Fußspuren in eine andere Welt?

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Für die einen sind sie Hinweise auf die Unsterblichkeit der Seele, für die anderen eine bloße Restaktivität des sterbenden Gehirns: über die umstrittene Deutung von "Nahtoderfahrungen" - und ihre wichtige Integration ins Leben.

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Für die einen sind sie Hinweise auf die Unsterblichkeit der Seele, für die anderen eine bloße Restaktivität des sterbenden Gehirns: über die umstrittene Deutung von "Nahtoderfahrungen" - und ihre wichtige Integration ins Leben.

Es waren nur ein paar Augenblicke, doch sie sollten Alois Serwatys Leben verändern und seinen Horizont weiten wie kaum etwas sonst. Der heute 68-jährige, pensionierte Berufsoffizier aus Emmerich am Rhein ist Mitte 40, als er sich wegen Herzproblemen einer Operation unterziehen muss. Während sie erfolgreich verläuft, kommt es wenige Monate später bei einer Herzkatheteruntersuchung zu Problemen: Serwaty, der den Eingriff ohne Narkose am Monitor live miterlebt, fühlt plötzlich, wie er seinen Körper verlässt. "Ich bin halbhoch im Operationssaal geschwebt", erzählt er. Anfangs ist er irritiert, doch bald schon überkommt ihn ein Gefühl des Friedens und des Glücks; nur mit großer Anstrengung gelangt er zurück in seinen Körper. Ein paar Minuten später wiederholt sich dieses Phänomen, er hat das Gefühl, den Körper abzulegen "wie einen alten Mantel". Über allem schwebend bemerkt er sogar das Typenschild eines medizinischen Geräts - bis er wieder eintaucht in seine körperliche Hülle. Was war das bloß? Unmittelbar nach der Untersuchung verdrängt er diese Frage. Am Abend erklärt ihm freilich der Arzt, dass es zwei Mal zu lebensgefährlichem Herzkammerflimmern gekommen sei. Noch verwirrter ist Serwaty, als er einer Krankenschwester vom bemerkten Typenschild erzählt. Sie wird ihm erklären, dass er es vom OP-Tisch gar nicht hätte sehen können.

Reise ins "Transitland"

"Nahtoderfahrung" nennt man solche Erlebnisse - ein Begriff, den nicht nur Alois Serwaty "irreführend" findet: Schließlich tauchen Transzendenz-Phänomene wie "außerkörperliche Erfahrungen" nicht nur in Todesnähe auf, sie lassen sich sogar durch elektrische Hirnstimulation verlässlich produzieren. Serwaty selbst spricht deshalb lieber von einer "intensiven Lebenserfahrung", bei der er jenes "Transitland" betreten habe, in dem sich die vertraute Wirklichkeit mit einer übergreifenden Realität vermische. Seiner Familie erzählt er damals freilich nichts davon. Erst fünf Jahre später vertraut er sich dem Mathematiker Günter Ewald an. Gemeinsam mit ihm gründet er 2004 das "Netzwerk Nahtoderfahrung", den deutschen Ableger der "International Association for Near Death Studies". Man wolle "auf akademischem Niveau diskutieren, um nicht in die Esoterik abzugleiten", betont Serwaty.

Tatsächlich ist die Deutung so genannter "Nahtoderfahrungen" bis heute umstritten. Sind sie Hinweise auf eine unsterbliche Seele - oder bloße Ausflüsse des sterbenden Gehirns? Die Betroffenheit nimmt angesichts immer besserer Reanimationstechniken jedenfalls zu: Schon vier Prozent der Bevölkerung würden über eine "Nahtoderfahrung" verfügen, schreibt der Marburger Religionspsychologe Michael Utsch in der aktuellen Ausgabe der Herder Korrespondenz.

Bereits Ende des vorletzten Jahrhunderts beschäftigten sich Parapsychologen mit diesen Phänomenen. Starken Aufwind erhielt die Nahtod-Forschung in den 1970er-Jahren durch die Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross und den Psychiater Raymond A. Moody, der im Bestseller "Life after life" den Begriff "Nahtoderfahrung" erstmals prägte. 2001 erregte schließlich eine Studie des niederländischen Kardiologen Pim van Lommel Aufsehen, die im Wissenschaftsjournal Lancet erschien: Zwischen 1988 und 1992 hatte er 344 Patienten nach Herzstillstand und erfolgreicher Reanimation befragt. Immerhin 62 von ihnen berichteten von einer "Nahtoderfahrung"; bei mehr als der Hälfte äußerte sich dies in überwältigenden Gefühlen von Geborgenhei und Glück. 30 Prozent erzählten von einem Tunnelerlebnis oder von der Begegnung mit Verstorbenen; etwa ein Viertel hatte eine außerkörperliche Erfahrung oder kommunizierte mit "Licht"; dreizehn Prozent erlebten einen Lebensrückblick und acht Prozent spürten eine Grenze. Van Lommels Schlussfolgerung war gewagt: Wenn all diese Menschen etwas bewusst erlebt hätten, während ihr Gehirn nicht funktionierte, dann gebe es womöglich ein Bewusstsein unabhängig vom Gehirn. 2009 formulierte er diese These im Buch "Endloses Bewusstsein". Ähnliches behauptete vier Jahre später auch der US-Neurochirurg Eben Alexander nach einer eigenen "Nahtoderfahrung": In "Proof of Heaven" schrieb er, dass der Tod des Gehirns nicht das Ende des Bewusstseins sei.

Aus Sicht der modernen Hirnforschung fehlen für solche Aussagen freilich entsprechende Daten. Eine kürzlich durchgeführte US-amerikanische Tierstudie zeigt etwa, dass die Hirnaktivität bei einem Herzstillstand noch für rund 30 Sekunden messbar ist und das Gehirn in dieser Zeit sogar Zeichen erhöhter Bewusstseinsaktivität zeigt. Transzendenz-Erfahrungen in dieser Zeitspanne ließen sich also plausibel erklären. Würden sie erst danach, also nach dem völligen Stillstand des gesamten Gehirns (Hirntod), auftreten, so wäre dies revolutionär. Bislang ist das jedoch noch nie geschehen. Entsprechend groß ist das Interesse am genauen Zeitpunkt solcher Erlebnisse. Auch in der dreijährigen, internationalen AWARE-Studie ("AWAreness during REsuscitation"), an der sich auch der Neurologe Roland Beisteiner, der Neurowissenschafter Michael Berger und der Notfallmediziner Fritz Sterz vom Wiener AKH beteiligten, näherte man sich dieser Frage. Die Forscher befragten nicht nur reanimierte Herzstillstandpatienten, sie stellten neben den Intensiv- und Notfallbetten auch hohe Regale auf und platzierten auf ihrer Oberseite sich verändernde, computergenerierte Bilder. Sollte es zu einer außerkörperlichen Erfahrung kommen, wäre eine zeitliche Einordnung möglich.

Allein, es sollte nicht dazu kommen: Von den 140 Befragten schilderten zwar neun Prozent Phänomene einer "Nahtoderfahrung"; jene zwei, die Konkretes gesehen oder gehört hatten, lagen jedoch in "unpräparierten" Zimmern. Im Rahmen eines neuen Forschungsprojektes des Wissenschaftsfonds FWF will die Wiener Gruppe nun - in Kooperation mit anderen Zentren (AWARE II) - erstmals auch Hirnfunktionsdaten während eines Herzstillstandes messen. Die Ergebnisse könnten helfen, den Zustand von Patienten besser zu verstehen, die als bewusstlos gelten.

Auch die Nahtod-Debatte könnte dadurch befeuert werden. Wie hitzig sie läuft, zeigt das Buch "Wohnt Gott im Gehirn?" von Hans Goller. Der emeritierte Innsbrucker Professor für Christliche Philosophie kritisiert darin die "reduktionistische Deutung des religiösen Erlebens und Verhaltens" durch die Neurowissenschaften. Zwar lieferten die Ergebnisse der Nahtodforschung "keinen objektiven wissenschaftlichen Beweis für das Überleben unseres Todes", sie würden aber "für einen begründeten Glauben an ,etwas danach'" sprechen - sowie dafür, dass "unser Bewusstsein letztlich nicht an das stoffliche Gehirn gebunden ist". Ähnlich argumentiert der Frankfurter Dogmatiker Hans Kessler im Buch "Was kommt nach dem Tod?".

Paranormalität? Liebe!

Christian Hoppe, Bonner Neuropsychologe und Theologe, übt daran heftige Kritik: erstens, weil die Leitidee vom hirnabhängigen Bewusstsein nach wie vor gelte; und zweitens, weil es "dem christlichen Glauben völlig egal sein" könne, ob es geistig-seelische Phänomene gebe, die unabhängig von Hirnprozessen auftreten. Betroffene sollten bei der Deutung dieses Erlebnisses "von den erlebten Kerninhalten ausgehen (Liebe!) und nicht von seiner vermeintlich paranormalen Natur", schreibt er im Sammelband "Worauf es letztlich ankommt".

Und Alois Serwaty? Der hat aus seinem Erlebnis zwei spirituelle Erkenntnisse gewonnen: Erstens: Es gibt keinen Tod. Und zweitens: Alle theologischen Fragen lösen sich nach dem "endgültigen Übergang". Wichtig sei jedenfalls, eine solche Erfahrung ernst zu nehmen und Betroffene seelsorglich wie psychotherapeutisch dabei zu unterstützen, sie in ihr Leben zu integrieren, betont er: "Sonst können sie an der Spannung zwischen diesen beiden Wirklichkeiten zerbrechen."

Worauf es ankommt.

Interdisziplinäre Zugänge zur Eschatologie. Von Tobias Kläden (Hg.). Quaestiones disputatae, Band 265. Herder 2014.320 S. geb., € 32,90

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