Fünfhunderteins, fünfhundertzwei ...

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Wer glaubt, daß nur Babys nachts nicht schlafen können, irrt sich gewaltig. Bereits jeder vierte Österreicher leidet an Schlafstörungen.

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Wer glaubt, daß nur Babys nachts nicht schlafen können, irrt sich gewaltig. Bereits jeder vierte Österreicher leidet an Schlafstörungen.

19.30 Uhr. Die Lage ist gespannt, doch noch gibt es Hoffnung - und Ablenkung, zuerst die Nachrichten, dann ein spannender Abendfilm. Bis gegen 22.00 Uhr ist die Spannung jedoch ins Unerträgliche gestiegen: Einschlafen, ich muß, aber ich kann nicht!

Jeder vierte Österreicher leidet an Schlafstörungen, erklärt der Leiter des Schlaflabors der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie, Bernd Saletu, doch noch sind Probleme beim Ein- oder Durchschlafen im Bewußtsein vieler Menschen nicht als "Erkrankung" verankert. Der Gang zum Arzt geschieht deshalb oft spät, oder gar nicht, ein Problem, das Professor Saletu kennt und bedauert.

Nur rund ein Drittel der an Schlafstörungen leidenden Patienten ziehen tatsächlich einen Mediziner zu Rate. Viel zu häufig greifen Menschen mit Schlafproblemen statt dessen einfach nur zu Alkohol oder Beruhigungsmitteln. Der Wiener Psychiater, Neurologe und Pharmakologe hält das für sehr gefährlich, denn nicht jeder, der schlecht schläft, braucht ein Medikament, ja manchmal ist es sogar schädlich: "Es würde sich niemand ein Herzmittel einfach so kaufen oder vom Nachbarn ausborgen. Aber bei der Schlaftablette tun das die Leute immer noch," kritisiert Bernd Saletu. "Aber nichts gegen Medikamente," meint der Schlafspezialist, "nur muß man bedenken, daß es nicht die Schlaftablette gibt, sondern ein ganzes Spektrum an Psychopharmaka, die je nach zugrundeliegender Störung eingesetzt werden müssen."

Ebensowenig einzuwenden hat der Psychiater gegen Hausmittel, wie Baldrian- oder Johanniskrauttee, solange sie eine Wirkung haben. Hält die Schlafstörung jedoch länger als drei Wochen an, kann man sie sozusagen erlernen, und sie wird chronisch.

Auf Kosten der Nacht Menschen mit Schlafproblemen sollten vor allem auf ihre Schlafhygiene achten, das heißt, sie sollten jeden Tag zur selben Zeit zu Bett gehen und aufstehen, damit sich ihr persönlicher Schlaf-Wach-Rhythmus festigt. Etwa 16 Stunden täglich macht die Wachzeit eines erwachsenen Menschen aus, deshalb sollte man nicht vergessen, daß sich die Zeit zum Schlafengehen auch verzögern kann, wenn man sich in der Früh noch ein Stündchen gönnen will. "Wir verlängern ja gern den Tag auf Kosten der Nacht. Wir wollen noch etwas erleben, ausgehen oder einfach fernsehen. Und dazu kommt, daß man heute am Arbeitsplatz bei künstlichem Licht sozusagen in ewiger Nacht lebt," meint Schlafmediziner Saletu. "Bei der Arbeit auf dem Feld erhielt man seine Ration an Zigtausend Lux, und der Körper wußte, wann er wach sein und wann er schlafen sollte."

Neben anderen wichtigen Maßnahmen, wie einem bequemen Bett mit nicht zu harten oder zu weichen Matratzen, sowie einer angenehmen Raumtemperatur, rät Bernd Saletu auch abends auf Genußmittel zu verzichten. Tee und Kaffee sind ausgesprochene Schlafhemmer, und Alkohol verringert das Durchschlafvermögen. Alle drei sollten Tabu für Menschen mit Schlafproblemen sein. Jede Art von Entspannung fördert den guten Schlaf. Der abendliche Besuch im Fitneßcenter ist somit nur etwas für gut Durchtrainierte, denn bei Anstrengungen werden im Körper Streßhormone freigesetzt, die uns dann den Schlaf rauben.

Wenn man allerdings trotz aller "schlafhygienischen" Maßnahmen etwa einen Monat lang dreimal wöchentlich Probleme beim Einschlafen hat, in der Nacht öfters wach wird, nur schwer wieder in den Schlaf findet und sich nicht richtig erholen kann, ist es Zeit zum praktischen Arzt zu gehen. Die Zusatzdiagnosen liefern Psychiater, Neurologen und Lungenfachärzte.

Etwa 90 verschiedene Arten von Schlafstörungen sind international bekannt. Am häufigsten tritt die sogenannte Insomnie, also ein Mangel an Schlaf, aufgrund von psychischen Problemen auf, erklärt der Wiener Schlafspezialist. Fast drei Viertel aller Patienten haben Schlafstörungen wegen seelischer Belastungen. Viele von ihnen haben Angst- oder Panikstörungen, manche private oder geschäftliche Probleme, weitere leiden an Gemütserkrankungen wie Depressionen. Ein nicht kleiner Anteil der Patienten "verdankt" seine Probleme dem Alkohol- oder Drogenmißbrauch.

Die meisten Schlafprobleme organischer, also nicht psychischer Ursache sind Atmungsstörungen im Schlaf. Bei der sogenannten Apnoe kommt es zu gefährlichen Atemstillständen, die dazu führen, daß der Körper nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird. Vor allem übergewichtige, stark schnarchende Männer über 40 sind von dieser Schlafstörung betroffen.

"Mit dem Schlaflabor haben wir nun die Möglichkeit, das Schlafproblem genau zu diagnostizieren," erklärt Saletu. Etwa 15 solcher Schlaflabors gibt es in ganz Österreich in den größeren medizinischen Zentren. "Die Schlafwissenschaft ist relativ jung und die Methode sehr aufwendig. Alleine schon die Verkabelung eines Patienten im Schlaflabor dauert eineinhalb Stunden." Für die Messung der Hirnströme werden beispielsweise kleine Goldelektroden auf die Stirn, für die Beobachtung der Augenbewegungen an die äußeren Augenwinkel geklebt. "Dann wird der Schlafende eine ganze Nacht lang über einen Computer von einer Assistentin beobachtet,"erklärt der Schlafspezialist. "Der Patient wird dann in der Früh geweckt und über Schlaf- und Aufwachqualität befragt. Zusätzlich wird seine Leistungsfähigkeit gemessen. Wenn wir all diese Daten auswerten, können wir gezielt in die Therapiekiste greifen und mit der Behandlung beginnen, die psychologisch, somatisch oder medikamentös erfolgen kann."

Auch der gesunde Schlaf ist im Laufe eines Menschenlebens ständigen Veränderungen unterworfen. Ein Erwachsener benötigt etwa halb so viel Schlaf wie ein Neugeborenes, das noch ungefähr 16 Stunden pro Tag schläft. Umgekehrt träumt ein Baby mehr als doppelt so viel wie beispielsweise seine Eltern. Während die ältere Schwester, die schon in die Schule geht, rund zehn Stunden schlafen muß, um ausgeruht zu sein, kommt der Großvater übrigens gar mit knapp sechs Stunden Schlaf aus. Ältere Menschen haben mitunter auch Probleme beim nächtlichen Durchschlafen. Zur Zeit untersucht Saletu in diesem Zusammenhang die Wirkung des Hormons Melatonin und sucht dafür noch ältere Patienten mit Schlafstörungen ohne körperliche oder seelische Ursachen. (Interessierte können sich an der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie unter der Tel. 40 400/3519 melden.)

Schlafen - kinderleicht Wie der ältere Mensch so holt sich auch das Baby den nötigen Schlaf oft in mehreren kleinen Portionen. Die Eltern sind mit ihren Nerven jedoch meist schon am Ende und lassen sich deshalb mitunter auf die unmöglichsten Rituale ein, um ihre lieben Kleinen endlich ruhig zu stellen. Doch - "Jedes Kind kann schlafen lernen", versichern der Kinderarzt Hartmut Morgenroth und die Psychologin Annette Kast-Zahn aus Deutschland in ihrem gleichnamigen Buch. Aufgrund ihrer Erfahrung mit den eigenen Kindern und aus ihrer beruflichen Praxis schildern sie in vielen Beispielen, wie einfallsreich verzweifelte Eltern sein können. Doch indem man sich auf nächtliche Spazierfahrten oder stundenlanges Herumtragen des kleinen Quälgeist einläßt, begibt man sich selbst und ihn nur in die Abhängigkeit dieser Rituale und fördert die schlechten Schlafgewohnheiten des Babys.

In ihrem Buch verraten die beiden Experten aber auch, wie man sich aus diesem Teufelskreis wieder herausbegibt und zur längst überfälligen Nachtruhe finden kann. Zudem klären sie über Schlafstörungen bei Kindern auf, die mit schlechten Schlafgewohnheiten nichts zu tun haben.

Jedes Kind kann schlafen lernen. Vom Baby bis zum Schulkind: wie Sie Schlafprobleme Ihres Kindes vermeiden und lösen können.

Von Annette Kast-Zahn und Hartmut Morgenroth, Oberstebrink Verlag, Ratingen, 1998 öS 218, Ich kann nicht schlafen! Wie Sie Schlafstörungen wirkungsvoll überwinden.

Von Gerhard Leibold, ECON Verlag, Düsseldorf, 1996, öS 110,

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