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"Für konfliktbeladene Geschichten"

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"Ein Dorf sieht schwarz": Der französische Regisseur Julien Rambaldi über die Möglichkeiten der Komödie, mit heiklen Themen umzugehen. | Das Gespräch führte Matthias Greuling

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"Ein Dorf sieht schwarz": Der französische Regisseur Julien Rambaldi über die Möglichkeiten der Komödie, mit heiklen Themen umzugehen. | Das Gespräch führte Matthias Greuling

Ein junger Afrikaner aus Zaire kommt nach seinem Medizinstudium Mitte der 1970er-Jahre ins nordfranzösische Dorf Marly-Gomont. Dass das bei den Bewohnern Misstrauen erregt, ist, wie wir aus heutiger Sicht wissen, kein Phänomen der 70er-Jahre , sondern ziemlich zeitgemäß. Wie übrigens alles andere auch in Julien Rambaldis Komödie "Ein Dorf sieht schwarz".

Die Furche: Komödien über das Thema Flüchtlinge gab es in letzter Zeit viele. Was macht ihre Geschichte besonders?

Julien Rambaldi: Der Film basiert auf einer wahren Geschichte, und zwar auf jener des Sängers Kamini, der 2006 einen großen Hit in Frankreich hatte. Der Song hieß "Marly-Gomont", und Kamini erzählte darin seine eigene Geschichte. Wie er als Sohn eines Arztes aus dem Kongo in der französischen Provinz aufwuchs. Er hat auch die Vorlage zum Film geschrieben. Er wollte seinem verstorbenen Vater damit ein Denkmal setzen, denn es ist dessen Geschichte. Seyolo Zantoko, ein afrikanischer Arzt, versucht Mitte der 70er sein Glück im Norden Frankreichs, in einer Provinz, wo die Leute zuvor noch nie einen Afrikaner gesehen hatten. Schon Kaminis Song hatte diesen verschmitzten Witz zwischen den Zeilen, der auch in seiner Drehbuchfassung durchkam.

Die Furche: Sich fremd zu fühlen und fernab der Heimat zu leben, das passt als Filmthema ganz ausgezeichnet in die heutige Zeit. Kommt Ihr Film also gerade rechtzeitig, auch vor dem Hintergrund der bevorstehenden Wahlen in Frankreich?

Rambaldi: Als ich begann, an dem Film zu arbeiten, da war die Flüchtlingskrise gerade erst im Entstehen. Ich dachte damals nicht, wie brisant und aktuell mein Thema beim Kinostart sein würde. Die Geschichte meines Helden ist etwas anders als moderne Flüchtlingsschicksale. Seyolo kam aus dem Kongo, aber er hatte bereits in Frankreich studiert und sucht Arbeit. Der Film zeigt die Angst, die Menschen vor Fremden haben, weniger die rassistische Seite des Problems. Diese Ängste werden wohl auch bei der Präsidentenwahl eine Rolle spielen. Der Film zeigt auch, wie wir uns in separate Gesellschaften aufspalten, weil wir voreinander Angst haben. In "Ein Dorf sieht schwarz" kann es erst dann Konfliktlösungen geben, wenn die Menschen miteinander reden und einander kennenlernen.

Die Furche: Man könnte jetzt sagen, das hat doch schon die Globalisierung für uns erledigt. Wir sind heute dank Internet einander näher als je zuvor und kennen einander durch die sozialen Netzwerke ganz genau.

Rambaldi: Es kommt auf die Menschlichkeit an. Whatsapp, Facebook oder Twitter verändern die Menschheit nicht. Aber die Medien haben einen gewaltigen Anteil an dem, wie wir auf Fremde reagieren. Heute gibt es zu viele Informationen, und es fehlt uns die Möglichkeit, diese Fülle zu verarbeiten oder gar zu hinterfragen. Wer hilft uns, die Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen? Die einzige Chance, die Wahrheit zu erfahren, ist es hinauszugehen, und mit den Menschen zu reden.

Die Furche: Das tut ihr Held ja auch unentwegt: Er geht von Tür zu Tür und stellt sich jedem im Dorf vor.

Rambaldi: Damals hatte er auch gar keine andere Möglichkeit zur Kommunikation mit den Leuten. Er hat verstanden, dass er das Vertrauen der Menschen gewinnen muss , um als Arzt akzeptiert zu werden, und nicht als böser schwarzer Mann aus dem Kongo zu gelten. Zum Glück steht er drüber und empfindet es nicht als Demütigung. Am schwersten tut er sich allerdings damit, seine Frau davon zu überzeugen, dass es in der Provinz lebenswert ist. Sie hatte sich eher im Pariser Chic gesehen.

Die Furche: Daraus entstehen dann einige sehr witzige Szenen. War die Komödie von Beginn an das Genre Ihrer Wahl?

Rambaldi: Mir erscheinen Komödien als sehr passend für konfliktbeladene Geschichten. Man trägt dabei nicht Schuldgefühle oder moralische Fragen in bierernstem Ton vor, sondern versucht, die Zuschauer über die Figuren in die Geschichte zu locken, die mit Heiterkeit anstatt mit moralischem Zeigefinger erzählt wird.

Die Furche: Wie setzt man das um?

rambaldi: Zunächst braucht man eine gute, kraftvolle Geschichte, und in diesem Fall ist der schwarze Arzt in fremder Umgebung ein dankbares Motiv für allerlei Unwägbarkeiten. Das geht aber nur, weil Seyolo jemand ist, der für die Sache kämpft und sich von Widerständen nicht so schnell unterkriegen lässt. Er wird viel später die Anerkennung für seine Hartnäckigkeit ernten. Grundsätzlich muss man bei Komödien sehr auf den Rhythmus achten und vermeiden, dass man groteske Szenen dreht, also solche, die sich selbst nicht ernst nehmen. Nichts ist unglaubwürdiger als eine Komödie, die sich nicht ernst nimmt. Louis de Funès war der größte französische Komiker, und wenn man seine Filme ansieht, dann merkt man, wie dramatisch sein Spiel jedes Mal war. Er lacht nie, er ist völlig ernst in seiner Rolle.

Die Furche: Ein interessanter Aspekt von "Ein Dorf sieht schwarz" ist die konservative 70er-Jahre-Mentalität, die sich seltsam zeitgemäß anfühlt.

Rambaldi: Natürlich sehen wir auf der Leinwand die 1970er-Jahre, vor allem anhand der Kleidung, aber ich wollte keine zu starke Zeitgebundenheit. Die Handlung spielt auf dem Land, aber zwischen Gestern und Heute hat sich im ländlichen Milieu nicht so viel geändert. Dies erlaubt eine moderne Erzählweise, in der die Krise der Migration mitschwingt. Vor zwei oder drei Jahren habe ich mich noch gefragt, ob man die Geschichte wirklich erzählen soll. Die Antwort ist heute eindeutig. "Ein Dorf sieht schwarz" erzählt vom Zusammentreffen zweier Welten, die einander nicht kennen, ein bisschen wie am Anfang einer Liebesbeziehung, wenn man sich noch aneinander herantasten muss. Man spürt Angst vor dem anderen, aber nach und nach gewinnt das Vertrauen die Oberhand. Das ist der Motor des Films.

Die Furche: Empfanden Sie es als Risiko, ein gesellschaftspolitisches Anliegen mit Humor aufzuarbeiten?

rambaldi: Ja und Nein. Mir war am wichtigsten, dass ich die Dorfbewohner und die Familie Zantoko keinesfalls als Karikaturen darstellte. Keine leichte Angelegenheit, aber ich konnte mich auf eine tolle Besetzung verlassen. Es geht nicht um eine Posse mit einer Aneinanderreihung von Sticheleien und Witzen, sondern im Gegenteil, um eine sehr englische Komödie. Für so etwas brenne ich. Und der Erfolg gibt uns recht: Ich bin sehr zufrieden mit dem Kinostart in Frankreich. 700.000 Besucher sind viel für einen Film, der kein Zugpferd wie Dany Boon hat.

Ein Dorf sieht schwarz (Bienvenue à Marly-Gomont)

F 2016. Regie: Julien Rambaldi. Mit Marc Zinga, Aïssa Maïga. Thimfilm. 96 Min.

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