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Für Gedanken gibt es viele Wege...

1945 1960 1980 2000 2020

"Homo Sapiens": Der Dokumentarfilmer Nikolaus Geyrhalter hat mit der Kamera von der Zivilisation verlassene Orte aufgesucht.

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"Homo Sapiens": Der Dokumentarfilmer Nikolaus Geyrhalter hat mit der Kamera von der Zivilisation verlassene Orte aufgesucht.

Nikolaus Geyrhalter (fast) allein unterwegs mit seiner Kamera: Nicht selten gestaltet dieser außergewöhnliche Filmemacher seine Dokumentarfilme unter dem Aspekt personeller Askese - was ihm zumeist einen ganz eigenen und eigenwilligen Blick auf seine Themen eröffnet. In "Homo Sapiens" geht Geyrhalter an von der Zivilisation verlassene Orte; es geht um das, was Menschen zurücklassen eine Kollekte aus statischen Bildern mit sorgfältiger Kadrage, durch die dann und wann ein Lüftchen weht. Die Orte, die Geyrhalter zeigt, entfachen mitunter Horrorkino im Kopf: Ein Teil der Aufnahmen entstand etwa in Fukushima in Japan, und zwar in Gebieten, die seit dem verheerenden Tsunami und dem darauf folgenden AKW-Super-Gau im Jahr 2011 schlagartig ihre Population verloren. Geyrhalter zeigt, wie sich die Natur langsam das zurückholt, was ihr der Mensch genommen hat. "Homo Sapiens" ist ein grandios komponiertes Bildnis über das, was von uns übrigbleibt. Viel ist das nicht.

DIE FURCHE: Sie zeigen unter anderem Bilder des verlassenen Fukushima. Wie ist das gelungen?

Nikolaus Geyrhalter: Fukushima war speziell. Mit Presseausweis kommt man schon in die Zone hinein. Wir hatten dort einen Kontaktmann, der sich vor Ort gut auskannte und den Dreh ermöglichte. Natürlich, Radioaktivität ist immer ein Risiko. Wir ließen uns in Seibersdorf scannen und wussten genau, wie viel Radioaktivität der Körper aufgenommen hat. Man muss aufpassen, dass man nichts in den Körper hineinbekommt, dass man keinen Staub aufwirbelt, denn das wäre schlimm. Leben kann man dort nicht, aber für die paar Drehtage war es machbar.

DIE FURCHE: Die Bilder aus Fukushima sind die stärksten, weil sie ein Kopfkino entfachen.

Geyrhalter: Das war einer der Gründe, warum Fukushima am Anfang des Films steht, weil das ja auch noch nicht so lang her ist. Weil das ein Leben zeigt, dass erst vor kurzem verschwunden ist. Man kann gar nicht genug darauf hinweisen, dass es überall auf der Welt die Gefahr von radioaktiver Verstrahlung gibt und deshalb ist es schon auch ein Statement, damit zu beginnen.

DIE FURCHE: Sie lassen Ihre Bilder oft minutenlang unbewegt stehen, was dem Zuschauer ermöglicht, sich hineinzudenken.

Geyrhalter: Natürlich, es ist alles Kopfkino. Man kann es sich einfach machen und zeigen, wie verlassene Orte aussehen. Oder aber: Man kann in jedem Bild anfangen zu assoziieren. Das war genau unser Weg: Es gibt viele Pfade, die man gedanklich einschlagen kann, und so sieht natürlich jeder Zuschauer seinen eigenen Film.

DIE FURCHE: Welchen Film sehen Sie?

Geyrhalter: Mir war wichtig zu zeigen, dass man so viel wie möglich erfahren sollte über den Menschen, der einmal da war, und dass ich in diesen Bildern den Menschen immer noch spüre und frage, was tun wir hier, was machen wir mit unserem Leben? Wir suchten auch nach Bildern, die zeigten, dass der Mensch kein so freundliches Wesen ist.

DIE FURCHE: Wie stehen Sie zu der These, dass der Mensch den Planeten zwar verstümmeln kann, aber die Erde überlebt dann doch. Die Natur holt sich alles wieder zurück.

Geyrhalter: Das ist zumindest eine sehr optimistische Sichtweise. Ich finde Filme, die solche Thesen vertreten, sehr beruhigend. Das ist ja fast ein heiliger Prozess, dass es die Natur doch immer wieder schafft, sich diese von Menschenhand errichteten Gebäude oder Stätten wieder zu Eigen zu machen. Dieses Szenario gibt es. Es gibt Leute, die sagen, es wird so nicht passieren. Es gibt Menschen, die glauben, dass wir aussterben. Es gibt Menschen, die sagen, wir werden alles kaputt machen. Ich habe das Gefühl, es könnte noch ein Ausstieg gelingen.

Homo Sapiens

A 2016. Regie: Nikolaus Geyrhalter. 94 Min. Ab 4.11.

Nikolaus Geyrhalter (fast) allein unterwegs mit seiner Kamera: Nicht selten gestaltet dieser außergewöhnliche Filmemacher seine Dokumentarfilme unter dem Aspekt personeller Askese - was ihm zumeist einen ganz eigenen und eigenwilligen Blick auf seine Themen eröffnet. In "Homo Sapiens" geht Geyrhalter an von der Zivilisation verlassene Orte; es geht um das, was Menschen zurücklassen eine Kollekte aus statischen Bildern mit sorgfältiger Kadrage, durch die dann und wann ein Lüftchen weht. Die Orte, die Geyrhalter zeigt, entfachen mitunter Horrorkino im Kopf: Ein Teil der Aufnahmen entstand etwa in Fukushima in Japan, und zwar in Gebieten, die seit dem verheerenden Tsunami und dem darauf folgenden AKW-Super-Gau im Jahr 2011 schlagartig ihre Population verloren. Geyrhalter zeigt, wie sich die Natur langsam das zurückholt, was ihr der Mensch genommen hat. "Homo Sapiens" ist ein grandios komponiertes Bildnis über das, was von uns übrigbleibt. Viel ist das nicht.

DIE FURCHE: Sie zeigen unter anderem Bilder des verlassenen Fukushima. Wie ist das gelungen?

Nikolaus Geyrhalter: Fukushima war speziell. Mit Presseausweis kommt man schon in die Zone hinein. Wir hatten dort einen Kontaktmann, der sich vor Ort gut auskannte und den Dreh ermöglichte. Natürlich, Radioaktivität ist immer ein Risiko. Wir ließen uns in Seibersdorf scannen und wussten genau, wie viel Radioaktivität der Körper aufgenommen hat. Man muss aufpassen, dass man nichts in den Körper hineinbekommt, dass man keinen Staub aufwirbelt, denn das wäre schlimm. Leben kann man dort nicht, aber für die paar Drehtage war es machbar.

DIE FURCHE: Die Bilder aus Fukushima sind die stärksten, weil sie ein Kopfkino entfachen.

Geyrhalter: Das war einer der Gründe, warum Fukushima am Anfang des Films steht, weil das ja auch noch nicht so lang her ist. Weil das ein Leben zeigt, dass erst vor kurzem verschwunden ist. Man kann gar nicht genug darauf hinweisen, dass es überall auf der Welt die Gefahr von radioaktiver Verstrahlung gibt und deshalb ist es schon auch ein Statement, damit zu beginnen.

DIE FURCHE: Sie lassen Ihre Bilder oft minutenlang unbewegt stehen, was dem Zuschauer ermöglicht, sich hineinzudenken.

Geyrhalter: Natürlich, es ist alles Kopfkino. Man kann es sich einfach machen und zeigen, wie verlassene Orte aussehen. Oder aber: Man kann in jedem Bild anfangen zu assoziieren. Das war genau unser Weg: Es gibt viele Pfade, die man gedanklich einschlagen kann, und so sieht natürlich jeder Zuschauer seinen eigenen Film.

DIE FURCHE: Welchen Film sehen Sie?

Geyrhalter: Mir war wichtig zu zeigen, dass man so viel wie möglich erfahren sollte über den Menschen, der einmal da war, und dass ich in diesen Bildern den Menschen immer noch spüre und frage, was tun wir hier, was machen wir mit unserem Leben? Wir suchten auch nach Bildern, die zeigten, dass der Mensch kein so freundliches Wesen ist.

DIE FURCHE: Wie stehen Sie zu der These, dass der Mensch den Planeten zwar verstümmeln kann, aber die Erde überlebt dann doch. Die Natur holt sich alles wieder zurück.

Geyrhalter: Das ist zumindest eine sehr optimistische Sichtweise. Ich finde Filme, die solche Thesen vertreten, sehr beruhigend. Das ist ja fast ein heiliger Prozess, dass es die Natur doch immer wieder schafft, sich diese von Menschenhand errichteten Gebäude oder Stätten wieder zu Eigen zu machen. Dieses Szenario gibt es. Es gibt Leute, die sagen, es wird so nicht passieren. Es gibt Menschen, die glauben, dass wir aussterben. Es gibt Menschen, die sagen, wir werden alles kaputt machen. Ich habe das Gefühl, es könnte noch ein Ausstieg gelingen.

Homo Sapiens

A 2016. Regie: Nikolaus Geyrhalter. 94 Min. Ab 4.11.