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Fromme Geschichten aus alter Zeit

Die Kirche in Europa sei zahnlos geworden, mutige Charakterköpfe würden fehlen, heißt es allenthalben. Ein Blick in die ersten Jahrhunderte des Christentums zeigt, dass es da sehr wohl solche Persönlichkeiten gab. Zumindest sprechen die Heiligenlegenden von derartigen Glaubenszeugen.

Aus den verschiedensten Ecken hört man heutzutage, dass eine Neuevangelisierung nötig sei — wobei je nach konfessioneller Präferenz Europa oder auch die ganze Welt Ziel derartiger Bemühungen ist. Man hört andererseits auch Beschwerden über aggressive Missionierungsbemühungen. Auch kann es selbstverständlich zu kulturellen Konflikten kommen, wenn für die Missionsbemühungen die falschen Zielgruppen gewählt werden.

Häufig hört man in diesem Zusammenhang, dass die Kirche in Europa zahnlos geworden sei, mutige Charakterköpfe würden fehlen. Man kann hier selbstverständlich auf das Wort Jesu vom Salz der Erde verweisen. Doch, im Verhältnis ist hier die Bibel nur wenig unterhaltend.

Vielmehr gibt es zahlreiche Heiligenlegenden, deren Helden aus moderner Sicht die heute eingeforderte Political Correctness vermissen lassen. Spannende Texte sind es, unbekümmert provozieren diese mutigen Streiter des Glaubens — und sie haben dabei sogar großen Erfolg! Sie kämpfen für das Evangelium ohne Rücksicht auf die religiösen Gefühle anderer, anstelle von Verletzungen finden Bekehrungen statt. Das waren noch Zeiten!

Unkonventionelle Evangelisierung

Ein sehr gutes Beispiel für den Erfolg von „unkonventionellen“ Methoden der Evangelisierung findet sich in der Lebensbeschreibung eines ägyptischen Heiligen namens Aaron. Der Bericht bezieht sich auf die Bekehrung der Insel Philae im Süden von Ägypten. Aaron begegnet Macedonius, dem ersten Bischof von Philae, der in der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts wirkte.

Dieser erzählt ihm, wie er von einem hohen ägyptischen Verwaltungsbeamten zum Bischof wurde und dann mit List und Tücke, unter Lebensgefahr und Todesverachtung den Kampf mit dem Heidentum aufnahm. Die christliche Gemeinde war klein und von allen Seiten unter Druck. Der Mut dieses Bischofs war es, der dem Christentum in dieser Region zum Sieg verhalf.

Wie handelte er der Legende zufolge? Während einer Abwesenheit des Priesters des Horus schlich sich der mutige Gottesmann listig in den Tempel unter dem Vorwand, ein Opfer darbringen zu wollen, und ließ dafür ein Feuer am Altar entzünden. Das heilige Tier dieses Gottes, der entweder als Falke oder mit einem Menschenkörper und dem Kopf eines Falken dargestellt wird, ist ein Falke.

Dieses heilige Tier nahm er aus seinem Käfig, enthauptete es und warf es ins Feuer, um sich danach erst einmal zu verstecken. Der zurückgekehrte Priester schwört zuerst blutige Rache, in der weiteren Folge bekehrt sich aber die gesamte Bevölkerung aufgrund des mutigen Handelns dieses Bischofs zum Christentum.

Fragen des Historikers

Der Historiker sieht sich gezwungen, einige Fragen aufzuwerfen und damit die spannende Geschichte zu verderben. Der archäologische Befund spricht eindeutig gegen die Richtigkeit dieser Erzählung. Nach der in der Lebensbeschreibung des heiligen Aaron aufgezeichneten Erzählung des ersten Bischofs von Philae verlief die Bekehrung sehr rasch, ein kurzer Zusammenstoß zwischen einem mutigen Christen und dem kraftlos gewordenen Heidentum genügte im vierten Jahrhundert, dass dem Heidentum die Luft ausging.

Die Tempel in Philae waren jedoch tatsächlich noch viel länger in Betrieb. Offenbar lebten wohl bis ins fünfte, wenn nicht sogar bis ins sechste Jahrhundert Christen und Heiden weitgehend friedlich nebeneinander. Diese Erkenntnis widerspricht diametral der Erzählung über die Bekehrung dieses Gebietes. Dass sich in dieser Erzählung Elemente finden, die so oder so ähnlich auch in anderen Heiligenlegenden begegnen, sei am Rande erwähnt.

Was bedeutet nun so eine Erzählung? Sicherlich, es ist eine spannende und auch erbauliche Erzählung. Und genau das soll es sein. Zu einer Zeit, als bereits vergessen war, dass die heidnischen Tempel noch länger in Betrieb gewesen waren, entstand eine Erzählung, die eine Erklärung dafür liefern musste, wie das Christentum siegreich aus der Auseinandersetzung mit den konkurrierenden Kulten hervorgegangen war, deren gewaltige Kultbauten damals sicher nicht weniger beeindruckten als heute.

Und, so die Vorstellung, sich derartigen Kulten entgegenzustellen, bedurfte es in den Zeiten, in denen das Christentum um sein Überleben und den langsamen Aufstieg kämpfte, Mut und Entschlossenheit. Offensichtlich ist, dass sich die Geschichte typologisch sowohl an die Erzählung des biblischen Kampfes zwischen David und Goliath (1 Sam 17) wie auch an den religiösen Wettstreit zwischen Elija und den Propheten Baals am Berge Karmel (1 Kön 18) anlehnt. Gegenüber beeindruckenden Gegnern, dem Riesen Goliath und der übergroßen Menge an Baalspriestern, steht ein einziger Mensch, der es im Vertrauen auf Gott wagt, in die Auseinandersetzung einzutreten. Dies wird im ersten Buch der Könige so formuliert (1 Kön 18,22): „Da sagte Elija zum Volk: Ich allein bin als Prophet des Herrn übriggeblieben; die Propheten des Baal aber sind vierhundertfünfzig.“ Im Wettstreit zwischen den Propheten Baals und Elija siegt Elija.

An der Grenze zum Populismus

Es sind fromme Geschichten, aber, so hat man den Eindruck, nicht ohne Gefahren für das Christentum der Gegenwart. Profilierte Persönlichkeiten an der Grenze zum Populismus mögen mit markigen Sprüchen und provokanten Missionsmethoden vielleicht die Aufmerksamkeit der Medien wecken. In den ersten Jahrhunderten überzeugten die Christen jedoch eher durch ihre Werke der Nächstenliebe und ihre Frömmigkeit als durch bewusste Rücksichtslosigkeit und Provokation.

Im vierten Jahrhundert ist Ephraem der Syrer fast schon besorgt, wie anziehend das Christentum für viele Menschen ist, zu wenig werde bei manchen Taufen die Tiefe der Entscheidung bedacht. Diese Anziehungskraft des Christentums hat, wenn man den Quellen seiner Zeit Glauben schenkt, sehr viel mit dem Sozialverhalten der Christen, ihrer Sorge für Schwache und Kranke zu tun. Dieses Verhalten erwuchs selbstverständlich aus dem Glauben.

Eine Rückbesinnung auf frühere Zeiten mag heute wichtig sein, man sollte nur bei der Wahl der Quellen Vorsicht walten lassen. Immerhin könnte es sein, dass eine falsche Profilierung nicht die gewünschten Folgen hat.

* Der Autor ist vom Wissenschaftsfonds (FWF) geförderter Gastforscher in der Papyrussammlung der Nationalbibliothek

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