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Zum Tod von Friederike Mayröcker

DISKURS
Birken - © Foto: Pixabay

Friederike Mayröcker: Deinzendorf

1945 1960 1980 2000 2020

Friederike Mayröcker erinnert sich an ihre Kindheit in Deinzendorf.

1945 1960 1980 2000 2020

Friederike Mayröcker erinnert sich an ihre Kindheit in Deinzendorf.

Es hat kaum Stationen in dieser Kindheit gegeben, kaum Höhepunkte, kaum etwas, das sich als unverkennbar Bezeichnendes, Ereignishaftes, oder Absonderliches in der Erinnerung aufbewahrt hätte. Vielmehr umgibt mich beim Zurückblicken ein Gefühl der heiteren Geborgenheit, der liebevollen Abgeschiedenheit, ein Zustand stetigen und langsamen Fließens, wie ein staunendes Tagträumen vor dem immerwährenden Anbruch einer fabelhaften Morgenröte.

Und obwohl ich jeweils nur die wenigsten Zeiten des Jahres auf dem Lande zugebracht hatte, - tatsächlich immer nur die Sommermonate - scheint es mir, ich hätte mich fast ausschließlich dort, im Anblick der wogenden Gerstenfelder, der strähnigen Uferwiesen, der sanft welligen lichtgrünen Hügel, der zart und berauschend duftenden Fliederbüsche und Robinienbäume befunden, ich hätte beinah ausschließlich auf den glatten hölzernen Pferden, und wassertretend, hinter dem Wehr gespielt, und in immer neuer Verzauberung in die weit aufgesperrten Schnäbel der Schwalben geblickt, wenn sie in tiefen Flügen, zum Greifen nah, über den silbernen Staub der Dorfstraße hinwegpfeilten, und als wäre ich immer wieder über die Schwelle des alten Lehmvierkanters getreten, auf welcher die wilden Schwertlilien und Dahlien wuchsen und dessen dunkelgrünes mit Sonnen-Schrägen verziertes Holztor so schwer in den Angeln lag, daß ich es kaum zu bewegen vermochte - und wäre von dort an den gegenüberliegenden Ziehbrunnnen gesprungen, dessen Trittsteine sich warm anfühlten und hätte ganze Sommernachmittage in wehmütig-schwereloser Selbstvergessenheit verbracht, indem ich meine kleine Mundharmonika an die Lippen preßte oder sie vor den Lippen hin und zurückschob, ohne ihr etwas wie eine Melodie entlocken zu können, und hätte dann immer von neuem gesehen, daß die Birnen, die auf dem Birnbaum vor unserem Haus hingen, gleichzeitig in grünen Scherben vor meinen bloßen Füßen lagen.

In Schuppen die Schaukel, dorthin in der Dunkelheit, vor der ich Angst hatte, mich tastend, ein Küchengarten, ein Kandelaber, die rosa tropfenden Malven üben dem Zaun ... im Zockeltrab, allein, zu den Maulbeerplantagen am Ende des Orts ... ich phantasiere dann einen großen Hund, der mich überallhin begleitet: nämlich kahles Weidengezweig, das ich nachzog.

Es hat kaum Stationen in dieser Kindheit gegeben, kaum Höhepunkte, kaum etwas, das sich als unverkennbar Bezeichnendes, Ereignishaftes, oder Absonderliches in der Erinnerung aufbewahrt hätte. Vielmehr umgibt mich beim Zurückblicken ein Gefühl der heiteren Geborgenheit, der liebevollen Abgeschiedenheit, ein Zustand stetigen und langsamen Fließens, wie ein staunendes Tagträumen vor dem immerwährenden Anbruch einer fabelhaften Morgenröte.

Und obwohl ich jeweils nur die wenigsten Zeiten des Jahres auf dem Lande zugebracht hatte, - tatsächlich immer nur die Sommermonate - scheint es mir, ich hätte mich fast ausschließlich dort, im Anblick der wogenden Gerstenfelder, der strähnigen Uferwiesen, der sanft welligen lichtgrünen Hügel, der zart und berauschend duftenden Fliederbüsche und Robinienbäume befunden, ich hätte beinah ausschließlich auf den glatten hölzernen Pferden, und wassertretend, hinter dem Wehr gespielt, und in immer neuer Verzauberung in die weit aufgesperrten Schnäbel der Schwalben geblickt, wenn sie in tiefen Flügen, zum Greifen nah, über den silbernen Staub der Dorfstraße hinwegpfeilten, und als wäre ich immer wieder über die Schwelle des alten Lehmvierkanters getreten, auf welcher die wilden Schwertlilien und Dahlien wuchsen und dessen dunkelgrünes mit Sonnen-Schrägen verziertes Holztor so schwer in den Angeln lag, daß ich es kaum zu bewegen vermochte - und wäre von dort an den gegenüberliegenden Ziehbrunnnen gesprungen, dessen Trittsteine sich warm anfühlten und hätte ganze Sommernachmittage in wehmütig-schwereloser Selbstvergessenheit verbracht, indem ich meine kleine Mundharmonika an die Lippen preßte oder sie vor den Lippen hin und zurückschob, ohne ihr etwas wie eine Melodie entlocken zu können, und hätte dann immer von neuem gesehen, daß die Birnen, die auf dem Birnbaum vor unserem Haus hingen, gleichzeitig in grünen Scherben vor meinen bloßen Füßen lagen.

In Schuppen die Schaukel, dorthin in der Dunkelheit, vor der ich Angst hatte, mich tastend, ein Küchengarten, ein Kandelaber, die rosa tropfenden Malven üben dem Zaun ... im Zockeltrab, allein, zu den Maulbeerplantagen am Ende des Orts ... ich phantasiere dann einen großen Hund, der mich überallhin begleitet: nämlich kahles Weidengezweig, das ich nachzog.

"Magische Blätter"

Diesen Text schrieb Friederike Mayröcker 1979 für die Furche (Nr. 51-52, S. 18). Er ist im Band "Magische Blätter" enthalten und dort als "unveröffentlicht" ausgewiesen.

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