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Fünfzig Jahre Osternacht

1945 1960 1980 2000 2020

Bis ins 20. Jahrhundert feierten Katholiken die Osternacht am helllichten Tag. Mit der Erneuerung der Osternachtfeier wurde 1951 die Liturgiereform eingeleitet.

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Bis ins 20. Jahrhundert feierten Katholiken die Osternacht am helllichten Tag. Mit der Erneuerung der Osternachtfeier wurde 1951 die Liturgiereform eingeleitet.

Vor 50 Jahren wurde die erneuerte Feier der Osternacht "ad experimentum" eingeführt. Damit leitete Papst Pius XII. die offiziellen Reformen der römisch-katholischen Liturgie ein, die vom Zweiten Vatikanischen Konzil konsequent weitergeführt wurden. Die heutigen Diskussionen um die Reform der Reform sind Anlass für eine Rückschau und einen Ausblick.

Verlust der Mitte Aus verschiedenen Gründen hat das Kirchenjahr im Lauf des Mittelalters seine Mitte verloren. Die Feier der Osternacht verschwand zunehmend aus dem religiösen Leben und damit aus der Spiritualität des christlichen Volkes. Vom katholischen Messbuch nach dem Konzil von Trient faktisch auf den Morgen des Karsamstags festgelegt, fristete die "Mutter aller Vigilien" (Augustinus) zuletzt fast überall ein kümmerliches Schattendasein, und fand unter faktischem Ausschluss der gläubigen Öffentlichkeit statt.

Vor leeren Kirchenbänken wurde im Osterlobpreis des Exsultet am helllichten Tag "diese wahrhaft selige Nacht" besungen. Getauft wurde in der Osternacht schon lange nicht mehr. Nach dem Halleluja und der lateinischen Proklamation des Auferstehungsevangeliums folgte der Karsamstag als ein der Grabesruhe gewidmeter Fasttag. Die Erfahrung des Durchgangs vom Dunkel zum Licht, von der Knechtschaft in die Freiheit, von der Trauer zur Freude, vom Tod zum Leben, wie sie in den starken Symbolen und großen Texten der Liturgie der Osternacht gefeiert wird, war anderen Formen der Frömmigkeit gewichen, die ihre Dramatik aus theatralischen Elementen speisten. An die Stelle der heilsgeschichtlichen Gesamtschau, die das Christusereignis nicht nur in den biblischen Gesamtzusammenhang stellte, sondern es auch als spannungsvolle Einheit von Leiden, Tod und Auferstehung vergegenwärtigte, trat eine Auferstehungsfeier, die nur mehr einen losen Bezug zur Liturgie hatte.

Aufbruch der Liturgischen Bewegung Dieser Zustand wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in verschiedenen Kirchen so stark als Defizit empfunden, dass an mehreren Orten gleichzeitig mit der Erneuerung der Osternachtfeier begonnen wurde. In der katholischen Kirche entfaltete vor allem der Klosterneuburger Chorherr Pius Parsch mit seiner Gemeinde St. Gertrud größte Breitenwirkung; 1928 wurde erstmals eine Ganznachtsfeier begangen, die nicht nur die generellen Anliegen der liturgischen Bewegung wie die teilweise Verwendung der Muttersprache umsetzte, sondern mit der Integration einer Tauferneuerungsfeier die spätere Reform vorwegnahm. Die liturgische Feier wurde am Ostermorgen mit einer Agape beschlossen.

Es verdient übrigens Erwähnung, mit welcher Aufgeschlossenheit die Wiener Kirchenleitung diesen Versuchen begegnete. In Deutschland verband der Benediktiner Odo Casel profunde Forschung mit mutiger Praxis; er starb 1948 in einer Osternacht nach der Verkündigung des Exsultet. Nicht zu vergessen ist auch der Beitrag Romano Guardinis, der auf Burg Rothenfels vor allem Jugendliche und junge Intellektuelle ansprach.

Obwohl derartige Experimente in der römischen Kirche jahrzehntelang illegal waren, konnten auch offizielle Stellen nicht hinter die authentischen Erfahrungen dieser und vieler anderer Pioniere zurück. Ein Gesuch der deutschen Bischofskonferenz an den Papst wurde zwar zunächst abgeschlagen, zugleich aber eine Prüfung der Angelegenheit versprochen.

1951 wurde schließlich eine erneuerte Osternachtliturgie vorgestellt und vorerst für ein Jahr "ad experimentum" erlaubt; aufgrund der überaus positiven Reaktionen wurde das Experiment für weitere drei Jahre verlängert und ging 1955 in die Erneuerung der Liturgie der ganzen Karwoche ein.

Beginn der Liturgiereform In der Reform der Osternacht wurde nicht nur die wichtigste Feier des Kirchenjahres in ihrer zentralen Bedeutung wiederhergestellt; erstmals nach langer Zeit wurden liturgische Prinzipien wieder ernstgenommen, die später in der nachvatikanischen Liturgiereform konsequent umgesetzt wurden: die "Richtigkeit des Zeitansatzes" (veritas horarum), derzufolge Feiern nicht beliebig über den liturgischen Tag verschiebbar waren, wurde beachtet, was auch Konsequenzen für die anderen zentralen Feiern der drei österlichen Tage hatte.

Die Beteiligung der Gemeinde, deren undelegierbare Rolle in der liturgischen Bewegung in den Vordergrund gestellt worden war, fand Eingang in die liturgischen Bücher; indem der Dienst eines Lektors vorgesehen wurde, kam das Prinzip der "Rollenteilung" zu seinem Recht. Die Lichtfeier wurde zu jener Gestalt ausgebaut, in der alle Mitfeiernden Kerzen entzünden und so in die Lichtsymbolik einbezogen wurden, ein Taufgedächtnis mit Erneuerung der Taufgelübde wurde eingeführt.

Die Osternachtfeier erfuhr zwar nach dem Zweiten Vatikanum eine weitere Umgestaltung; in Grundzügen war sie aber bereits 1951 unter Pius XII. erneuert worden. Befürworter und Gegner der vatikanischen Liturgiereform vergessen gelegentlich, dass es der große Diplomat auf dem Heiligen Stuhl war, der schon Mitte des 20. Jahrhunderts die Weichen der konziliaren Liturgiereform stellen ließ und die Anliegen jener von der Basis ausgegangenen liturgischen Bewegung, die er selbst als "Hindurchgehen des Heiligen Geistes durch seine Kirche" würdigte, auch in offiziellen Reformschritten aufgriff, die weit über Retuschen am Tridentinischen Messbuch hinausgingen.

Ökumenisches Ereignis Die Reformation hatte die Osternachtfeier zwar nicht abgeschafft; in ihrer Marginalisierung und faktischen Verdrängung waren die protestantischen Kirchen aber konsequente Erben des katholischen Spätmittelalters. Der Verlust der Osternacht ist sicher eine der Wurzeln für eine isolierte Betonung des Karfreitags. Auch in evangelischen Kreisen wurde die Osternacht erst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt, dann aber bald auf breiter Basis aufgegriffen; manche der heutigen Feierordnungen sind durchaus als Zeugnis ökumenischer Annäherung zu verstehen.

Der weitgehend unabhängige, aber gemeinsame Rückgriff verschiedener Kirchen auf die seit altkirchlicher Zeit überlieferten Texte und Symbole der Osterliturgie ist ein Beitrag zu einer Erneuerung aus lange verschütteten Quellen, dessen Bedeutung vielleicht noch nicht abzusehen ist.

Neubesinnung auf die Brücken zum Judentum Hand in Hand mit der Erneuerung der Osternachtfeier ging nämlich eine theologische Neubesinnung, die das Ostergeschehen in seiner zentralen Bedeutung neu erkannte und in der aus ältestem kirchlichen Sprachgebrauch entlehnten Rede vom "Paschamysterium Christi" auf den theologischen Begriff brachte, der ein Schlüssel zum gesamten Liturgieverständnis des Zweiten Vatikanischen Konzils wurde.

Darin werden Leiden, Tod und Auferstehung als dynamische Einheit verstanden; der schon im Neuen Testament greifbare theologische Rückgriff auf das biblische Pascha deutet dieses Heilsgeschehen im Licht des Alten Testamentes und stellt damit bei aller Differenz eine fundamentale theologische Brücke zu jüdischer Theologie dar.

Christliche Osterliturgie und jüdische Pesachfeier sind nicht isoliert voneinander zu betrachten. Ostern verweist die Christen gerade dort, wo sie das Grunddatum ihres Glaubens aussagen, auf die biblischen Wurzeln, die sie mit den Juden teilen, und die sie nicht ohne ernsthafte und respektvolle Auseinandersetzung mit der jüdischen Schwesterreligion für sich beanspruchen dürfen.

Reform der Reform Obwohl die Liturgiereform des 20. Jahrhunderts mit Recht den Anspruch erheben darf, nach vielfältigen Überlagerungen authentische Traditionen der römischen Liturgie freigelegt zu haben, entspricht weder die unter Pius XII. reformierte Feier der Osternacht noch deren Gestalt im nachkonziliaren Messbuch bis ins Detail irgendeiner älteren Entwicklungsstufe.

Der Blick in die jüngere und ältere Geschichte lehrt, dass Liturgie immer einer Entwicklung unterworfen ist. Das gilt selbstverständlich auch für heutige Feierformen. Zweifellos ist Liturgiereform mehr als Reform der liturgischen Bücher; viele Möglichkeiten und Ansprüche der erneuerten Osterfeier sind in der allgemeinen Praxis noch lange nicht eingeholt.

Mit der aus ursprünglichen Quellen erneuerten Erfahrung tun sich aber immer auch weitere Horizonte auf. Alte Texte sind nicht allen ohne Vermittlung verständlich; der Reichtum liturgischer Symbolik will erschlossen werden. Dieser Prozess führt zu den offiziell erneuerten Ordnungen hin und in der Praxis gelegentlich auch darüber hinaus.

Wie unter Pius XII. verschließt sich die Kirchenleitung auch heute nicht diesen Impulsen der Basis, sondern beginnt, von mutigen Experimenten zu lernen. Vor einigen Jahren wurde im Auftrag der deutschsprachigen Bischofskonferenzen eine Überarbeitung des Messbuchs begonnen; dabei nimmt die Osterliturgie eine wichtige Stellung ein. Neben verschiedenen Modifikationen wird wohl dem Wunsch vieler Gemeinden und Seelsorger entsprochen werden, neben der von anderen noch nicht umgesetzten heutigen Normalform auch eine Feier, welche die ganze Nacht dauert, offiziell anzuerkennen; selbst "normale" Pfarrgemeinden, die sich einmal auf ein derartiges Wagnis eingelassen haben, wollen nicht mehr hinter diese starke Erfahrung zurück.

Die offizielle Erneuerung der Osternacht vor 50 Jahren war einer der wichtigsten Schritte der jüngeren Liturgiegeschichte - und sicher nicht deren letzter.

Der Autor ist Liturgiewissenschaftler an derKatholisch Theologischen Fakultätder Universität Wien.

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