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Für eine Welt ohne Psychopathen

Der australische, in Wien geborene Architekt Harry Seidler über das geplante Rabin Friedensforum in Tel Aviv und totalitäre Architektur.

die furche: Yitzchak Rabin wurde am 4. November 1995 auf dem "Kikar Malchei Israel" in Tel Aviv ermordet. Der Platz wurde darauf in "Rabinplatz" umbenannt. Ein Wettbewerb soll ihn nun zum "Rabin Friedensforum" machen. Sie waren Mitglied der Jury. Können Sie den Platz beschreiben?

Harry Seidler: Der ehemalige "Kikar Malchei Israel" ist ein riesiger, öffentlicher Platz von vier Hektar Größe im Zentrum von Tel Aviv. Er wurde 1926 vom schottischen Stadtplaner Sir Patrick Geddes entworfen und ist seit seiner Fertigstellung zentraler Treffpunkt für viele. Alle möglichen Aktivitäten wie politische Demonstrationen, Festivals, Büchermessen oder Blumenkorsos finden hier statt.

die furche: Was war Ziel des Wettbewerbs, zu dem 194 Einreichungen aus 28 Ländern einlangten?

Seidler: Der Platz soll nicht fundamental verändert, aber neu genutzt werden. Drei Punkte waren gefordert: Erstens muss alles, was bisher hier stattfindet, weiter möglich sein. Zweitens sollten die Architekten ein Ambiente schaffen, das den Platz aufwertet. Er soll nicht, wie bisher, nur ein zwangsloser Treffpunkt sein, sondern ein spezielles Image bekommen. Nach einem positiven oder negativen Anlass wie einem Terroranschlag soll sich hier die Bevölkerung treffen können, um kollektiv Reden zuzuhören, sich auszutauschen und zu verarbeiten. So etwas findet vor allem nachts nach der Arbeit statt, daher war die Beleuchtung sehr wichtig. Der dritte Punkt ist das Gedenken. Auf dem "Rabin Platz" steht eine Holocaust-Skulptur, die verschoben, aber nicht entfernt werden durfte. Dazu kommt das spezielle Memorial an Yitzchak Rabin, der hier ermordet wurde. Jedes Jahr am 4. November soll hier in einem angemessenen Rahmen gemeinsame Trauer möglich sein.

die furche: Wie kann Architektur darauf reagieren?

Seidler: Wir wollten auf keinen Fall extravagante visuelle Gesten, deren Verwirklichung enorme Summen kostet. So ein Projekt darf nicht modisch sein, das hat man rasch satt. Aggressive, effekthascherische Architektur macht krank. Ein "Friedensforum" muss zeitlosen Charakter besitzen, bescheiden, zurückhaltend, damit auch praktisch und leicht zu verwirklichen sein. Die Stadt Tel Aviv wird keine Riesensummen an öffentlichen Geldern für den Ego-Trip eines Architekten ausgeben.

die furche: Auf öffentlichen Plätzen trifft Architektur am unmittelbarsten auf die Gesellschaft. Kann Architektur das Verhalten von Menschen beeinflussen?

Seidler: Ja, auf alle Fälle. Ein Beispiel für gute Gestaltung ist das Projekt zum "Friedensforum" von Christopher Lee aus Großbritannien und Gabriella Zaubermann aus Israel. Sie haben ein System von Gräben über den Platz gelegt. Damit kann hier niemand mehr Gebäude, unterirdische Parkplätze oder ähnlich Überflüssiges bauen. Außerdem haben sie durch zwei Baumreihen visuell den Platz von den umgebenden Straßen abgetrennt: das schirmt vom Lärm geparkter oder fahrender Autos ab, die die Antithese zu einem würdigen Gedenkplatz bilden. In den Gräben, die den Platz überziehen, sind Schirme verankert. Die kann man herausziehen, darunter findet weiter der Markt statt. Tel Aviv ist heiß, die Leute brauchen Schatten. Man muss nicht alle Schirme verwenden, das System lässt verschiedenste Formationen zu. Das ist die Tagesfunktion. Bei Nacht kann man wie bei einem Teleskop die Stangen aus den Gräben vier Meter hoch ausziehen. Oben ist eine Lampe mit farbigem oder gedecktem Licht. Das taucht den Platz in wunderbare Atmosphäre. Da können Menschen reden, flanieren, trauern, feiern. Dabei ist das ein sehr einfaches System. Die dritte Möglichkeit ist das gemeinsame Gedenken, zum Beispiel an Rabins Ermordung. Da bleibt die Stange im Boden, an ihrer Spitze ist eine Kerze, daneben ein Blumenstrauß. So verwandelt sich der Platz in ein Feld von Gedenklichtern voller Andacht. Die beiden haben genau getroffen, worum es geht.

die furche: Was halten Sie von totalitärer, stalinistischer Architektur, wie zum Beispiel den Bauten von Hitlers Architekten Albert Speer oder den Paradeplätzen der ehemaligen Sowjetunion?

Seidler: Hoffentlich haben wir jetzt genug davon. Wir kommen wirklich ohne aus. Das ist die absolute Antithese zu dem, was wir wollen. Das ist eine megalomanische, faschistische, aggressive Vorstellung, Plätze und Raum zu gestalten. Je weniger, umso besser. Es gibt einen großen Bedarf nach hochwertiger Architektur wie dem vorhin geschilderten Projekt zum "Friedensforum". Der letzte, der in der Lage war, gute Architektur zu schaffen, war Albert Speer. Er war ein inkompetentes Nichts, ein geschmackloser, machttrunkener Psychopath, wie alle um ihn herum. Die Welt kommt ohne solche Gestalten aus. Dasselbe gilt für Lenin und Konsorten. Dieses Vorführen von Raketen, Soldaten und Gewehren auf Paradeplätzen: eine ermüdende, kindische, psychopathische Prozedur.

die furche: Gibt es demokratische Architektur?

Seidler: Ja. Das absolute Gegenteil, wie das Projekt für das "Rabin Friedensforum". Der Name allein ruft diesen tragischen historischen Aspekt in Erinnerung, dass hier ein Mann ermordet wurde, der, würde er noch leben, vielleicht den Frieden durchgesetzt hätte. Er war am Weg dazu, den Frieden ohne aggressive Mittel durchzusetzen. Die Architektur des "Friedensforums" ist nicht aggressiv: sie ist zentraler Platz für eine Gemeinschaft in einer lebendigen Stadt.

die furche: Die Stadtbehörde plant 2000 unterirdische Parkplätze und Büros rund um den Rabinplatz. Es gab Demonstrationen dagegen, das Architekturinstitut hat daraufhin den Wettbewerb vorangetrieben. Kann das "Friedensforum" realisiert werden?

Seidler: Was? Parkplätze und Büros? Auf diesem Platz? Der ist doch ohnehin voll von Gebäuden! Das ist völlig absurd! Ich bin ganz auf der Seite der Demonstranten. Wer zum Teufel braucht Parkplätze? Je weniger Autos, umso besser! Ich denke, dieses Projekt ist leicht zu realisieren. Es ist eine ganz einfache Sache, absolut nicht teuer. Wenn Sie mir das anvertrauen würden, wäre das in ein paar Monaten erledigt! Das ginge viel rascher, als Büros und Parkplätze zu bauen. Wenn sie Geld braucht, soll die Stadtbehörde lieber mehr Steuern einnehmen, als sich bei Immobilien zu versuchen.

die furche: Vor fast hundert Jahren erfand Theodor Herzl in seinem Buch "Altneuland" die utopische Stadt Tel Aviv. Sie wurde gebaute Wirklichkeit. Das "Friedensforum" ist auch eine Utopie. Braucht Architektur die Utopie?

Seidler: Absolut. Die Architektur in Tel Aviv beeindruckte mich enorm. Sie ist auf sehr hohem Niveau. Tel Aviv ist eine der wenigen neuen Städte des 20. Jahrhunderts, die von emigrierten deutschen Architekten geplant wurde. Sie kamen aus der Bauhaustradition, es ist eine rationale Architektur. Wenn man heute die Boulevards entlanggeht, sieht man Häuser, die in den zwanziger Jahren errichtet wurden und absolut zeitgemäß aussehen. Sie sind keiner Mode unterworfen, die "in" oder "out" ist. Das ist eine große Stärke. Diese Gebäude wurden mit minimalsten Mitteln gebaut, sie sahen vor einigen Jahren recht schäbig aus. Nun wurden sie mit wenig Aufwand restauriert, es ist fantastisch. Die Planung ist großartig - die Fußgänger gehen in der Mitte, zwei Baumreihen rechts und links, man fühlt sich wie in einem Park. Der Verkehr fährt außen vorbei. Das ist eine beeindruckende städtebauliche Vision. Ich wünschte, wir hätten so was in Australien auch!

Das Gespräch führte Isabella Marboe.

Zur Person: Harry Seidler

Harry Seidler ist 1923 in Wien geboren und lebt heute in Australien, wo er in Sydney ein Büro hat. Er zählt zur Riege der internationalen Stararchitekten. Seine Hochhäuser prägen die Skylines Australiens, in Wien hat er auf der Donauplatte eine Wohnhausanlage, ein Kinocenter und einen Büro/Wohnturm geplant. Seidler wuchs als jüngerer Sohn einer assimilierten jüdischen Industriellenfamilie in Wien auf. 1938 floh er knapp 15-jährig nach England, von wo er als "feindlicher Ausländer" nach Kanada deportiert wurde. Danach studierte er Architektur. Ästhetische und physische Langlebigkeit ist das Ziel seiner Architektur. Beim internationalen Wettbewerb des Architekturinstituts in Israel zum "Rabin Friedensforum" in Tel Aviv gehörte Harry Seidler der Jury an. IM

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