freiheit hat offene Augen“, dieses vielzitierte Bonhoeffer-Wort haben die Organisatorinnen der GLOBArt Academy 2011 dem Programm vorangestellt. Eine Freiheit der offenen Augen traut sich, auch in ganz "normale“ geschlossene Systeme und hinter deren Fassaden zu schauen: Familie, Schule, Militär, Kirche. Denn gerade darin fühlt sich Freiheit am meisten bedroht. Auf der Suche nach einem passenden deutschen Ausdruck für indignado fällt manchem vielleicht das genäselte "indigniert“ ein. Dieses Wort verdrängt, dass es in seiner Wurzel, also radikal, mit Würde (lat. dignitas) zu tun hat - und mit Beraubung derselben. Zwar ist viel vom untrennbaren Paar Freiheit und Würde die Rede und viel von der Unantastbarkeit derselben. Doch fern aller Rhetorik werden Freiheit und Würde tagtäglich und überall dort schamlos angetastet, ja missbraucht, wo Menschen gefügig gemacht werden sollen für Interessen und Ideologien. Manchmal im guten aber irrigen Glauben, oft in verhüllter Machtlust, meist in blanker Ausbeutung.

Stichwort Familie: Ein wichtiges, vierzig Jahre altes Buch des deutschen Psychiaters Horst Eberhard Richter heißt "Patient Familie“. Ein Kapitel darin handelte von der Familie als geschlossenem System, als vermeintlich schützender "Festung“. Sie kann nur allzu leicht zum Gefängnis werden, zur ganz alltäglichen Freiheitsberaubung in vielen Variationsmöglichkeiten und mit beklemmender Dunkelziffer. Wie Familie (und Ehe!) allerdings tatsächlich Hort und Lernplatz für Freiheit und du-orientierte Selbstbestimmung werden könnten - wo wird darüber nachhaltig nachgedacht?

Reibung zwischen Freiheit und Gehorsam

Stichwort Schule: Was dort - zu oft - gelernt wird, ist das Ertragen von empfundener Ohnmacht, der es schwer fällt, in den Kopf zu emigrieren und sich dort frei zu fühlen, wenn dies nie geübt und gelernt werden konnte. Wozu allerdings ein hohes Maß an Phantasie notwendig wäre. Aber Phantasie, die traumleichte Schwester der Freiheit, ist ja im leistungs- und wirtschaftsorientierten Schulalltag eine Gefesselte geworden und eine aus dem Bildungskanon längst und konsequent Ausgestoßene. Darum ist ja auch Kunst allen geschlossenen Systemen so verdammt anarchieverdächtig, weil sie im "Kopf frei“ machen könnte! Und trägt außerdem nichts zum Wirtschaftswachstum bei - es sei denn im obszönen Szenario des Finanzkunstmarktes in seinen schwindelnden Höhen.

Freiheit tritt gerne in Gesellschaft auf. Oft auch nur, damit sie sich konstruktiv reiben kann. Mit Gehorsam zum Beispiel. Stichwort Kirche: Man darf die dreihundert Pfarrer im Gefolge von Helmut Schüller wohl auch eine Art von Indignados nennen. Sie haben sich die Freiheit genommen, mit der Axt des Aufrufs zum Ungehorsam das gefrorene Meer römischen Starrsinns - in Hinblick auf überlebensdringliche pastorale Fragen - zu brechen. Denn eine Erwärmung, die auf sozial verträgliches Abschmelzen hoffen ließe, ist nicht in Sicht. Also Freiheit versus Gehorsam und Ungehorsam versus geleisteten Treueid. Zu Freiheit und Gehorsam hatte die französische Philosophin Simone Weil Bemerkenswertes und für heutige Ohren Überraschendes zu sagen: "Der Gehorsam ist ein Lebensbedürfnis der menschlichen Seele.“ Zu finden in ihrer letzten Schrift "Die Einwurzelung“. Und weiter: "Unzählige Anzeichen deuten darauf hin, dass die Menschen unserer Zeit vor Hunger nach Gehorsam verschmachten.“ Weil es ihnen unmöglich gemacht wird, zu gehorchen. Denn als Voraussetzung für die Leistung des Gehorsams setzt Simone Weil "ein Ziel, dessen Wert, ja dessen Größe alle empfinden, vom Höchsten bis zum Niedrigsten“.

"Glückliche Sklaven“ als Feinde der Freiheit

Ein Zeichen der Hoffnung: Da werden plötzlich zwei dünne Broschürchen von zwei älteren Herren zu Bestsellern: "Empört euch!“ von Stéphane Hessel (93) und die "nicht-gehaltene Festspielrede Der Aufstand des Gewissens“ von Jean Ziegler (77). Man liest darin natürlich nichts Neues. Ärgert sich vielleicht sogar über Zieglers Unverfrorenheit, gezählte sechs kleinformatige Seiten als "Festspielrede“ zu verkaufen, die in Feststellungen gipfelt, die jeder Leser von Leitartikeln in Qualitätsmedien ohnehin täglich serviert bekommt, bevor er sich seinen Unmut über die Machenschaften der "einheimischen Bank-Halunken“ und die Aktionen zur "Rettung der Spekulations-Banditen“ von der Seele rülpst, während die Dürre am Horn von Afrika "ungestört tötet“. Beiden Herren ist aber eines gemeinsam - und gewiss auch zu danken: der Appell zur Empörung über Zwänge und Zynismen, zur Freiheit im endlichen Aufstand des Gewissens! Die Millionen Leser werden aber den Applaus für die beiden Alten der Aktion vorziehen. Während dessen setzen die Jungen vielleicht gerade neue Straßenzüge in Brand.

Dennoch: Glauben wir an Auma Obamas Kraft der Freiheit im Kopf! Allerdings mit dem Wissen, dass es daneben, im Normalzustand scheinbarer äußerer Freiheit, die immense Gefahr der Unfreiheit im Kopf so Vieler gibt. Ihr Name ist Paranoia. Die lähmende Angst davor, jemand könnte mir wegnehmen, was mein ist: mein Haus, meine Arbeit, mein mühsam errichtetes Gedankengebäude, in dem alles so bleiben soll, wie ich es geordnet habe. Frage zum Schluss: Sind wir, denen es letztlich doch ganz gut geht, nicht - wie Marie von Ebner-Eschenbach sagt - als "glückliche Sklaven die erbittertsten Feinde der Freiheit“? Muss es uns wirklich erst schlecht gehen, damit wir erkennen, dass Freiheit ohne Verantwortung nicht zu haben ist?

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