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Furcht vor der Liebe Liebesbew

"Zensurierte Liebesgrüße" im Wiener Volkskundemuseum.

Ein leichtes, aufmunterndes Lächeln umspielt den Mund von Wassilija Wlasowitscha Gogoljewa. "Statt meiner, mein Bild für Dich", schrieb sie auf eine Postkarte ins Kriegsgefangenenlager Wieselburg. Sie ist eine von 196 Aufnahmen, die in der Ausstellung "Zensurierte Bildergrüße - Familienfotos russischer Kriegsgefangener 1915- 1918" im Wiener Volkskundemuseum zu sehen sind. Wassilija Wlasowitscha Gogoljewa hatte eigens ihr Festtagskleid angezogen und sich in einem professionellen Atelier ablichten lassen, um ihrem Mann ein besonders schönes Bild zu schicken. Er hat es nie erhalten. Es fiel der Militärzensur zum Opfer, die scheinbar die suggestiv-stärkende Kraft dieser Liebesbeweise fürchtete.

Große Sorgfalt verwandten die Daheimgebliebenen auf die Poststücke. Kinder, Eltern, Gattinnen, Freunde, sogar ein in ein Foto hineinkopierter Vater posierten gemeinsam in den Ateliers. Ihr Bild sollte dem einsamen Kriegsgefangenen in der Fremde Kraft spenden, seinen Blick auf die Heimkehr wenden, ihn an die Menschen erinnern, die ihn liebten. Über 80.000 russische Kriegsgefangene lebten von 1915 bis 1918 in den niederösterreichischen Lagern Purgstall, Mühling und Wieselburg, das mit einem Areal von 102 Hektar eines der größten der österreichisch-ungarischen Monarchie war.

Wie es in einem k. u. k. Kriegsgefangenenlager zuging, zeigt ein Dokumentarfilm, den der Anthropologe Rudolf Pöch machte, um rassenkundliche Zuschreibungen vorzunehmen. Systematisch wurden die nackten Gefangenen fotografiert, mussten ihre Lieder, Gedichte, Musikinstrumente, Tänze und andere Bräuche vorführen. Von den "charakteristischsten" Köpfen ließ er Gipsabgüsse anfertigen, die auch zu sehen sind. Zwei Welten prallen hier aufeinander: die erniedrigende Realität der Lager und die liebevolle Sehnsucht der Frauen, die daheim ihren tapferen Alltagskampf gegen die Kriegsnot führten. (Bis 24. März)

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