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"Für mich ist diese Musik universell"

"Es ist keine Musik, die sich leicht darstellen lässt, aber sie ist einfach, weil sie direkt zu Herzen geht." Dirigent Georges Prêtre über sein erstes Neujahrskonzert, seine Wiener Anfänge, Herbert von Karajan und warum er nicht mehr Oper dirigiert.

Die Furche: Maestro Prêtre, waren Sie überrascht, als Sie die Wiener Philharmoniker für das Neujahrskonzert eingeladen haben?

Georges Prêtre: Es war eine schöne Überraschung. Ich sehe darin aber auch die logische Entwicklung einer guten, langjährigen Zusammenarbeit und fühle mich besonders geehrt, dass ich der erste französische Dirigent dieses Konzerts sein werde.

Die Furche: Wie bereiten Sie sich für dieses Konzert vor, das mit seinen drei Terminen am 30. und 31. Dezember sowie am Vormittag des 1. Jänner sehr anstrengend ist?

Prêtre: Erst kürzlich bestritt ich mit den Philharmonikern eine Tournee mit sechs Konzerten innerhalb von zehn Tagen. So etwas macht mir nichts aus, wichtig ist, dass ich mich rechtzeitig darauf mental einstelle.

Die Furche: Die Wiener Philharmoniker haben eine besondere Tradition für die Musik der Strauß-Dynastie, woher haben Sie Ihre Affinität?

Prêtre: Diese Tradition ist Teil der einzigartigen Atmosphäre von Wien. Auch ich bin im Laufe der Jahre ein bisschen Wiener geworden. Vor allem in meiner Zeit als Erster Gastdirigent der Wiener Symphoniker dirigierte ich immer wieder Strauß. Meine Beziehung zu dieser Musik reicht freilich bis zum Beginn meiner Dirigentenkarriere zurück. In jungen Jahren dirigierte ich viel Walzer, etwa den "Donauwalzer" oder den "Kaiserwalzer". Damals kannte ich dieses charakteristische Wiener Flair, das einen wesentlichen Teil der Wiener Strauß-Tradition ausmacht, aber noch nicht.

Die Furche: Wie erklären Sie sich den Welterfolg dieser Musik? Weshalb sprechen diese Walzer, Polkas, Galoppe, die oft sehr melancholische Züge haben, Menschen in aller Welt so unmittelbar an?

Prêtre: Für mich ist diese Musik universell, die vollendetste Kunstgattung - und sie wird von allen verstanden. Es ist keine Musik, die sich leicht darstellen lässt, aber sie ist einfach, weil sie direkt zu Herzen geht. Ich verstehe das Neujahrskonzert als Fest, wo die Musik von meinem Herzen direkt in die ganze Welt ausströmt.

Die Furche: Wie sehr haben Sie Einfluss auf das Programm des Neujahrskonzerts genommen - es gibt wieder einige Novitäten, ungewöhnlich viel französische Anklänge, aber auch Hinweise auf sportliche Ereignisse?

Prêtre: Im Programm sollte meine französische Herkunft mitaufscheinen, aber nicht mit französischer Musik, sondern mit Stücken der Strauß-Familie, die Beziehungen zu Frankreich aufweisen. Daher beginne ich mit dem "Napoleon-Marsch" von Johann Strauß, dirigiere den Pariser Walzer und den "Versailler Galopp" von Strauß Vater oder eine Offenbach-Quadrille von Johann Strauß - alles Stücke, die zum ersten Mal auf dem Programm eines Neujahrskonzerts stehen. Frankreich ist nur ein Teil des Programms. Mit Stücken wie dem "Russischen Marsch" oder dem "Chineser Galopp" sprechen wir ausdrücklich auch andere Teile der Welt an und rufen in Erinnerung, dass nächstes Jahr die Olympiade in Peking stattfindet. Die Zusammenstellung haben mir die Philharmoniker vorgeschlagen, die auch die meiste Erfahrung in der Dramaturgie solcher Programme haben.

Die Furche: 1962 debütierten Sie mit "Capriccio" an der Oper, 1963 dirigierten Sie ein philharmonisches Abonnementkonzert und am selben Tag die "Margarethe"-Premiere an der Staatsoper …

Prêtre: An der Opéra comique in Paris dirigierte ich "Capriccio" mit Elisabeth Schwarzkopf als Gräfin. Karajan hörte eine Vorstellung und lud mich ein, diesen Strauss während der Wiener Festwochen zu dirigieren. Ich sagte ihm, dass das doch ein Stück von Dr. Böhm sei. Karajan entgegnete, dass das Publikum auf meine Interpretation neugierig sei: "Sie haben doch in Paris nicht schlecht dirigiert." Es war natürlich eine Repertoirevorstellung. Es gab weder mit der Regie noch mit den Sängern Probleme, allerdings gab man mir nur eine Orchesterprobe: zwei Stunden mit 20 Minuten Pause für eine Oper von mehr als zwei Stunden. Es war nicht mehr möglich, die Schlussszene zu probieren. Ich war enttäuscht. Der Orchestervorstand merkte das, kam zu mir und sagte: "Vertrauen Sie uns!" Das Finale war dann das Beste des Abends. Zu meinem Philharmoniker-Debüt im Februar 1963 kam es, weil Hans Knappertsbusch plötzlich erkrankte. Ich war mitten in den Proben für "Margarethe". Die Philharmoniker fragten mich, ob ich dieses Beethoven-Programm mit der Coriolan-Ouvertüre, dem 5. Klavierkonzert und der 5. Symphonie nicht übernehmen könnte. Ursprünglich wollte ich nicht, aber das Orchester bot mir alle Proben, die ich wollte, da musste ich einfach zusagen. Damit kam es an einem Tag zu zwei Debüts, denn am Abend dirigierte ich mit "Margarethe" - oder besser: "Faust" - meine erste Staatsopernpremiere.

Die Furche: Welches Verhältnis hatten Sie zu Herbert von Karajan?

Prêtre: Mit Karajan war ich nicht immer einer Meinung, aber uns hat eine gegenseitige Wertschätzung verbunden. Deswegen freue ich mich, dass ich im Karajan-Zyklus im Musikverein die Symphoniker mit Bruckners Achter dirigiere, schließlich stand Karajan zehn Jahre an der Spitze der Symphoniker. Ich liebe dieses Orchester, aber nach fünf Jahren als Erster Gastdirigent fand ich, das sei genug Prêtre gewesen. Vielleicht ist diese Einstellung falsch, aber so bin ich eben. Seit dieser Zeit gehöre ich zu den wenigen Dirigenten, die regelmäßig von den Symphonikern und den Philharmonikern eingeladen werden.

Die Furche: Oper dirigieren Sie nicht mehr?

Prêtre: Ich liebe Stimmen, aber Oper verlangt für mich und meine Familie zu viel Zeit, die ich im Hotel sein oder reisen muss. Dazu kommt noch eine Regie, die ich oft als Katastrophe empfinde.

Das Gespräch führte Walter Dobner.

Dirigenten-Debüt und ORF-Jubiläum

Werke der Strauß-Dynastie zählten immer schon zu seinem Repertoire. Trotzdem war es eine Überraschung, als die Wiener Philharmoniker bekannt gaben, dass 2008 Georges Prêtre das Neujahrskonzert dirigieren wird. Dabei reicht seine Verbindung zum Wiener Orchester bis in die frühen 1960er Jahre zurück. Herbert von Karajan zählte zu den Ersten, die auf den jungen, 1924 geborenen Franzosen, der später vor allem in den Opernhäuser von Paris, New York und Mailand sowie als einer der Lieblingsdirigenten von Maria Callas von sich reden machte, aufmerksam wurden. In den letzten Jahrzehnten war Prêtre ausschließlich im Konzertsaal tätig, dirigierte alle bedeutenden Orchester und wirkte von 1986 für fünf Jahre als Erster Gastdirigent der Wiener Symphoniker. Am 22. Februar dirigiert er dieses einstige Karajan-Orchester im Karajan-Zyklus der Gesellschaft der Musikfreunde. Zuvor begrüßt der aus dem nordfranzösischen Waziers bei Douai stammende Maestro, der zuerst Trompete und Klavier lernte, ehe er Dirigieren bei André Cluytens studierte, mit einem mit nicht weniger als sechs Novitäten garnierten, sehr französischen Programm mit den Philharmonikern am Neujahrstag das Neue Jahr. Bereits am 7. Jänner kommt das Konzert auf CD heraus, die Woche darauf auf Video. Und der ORF stellt sich mit einem Jubiläum ein: 2008 überträgt er das Neujahrskonzert zum 50. Mal in alle Welt. Auch 2009 dürfte übrigens ein Debütant das philharmonische Neujahrskonzert leiten - im Gespräch ist Daniel Barenboim. dob

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