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Gähnen - eine zutiefst soziale Regung?

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Nicht das Lachen, das Gähnen ist ansteckend. Es ist eine soziale Regung, behaupten Forscher. Sie brauchen noch mehr empirische Daten, um eine gültige Theorie über das Gähnen zu bilden.

Die Backenmuskeln kontrahieren, der Mund öffnet sich. Tiefes Einatmen füllt die Lungen bis zum Anschlag mit Luft. Für einen kurzen Moment steht die Atmung still. Dann schließt langsames Ausatmen den Vorgang ab (nicht selten begleitet von einem guttural-nasalem Ton der Zufriedenheit). Gähnen ist fixer Bestandteil unseres Tagesablaufs, bereits Föten im Mutterleib tun es. Im Durchschnitt gähnt jeder Mensch neunmal pro Tag für jeweils etwa sechs Sekunden. Auch Wirbeltiere, Fische und Vögel gähnen. Man könnte vermuten, dass ein derart allgegenwärtiges Verhaltensmuster längst hinreichend erklärt ist. Doch tatsächlich gibt das Gähnen der Wissenschaft bis heute Rätsel auf.

Die "gähn-technisch“ aktiven neuronalen Areale, der Hirnstamm und das Mittelhirn, sind entwicklungsgeschichtlich die ältesten Hirnregionen. Demnach muss Gähnen nicht nur ein sehr altes Verhaltensmuster sein. Es muss auch einen evolutionären Vorteil gebracht haben. Welcher das sein kann? Darüber scheiden sich die Geister. Die meisten gängigen Theorien behaupten, Gähnen diene der Regulation körperlicher Funktionen. Daneben betonen neuere Studien immer öfter soziale Aspekte des Gähnens.

Die historisch wohl erste Vermutung über Sinn und Zweck des Gähnens stammt vom antiken Arzt Hippokrates. Er stellte im 4. vorchristlichen Jahrhundert die Behauptung auf, Gähnen verdränge die "schlechte Luft“ aus dem Körper. Gemäß einer modernen Variante dieser Ansicht bewirkt Gähnen höhere Wachheit und ist ein Schutzmechanismus des Körpers, um einer Unterversorgung des Körpers mit Sauerstoff vorzubeugen. Dagegen spricht, dass erhöhte körperliche Aktivität zu häufigerem Gähnen führen müsste. Das ist aber nicht der Fall. Der US-Neurowissenschaftler Robert Provine, ein Pionier der modernen Gähnforschung, hat dazu in den 80er-Jahren einen Versuch durchgeführt.

Gesunde und Kranke gähnen gleich häufig

Er verglich die Gähnhäufigkeit von Probanden, die normale Luft atmeten, mit einer zweiten Gruppe, die ein Gemisch mit erhöhter CO2-Konzentration einatmete. Dabei zeigten sich keine relevanten Unterschiede. Auch gähnen Patienten mit Lungenkrankheiten oder Atembeschwerden nicht häufiger als gesunde Menschen. Adrian Guggisberg von der Universitätsklinik Genf bestreitet sogar den aufputschenden Effekt des Gähnens.

In einem Experiment unterzog er 16 Personen, die an Tagesmüdigkeit litten, dem MWT-Test (Maintenance of Wakefulness). Dabei sitzen die Probanden in einem dunklen, schallisolierten Raum und müssen versuchen, so lange wie möglich wach zu bleiben - eine Situation, die spontanes Gähnen bewirkt. Gleichzeitig wurde ihre Hirnaktivität mittels EEG aufgezeichnet. Kurz vor jedem Gähnen zeigte das EEG eine erhöhte Aktivität niederfrequenter Deltawellen. Diese gelten als Indikator für Schläfrigkeit. Allerdings war dasselbe Muster auch nach dem Gähnen vorhanden. Demnach ist Müdigkeit zwar ein Auslöser für Gähnen, wacher wird man davon aber nicht.

Beobachtung bewirkt Reflex

Stark diskutiert wird derzeit die These der Forscher Andrew und Gordon Gallup von der Universität New York. Sie meinen, dass Gähnen dazu diene, die Temperatur des Gehirns zu reduzieren. Als Beleg werten sie Experimente, bei denen Versuchspersonen mit einem kalten Tuch um den Kopf weniger oft gähnen. Das beweist jedoch keinen kausalen Zusammenhang, meinen Kritiker. Das kalte Tuch könnte einfach munter machen und so den Gähnreiz unterdrücken. "Zur Zeit ist noch keine Theorie über das Gähnen genügend gut durch experimentelle Daten gestützt“, sagt Adrian Guggisberg. Die Theorien sind nicht falsch, es sind nur wesentlich mehr empirische Untersuchungen nötig.

In den vergangenen Jahren erforschen immer mehr Studien das Gähnen nicht als primär körperliches, sondern als soziales Phänomen. Beispielsweise könnte es Ausdruck eines ausgeprägten Einfühlungsvermögens sein. Dafür spricht der Umstand, dass jemanden beim Gähnen zu beobachten häufig einen Gähnreflex bewirkt. Zeigt man erwachsenen Versuchsteilnehmern Videos von gähnenden Menschen, regt das mehr als die Hälfte zum Gähnen an. Diese "Mit-Gähner“ sind meist überdurchschnittlich gut darin, Emotionen in den Gesichtern anderer Menschen zu lesen. Auch Affen und Hunde weisen diesen Nachahm-Effekt auf. Bei anderen Tieren ist das Phänomen noch umstritten. Sarah Hutcheon von der Universität von Connecticut wies vor wenigen Monaten in einer Studie nach, dass Kinder unter vier Jahren sich von gähnenden Menschen nicht anstecken lassen. Das gleiche gilt für Patienten, die an Autismus leiden. Scheinbar hängt der Effekt vom Entwicklungsgrad sozialer Fähigkeiten ab.

Auch bei Affen hat Gähnen eine soziale Funktion. Das legt eine unlängst veröffentlichte amerikanische Studie nahe. Die Forscher berichten darin, dass Schimpansen um 50 Prozent häufiger gähnen, wenn sie Individuen aus ihrer Gruppe gähnen sehen als bei der Beobachtung fremder Artgenossen. Allerdings räumen die Wissenschafter ein, dass Affen gewöhnlich in kleinen Gruppen leben und jeden als "Fremden“ betrachten, der nicht zur Gruppe gehört. Menschen sind nicht so streng bei ihrer Beurteilung von anderen. Deshalb lasse sich das Resultat nur bedingt auf humanes Verhalten übertragen. Dennoch liefere es "weitere empirische Hinweise dafür, dass Gähnen ein Maßstab für Einfühlungsvermögen ist“. Die ansteckende Wirkung des Gähnens scheint sogar über Artgrenzen hinweg zu funktionieren. So haben Forscher vom britischen Centre for Brain and Cognitive Development herausgefunden, dass gezähmte Hunde das Gähnen ihres Herrchens nachahmen. Das bestätigt alle, die in ihrem Haustier schon immer menschliche Züge erkannt haben.

Drei Funktionen des Gähnens

Es gibt eine Vielzahl unterschiedlicher Forschungsresultate zu Ursachen und Funktion des Gähnens. Welche Theorie ist nun die richtige?

Keine erklärt bisher alle Aspekte, meinen einige Wissenschaftler. Erforderlich sei ein interdisziplinärer Ansatz, der den unterschiedlichen körperlichen wie auch sozialen Aspekten des Gähnens gerecht wird und zumindest Verhaltensforschung, Neurowissenschaften und Evolutionsbiologie beinhaltet. Dieser Ansicht ist auch Olivier Walusinski, der vergangenen Sommer in Paris die weltweit erste Konferenz zur wissenschaftlichen Untersuchung des Gähnens organisiert hat.

Für ihn hat Gähnen drei Funktionen, die in jeweils unterschiedlichen Hirnarealen beheimatet sind. So gähnen alle Wirbeltiere, wenn sie müde, aufgeregt, hungrig oder gesättigt sind. Neben dieser autonomen Funktion gibt es bei vielen Säugetieren ein emotionales Gähnen, das als Stressreaktion gedeutet werden kann. Man findet es beispielsweise bei Hunden vor einer tierärztlichen Untersuchung oder bei eingesperrten Affen. Und schließlich kann Gähnen bei höher entwickelten Lebewesen als Ausdruck für soziales Einfühlungsvermögen beobachtet werden. Diese drei Funktionen spiegeln die evolutionäre Entwicklung des Gehirns wieder. "Die Evolution nimmt vorhandenes Verhalten und gibt diesem neue Funktionen“, meint Walusinski. "Eine gute Theorie muss alle diese Fakten mit einbeziehen.“

Nicht das Lachen, das Gähnen ist ansteckend. Es ist eine soziale Regung, behaupten Forscher. Sie brauchen noch mehr empirische Daten, um eine gültige Theorie über das Gähnen zu bilden.

Die Backenmuskeln kontrahieren, der Mund öffnet sich. Tiefes Einatmen füllt die Lungen bis zum Anschlag mit Luft. Für einen kurzen Moment steht die Atmung still. Dann schließt langsames Ausatmen den Vorgang ab (nicht selten begleitet von einem guttural-nasalem Ton der Zufriedenheit). Gähnen ist fixer Bestandteil unseres Tagesablaufs, bereits Föten im Mutterleib tun es. Im Durchschnitt gähnt jeder Mensch neunmal pro Tag für jeweils etwa sechs Sekunden. Auch Wirbeltiere, Fische und Vögel gähnen. Man könnte vermuten, dass ein derart allgegenwärtiges Verhaltensmuster längst hinreichend erklärt ist. Doch tatsächlich gibt das Gähnen der Wissenschaft bis heute Rätsel auf.

Die "gähn-technisch“ aktiven neuronalen Areale, der Hirnstamm und das Mittelhirn, sind entwicklungsgeschichtlich die ältesten Hirnregionen. Demnach muss Gähnen nicht nur ein sehr altes Verhaltensmuster sein. Es muss auch einen evolutionären Vorteil gebracht haben. Welcher das sein kann? Darüber scheiden sich die Geister. Die meisten gängigen Theorien behaupten, Gähnen diene der Regulation körperlicher Funktionen. Daneben betonen neuere Studien immer öfter soziale Aspekte des Gähnens.

Die historisch wohl erste Vermutung über Sinn und Zweck des Gähnens stammt vom antiken Arzt Hippokrates. Er stellte im 4. vorchristlichen Jahrhundert die Behauptung auf, Gähnen verdränge die "schlechte Luft“ aus dem Körper. Gemäß einer modernen Variante dieser Ansicht bewirkt Gähnen höhere Wachheit und ist ein Schutzmechanismus des Körpers, um einer Unterversorgung des Körpers mit Sauerstoff vorzubeugen. Dagegen spricht, dass erhöhte körperliche Aktivität zu häufigerem Gähnen führen müsste. Das ist aber nicht der Fall. Der US-Neurowissenschaftler Robert Provine, ein Pionier der modernen Gähnforschung, hat dazu in den 80er-Jahren einen Versuch durchgeführt.

Gesunde und Kranke gähnen gleich häufig

Er verglich die Gähnhäufigkeit von Probanden, die normale Luft atmeten, mit einer zweiten Gruppe, die ein Gemisch mit erhöhter CO2-Konzentration einatmete. Dabei zeigten sich keine relevanten Unterschiede. Auch gähnen Patienten mit Lungenkrankheiten oder Atembeschwerden nicht häufiger als gesunde Menschen. Adrian Guggisberg von der Universitätsklinik Genf bestreitet sogar den aufputschenden Effekt des Gähnens.

In einem Experiment unterzog er 16 Personen, die an Tagesmüdigkeit litten, dem MWT-Test (Maintenance of Wakefulness). Dabei sitzen die Probanden in einem dunklen, schallisolierten Raum und müssen versuchen, so lange wie möglich wach zu bleiben - eine Situation, die spontanes Gähnen bewirkt. Gleichzeitig wurde ihre Hirnaktivität mittels EEG aufgezeichnet. Kurz vor jedem Gähnen zeigte das EEG eine erhöhte Aktivität niederfrequenter Deltawellen. Diese gelten als Indikator für Schläfrigkeit. Allerdings war dasselbe Muster auch nach dem Gähnen vorhanden. Demnach ist Müdigkeit zwar ein Auslöser für Gähnen, wacher wird man davon aber nicht.

Beobachtung bewirkt Reflex

Stark diskutiert wird derzeit die These der Forscher Andrew und Gordon Gallup von der Universität New York. Sie meinen, dass Gähnen dazu diene, die Temperatur des Gehirns zu reduzieren. Als Beleg werten sie Experimente, bei denen Versuchspersonen mit einem kalten Tuch um den Kopf weniger oft gähnen. Das beweist jedoch keinen kausalen Zusammenhang, meinen Kritiker. Das kalte Tuch könnte einfach munter machen und so den Gähnreiz unterdrücken. "Zur Zeit ist noch keine Theorie über das Gähnen genügend gut durch experimentelle Daten gestützt“, sagt Adrian Guggisberg. Die Theorien sind nicht falsch, es sind nur wesentlich mehr empirische Untersuchungen nötig.

In den vergangenen Jahren erforschen immer mehr Studien das Gähnen nicht als primär körperliches, sondern als soziales Phänomen. Beispielsweise könnte es Ausdruck eines ausgeprägten Einfühlungsvermögens sein. Dafür spricht der Umstand, dass jemanden beim Gähnen zu beobachten häufig einen Gähnreflex bewirkt. Zeigt man erwachsenen Versuchsteilnehmern Videos von gähnenden Menschen, regt das mehr als die Hälfte zum Gähnen an. Diese "Mit-Gähner“ sind meist überdurchschnittlich gut darin, Emotionen in den Gesichtern anderer Menschen zu lesen. Auch Affen und Hunde weisen diesen Nachahm-Effekt auf. Bei anderen Tieren ist das Phänomen noch umstritten. Sarah Hutcheon von der Universität von Connecticut wies vor wenigen Monaten in einer Studie nach, dass Kinder unter vier Jahren sich von gähnenden Menschen nicht anstecken lassen. Das gleiche gilt für Patienten, die an Autismus leiden. Scheinbar hängt der Effekt vom Entwicklungsgrad sozialer Fähigkeiten ab.

Auch bei Affen hat Gähnen eine soziale Funktion. Das legt eine unlängst veröffentlichte amerikanische Studie nahe. Die Forscher berichten darin, dass Schimpansen um 50 Prozent häufiger gähnen, wenn sie Individuen aus ihrer Gruppe gähnen sehen als bei der Beobachtung fremder Artgenossen. Allerdings räumen die Wissenschafter ein, dass Affen gewöhnlich in kleinen Gruppen leben und jeden als "Fremden“ betrachten, der nicht zur Gruppe gehört. Menschen sind nicht so streng bei ihrer Beurteilung von anderen. Deshalb lasse sich das Resultat nur bedingt auf humanes Verhalten übertragen. Dennoch liefere es "weitere empirische Hinweise dafür, dass Gähnen ein Maßstab für Einfühlungsvermögen ist“. Die ansteckende Wirkung des Gähnens scheint sogar über Artgrenzen hinweg zu funktionieren. So haben Forscher vom britischen Centre for Brain and Cognitive Development herausgefunden, dass gezähmte Hunde das Gähnen ihres Herrchens nachahmen. Das bestätigt alle, die in ihrem Haustier schon immer menschliche Züge erkannt haben.

Drei Funktionen des Gähnens

Es gibt eine Vielzahl unterschiedlicher Forschungsresultate zu Ursachen und Funktion des Gähnens. Welche Theorie ist nun die richtige?

Keine erklärt bisher alle Aspekte, meinen einige Wissenschaftler. Erforderlich sei ein interdisziplinärer Ansatz, der den unterschiedlichen körperlichen wie auch sozialen Aspekten des Gähnens gerecht wird und zumindest Verhaltensforschung, Neurowissenschaften und Evolutionsbiologie beinhaltet. Dieser Ansicht ist auch Olivier Walusinski, der vergangenen Sommer in Paris die weltweit erste Konferenz zur wissenschaftlichen Untersuchung des Gähnens organisiert hat.

Für ihn hat Gähnen drei Funktionen, die in jeweils unterschiedlichen Hirnarealen beheimatet sind. So gähnen alle Wirbeltiere, wenn sie müde, aufgeregt, hungrig oder gesättigt sind. Neben dieser autonomen Funktion gibt es bei vielen Säugetieren ein emotionales Gähnen, das als Stressreaktion gedeutet werden kann. Man findet es beispielsweise bei Hunden vor einer tierärztlichen Untersuchung oder bei eingesperrten Affen. Und schließlich kann Gähnen bei höher entwickelten Lebewesen als Ausdruck für soziales Einfühlungsvermögen beobachtet werden. Diese drei Funktionen spiegeln die evolutionäre Entwicklung des Gehirns wieder. "Die Evolution nimmt vorhandenes Verhalten und gibt diesem neue Funktionen“, meint Walusinski. "Eine gute Theorie muss alle diese Fakten mit einbeziehen.“