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Für eine Kultur der Nachbarschaft

Vor zwanzig Jahren fiel der Eiserne Vorhang. Die Grenzen zwischen den Ländern Zentraleuropas sind heute geöffnet. Kulturaustausch wird aber durch bürokratische Grenzen behindert. Doch wie „grenzen-los“ soll Österreichs Auslandskultur sein? Mit dieser Frage beschäftigte sich die diesjährige Auslandskulturtagung des Außenministeriums.

Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt“ lässt Friedrich Schiller den Wilhelm Tell sagen, während er in der hohlen Gasse bei Küßnacht auf den Reichsvogt Geßler wartet. „Jene, die ihre Nachbarn nicht verstehen, werden kulturell kraftlos; jene, die die anderen am besten kennen, sind die stärksten“, schrieb der ungarische Schriftsteller György Konrád 1985. Die zentraleuropäische Nachbarschaft wurde nach dem Zweiten Weltkrieg durch den Eisernen Vorhang bestimmt, Friede und Verständnis wurden von gegenseitigem Misstrauen und Abschottung überdeckt, symbolisiert durch die Berliner Mauer.

Der erste Stein, der aus der Mauer herausgebrochen wurde, wie es Paul Lendvai bezeichnet, war die Öffnung der ungarisch-österreichischen Grenze am 10. September 1989. Die ungarische Regierung gab damals bekannt, dass um Mitternacht die Grenze zu Österreich geöffnet wird und kündigte das gegenseitige Abkommen mit der DDR, Staatsbürger des jeweils anderen Landes nicht in den Westen ausreisen zu lassen. Bereits am 27. Juni durchschnitten Alois Mock und der ungarische Außenminister Gyula Horn beim Grenzübergang Klingenbach den Grenzzaun zwischen Österreich und Ungarn. Bernhard Holzner hat diesen Moment fotografisch dokumentiert und das kollektive Bild zum Fall des Eisernen Vorhangs geschaffen. Dabei war es bekanntlich keinesfalls eine spontane Aktion, sondern eine gestellte Szene. Holzner hatte bereits zahlreiche Fotos von Grenzsoldaten beim Abmontieren des Stacheldrahtzauns geschossen. Doch er wollte ein Bild mit mehr Symbolkraft und erreichte, dass beide Außenminister selbst einen Teil des Eisernen Vorhangs kameragerecht entfernten. Dabei waren die ursprünglichen Bedenken österreichischer Diplomaten keinesfalls unberechtigt: Warum soll der österreichische Außenminister etwas entfernen, was die Republik nie aufgestellt hatte?

Neues Kulturkonzept

Zwanzig Jahre nach Ende des Kalten Krieges stellte sich die Auslandskulturtagung 2009 des Außenministeriums am 10. September im Wiener Künstlerhaus unter dem Titel „grenzen-los?“ mit typografisch schickem Bindestrich die Frage: „Wie ‚grenzen-los‘ soll österreichische Auslandskultur sein?“ Außenminister Michael Spindelegger bekannte sich natürlich zu einer verstärkten Auslandskulturpolitik, deren Aufgabe und Ziele in dem seit 2001 geltenden „Auslandskulturkonzept NEU“ des Ministeriums festgeschrieben sind. Die offizielle österreichische Auslandskulturpolitik verfüge derzeit über ein weltweites Netzwerk von 30 Kulturforen, 54 Österreich-Bibliotheken, neun Sprachinstituten und den speziellen Kooperationsbüros in Washington, Lemberg und Sarajewo, dazu sollen auch die Botschaften und Generalkonsulate in die Kulturarbeit eingebunden werden. Doch der Außenminister musste auch einräumen, dass „nicht genügend Mittel vorhanden sind“ und der „Standard“ berichtete, dass das entsprechende Budget um 30 Prozent gekürzt worden sei.

Vor der Kulisse der im Künstlerhaus laufenden Ausstellung über Hermann Nitsch trafen einander Unterrichtsministerin Claudia Schmied und Wissenschaftsminister Johannes Hahn zu einem Gespräch mit Marktforscher Rudolf Bretschneider zur Frage: „Österreich seit der Revolution von 1989: Kunst, Bildung, Wissenschaft. Was könnten wir zusätzlich für den internationalen Austausch tun?“ – bei dem, wie erwartet, häufig die Worte „multilateral“, „Kooperation“ oder „Initiative“ verwendet wurden. Claudia Schmied erneuerte ihr Bekenntnis zur zeitgenössischen Kunst, um die sie sich intensiv kümmern möchte. Sie halte es für besonders wichtig „österreichischen Kunstschaffenden Bühnen in anderen Ländern zu eröffnen“, auch um den Kunstschaffenden ein Einkommen zu ermöglichen.

Festigung vorhandener Netzwerke

Daher kündigte Schmied ein neues Förderprogramm an. 200.000 Euro stellt das Ministerium für innovative Kulturprojekte an den österreichischen Kulturforen im Ausland in Aussicht. Bis zum 1. Dezember können die österreichische Kulturforen entsprechende Anträge einreichen. Ziel eines solchen Schwerpunktes solle es sein, ein zeitgemäßes Bild von Österreich zu präsentieren und die Mobilität und Vernetzung österreichischer Kunstszenen zu fördern, so die Ministerin.

Die jährliche Tagung der Auslandskulturvertreter dient zur Festigung der vorhandenen Netzwerke, erfüllt auch den Zweck einer inoffiziellen Danksagung der Politik an diese Vertreter und soll dazu noch die Möglichkeit zur Kontaktaufnahme mit österreichischen Künstlern ermöglichen. Die Regisseurin Eva Brenner vom Experimentaltheater „Fleischerei“ in der Wiener Kirchengasse sah aber angesichts der Nitsch-Ausstellung „mehr Kunst an der Wand als Künstler im Raum“ und machte auf die Schwierigkeiten der Bürokratie für zeitgenössische Kunstschaffende aufmerksam. Sie komme seit fünf Jahren kaum mehr zum künstlerischen Arbeiten, weil sie nur noch versuche, ihr Theater zu erhalten. Jeder Schritt sei in den vergangenen Jahren schwieriger geworden: „Jedes Ansuchen braucht jetzt eine doppelte Budgetierung.“ Bürokratische Hürden wie EU-konforme Kalkulationsraster hätten die Arbeit erschwert: „Schwierig war es immer, aber was heute verlangt wird, ist eindeutig eine Schikane.“ Dabei gehörten Künstler genauso partnerschaftlich behandelt wie Geschäftsleute, Ärzte oder Journalisten: „Warum erniedrigt man uns in diesem Land und hält uns in dieser Bittstellerfunktion?“ Sie sehnt sich nach der Toleranz einer breiten, demokratischen Gesellschaft, aber diese Schritte seien langsam und mühsam. „Wir haben den österreichischen Bürokratismus, der noch von Metternich stammt, und jetzt kommt noch der EU-Bürokratismus dazu.“ Die seitenlangen Formulare, die von öffentlichen Ämtern – dazu noch mehrsprachig – gefordert werden, überfordern kleinere Kulturinitiativen.

„Die Grenze ist eine Idee ohne geistige Substanz, aber mit umso mehr physischer Kraft“, sagte die Filmemacherin Nina Kusturica in einem von vier Workshops der Auslandskulturtagung mit dem Titel: „Wie geht die Kunst mit Grenzen um?“ Die aus Bosnien nach Wien geflüchtete Regisseurin kennt die physische Beschränkung von Grenzen aus der eigenen Erfahrung. An Grenzen herrsche ein Parallelregime von Beamten, denen künstlerische Werke gerade deswegen suspekt sind, weil sie keinen sichtbaren materiellen Wert haben.

Der böse Nachbar existiert nicht mehr

Österreichische Künstler genießen im Ausland hohe Sympathiewerte, waren sich Schmied und Hahn einig. Aber welche südosteuropäischen Kunstschaffenden sind in Österreich bekannt? „1989–2009. Geteilt–Geeint. Aufbruch in ein neues Europa“ nennt sich eine Initiative des Außenministeriums, die dem Ende des Kalten Krieges mit einer Veranstaltungsreihe Rechnung trägt. Ein Blick in das Programm verdeutlicht, dass die physische Grenze beseitigt ist, die kulturelle Verbundenheit aber nur marginal existiert. Die slowakische Malerei, der rumänische Film oder das polnische Theater der Gegenwart spielen in Österreich eine untergeordnete Rolle. Der böse Nachbar existiert nicht mehr. Je mehr Österreich jetzt seine Nachbarn verstehen und kennen lernt, umso stärker wird es in der EU gehört werden, aber dazu braucht es die entsprechenden Mittel. Wenn die Administration die ursprüngliche Idee der Freiheit auffrisst, wird eine alte Grenze durch neue Grenzen ersetzt. Humorvoll dargestellt ist diese Entwicklung in der Ausstellung „Witz und (R)Evolution – 1989 – Davor/Danach“, im Collegium Hungaricum: Karikaturisten aus Südosteuropa illustrieren den Fall des Eisernen Vorhangs.

www.1989-2009.at

www.collegium-hungaricum.at

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