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"Gänsehaut auf Mozarts Klavier"

Der in Budapest geborene Pianist András Schiff stellt derzeit in einem mehrjährigen Zyklus im Theater an der Wien seine Beethoven-Sicht zur Diskussion. Im Furche-Gespräch erläutert der Künstler seine Perspektive auf Beethoven, seine weiteren Pläne und nimmt auch zu Fragen von Kunst und Politik Stellung.

Die Furche: Herr Schiff, Sie waren einer der konsequentesten Gegner der politischen Wende des Jahres 2000 und haben mit Ausnahme Ihres Mozartkonzerte-Zyklus im Mozarteum damals alle Ihre Auftritte in Österreich abgesagt. Wie beurteilen Sie heute die politische Situation?

András Schiff: Es hat sich manches geändert in eine positive Richtung. Ich wollte damals nur einen Akzent setzen, ein Zeichen. Politik lässt sich nicht von Kunst trennen. Die Kunst lebt von der Gesellschaft und macht etwas für die Gesellschaft, sie ist nicht nur Konsuminstrument. Es tut mir leid, dass ich vielleicht Menschen verletzt habe. Inzwischen ist in der Welt so viel Schreckliches passiert, das relativiert. Wäre man konsequent, stellt sich die Frage: Wo kann man überhaupt noch auftreten?

Die Furche: Wie politisch soll und darf ein Künstler überhaupt sein?

Schiff: Ich habe mich damit sehr beschäftigt, vor allem mit dem Fall Furtwängler - ein Künstler, den ich ungeheuer schätze und bewundere, vielleicht der größte Dirigent überhaupt. Ich habe das Theaterstück Taking Sides mehrmals gesehen, ich habe den Film Der Fall Furtwängler gesehen und alle Bücher gelesen. Das ist, was uns diese Lektion aufgibt. Ebenso bei Gustaf Gründens: Wie verhält sich ein Mensch in schwierigsten Zeiten? Was ist richtig, was ist moralisch, was ist ethisch? Ein schweres Thema, das man nicht so leicht beurteilen kann. So etwas beschäftigt mich - auch bei Günter Grass.

Die Furche: Vor einigen Wochen haben Sie in Wien mit ihrem Beethoven-Sonatenzyklus begonnen. Üblicherweise starten Pianisten ihre Karriere mit Beethoven. Sie haben sich zuvor mit Bach, Mozart, Schubert, Schumann und Bartók profiliert. Wie kam es zu dieser Entwicklung?

Schiff: Das war bewusst, ich wollte Beethoven später machen, habe deshalb mit 50 begonnen, den Zyklus zu spielen. Ich finde es für eine noch schwerere Herausforderung als alles andere, weil es sehr vielfältig, sehr heterogen ist: Man hat jugendliche Stücke, sehr heroische, sehr lyrische, sehr humorvolle und ganz metaphysische späte Werke.

Die Furche: Wo setzen Sie bei Ihrem Beethoven-Bild an?

Schiff: Ich finde sehr viel Gemeinsames zwischen Haydn und Beethoven: die motivische Arbeit, das monothematische Denken, aus ganz kleinen Motiven und Zellen ein ganzes Werk aufzubauen. Das ist eine ganz andere kompositorische Art als bei Mozart. Bei den mittleren und späten Sonaten spielt Bach eine größere Rolle, wenn Beethoven sich mit der Kontrapunktik beschäftigt, Fugen schreibt. Rührend ist die Beziehung zwischen Schubert und Beethoven: Beethoven als Schuberts Gott. Sie lebten in der gleichen Stadt und haben einander nie kennen gelernt, weil Schubert so scheu war. Es gibt viele Verbindungen zwischen spätem Schubert und frühem Beethoven. Der Scherzo-Satz der kleinen A-Dur-Sonate Opus 2/2 erscheint sehr ähnlich in Schuberts später A-Dur-Sonate D 959.

Die Furche: Sie führen die Beethoven-Sonaten chronologisch auf. Manche Kollegen kritisieren das als schulmeisterlich. Was waren Ihre Überlegungen, spielt dabei eine Rolle, dass Sie parallel zu Ihrem Züricher Zyklus diese Sonaten für CD einspielen?

Schiff: Nein, es war von Anfang an ein Konzept. Ich finde die Chronologie überhaupt nicht schulmeisterlich, es ist eine logische Entwicklungsgeschichte. Ich beobachte, wie manche Kollegen diesen Zyklus einteilen und versuche mich zu fragen: Was ist der Grund, warum man ein Programm so zusammenstellt? Manche Pianisten denken daran: Womit kann man einen größeren Effekt machen? Das spielt für mich keine Rolle.

Die Furche: In Wien führen Sie Ihren Sonatenzyklus im Theater an der Wien auf. Welche Rolle spielt bei Ihnen generell der Ort der Aufführungen? Regt historischer Boden an oder führt dies nicht auch manchmal zu übergroßem Respekt?

Schiff: Für mich ist das eine unglaublich große Inspiration. Dieses Theater ist so wunderschön, da merke ich den Geist. Solche Orte sind sehr wichtig. Als ich in Mozarts Geburtshaus auf seinem Klavier Aufnahmen machte, hatte ich Gänsehaut.

Die Furche: Wenn Sie soviel Beethoven spielen, bleibt da noch Zeit für anderes?

Schiff: Kaum, aber ein bisschen schon, zuerst für Mozart. Dann werde ich wieder viel Bartók spielen, mache einen Zyklus mit Freunden, auch im Juni in Wien, im Konzerthaus. In London dirigiere ich mit dem Philharmonia Orchestra alle Schubert-Symphonien, beim Festival in Weimar habe ich zum vierten und letzten Mal meine Residenz, diesmal mit Bachs h-Moll-Messe. Mit der Cappella gestalte ich jedes Jahr Ende April, Anfang Mai in Vincenza ein Festival. Wir haben das schönste Theater der Welt, das Teatro Olympico von Palladio. Das zwingt mich, die schönste Musik zu spielen: Symphonien von Haydn und Mozart, Beethovens Tripelkonzert, die erste Schumann-Symphonie, Schuberts Rosamunde, Brahms und Bach. Mit Heinz Holliger habe ich zu Pfingsten ein Fest in der Karthause von Ittingen, heuer zum Thema "Komponierende Interpreten und interpretierende Komponisten".

Die Furche: Gibt es auch Plattenpläne?

Schiff: Ich bin sehr glücklich über die Begegnung mit ECM, das ist etwas sehr Kleines, aber sehr Feines. Jetzt kommen bis Ende 2008 alle Beethoven-Sonate heraus. Von den Bach-Partiten werde ich eine zweite Aufnahme machen. Reizvoll wäre eine Einspielung des Mikrokosmos von Bartók. Mit Orchester habe ich so gut wie alles aufgenommen, außer dem 2. Brahms-Konzert. Mit Bernhard Haitink würde ich das gerne machen, zusammen mit den Wiener oder Berliner Philharmonikern. Ich könnte mir vorstellen, dieses Konzert auf einem historischen Instrument zu machen. In Wien habe ich wunderbare Flügel von Ehrbar und Streicher entdeckt.

Das Gespräch führte Walter Dobner.

Vielseitiger Künstler und dreifacher Staatsbürger

Selbst für einen so prominenten und kritischen Kollegen wie Alfred Brendel besteht kein Zweifel, dass in der jüngeren Vergangenheit kein Pianist für die Wiederentdeckung Bachs auf dem modernen Konzertflügel so viel geleistet hat wie der 1953 in Budapest geborene András Schiff. Er studierte an der Franz-Liszt-Musikakademie in Budapest, später in London bei George Malcolm. Mitte der 1970er Jahre war er Preisträger beim Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau und in Leeds. Schiffs Repertoire reicht bis in die Gegenwart. Sein besonderes Interesse gilt - neben Bach, Mozart und Haydn - den Schubert-Sonaten, Schumann, Bartók und Kurtág, zu dessen wichtigsten Interpreten er zählt. Darüber hinaus tritt Schiff als Kammermusiker, Liedbegleiter und zunehmend auch als Dirigent auf. 1989 gründete er das Mondsee-Festival, das er zehn Jahre leitete. Heute hat Schiff, der den Großteil seines Repertoires auf CD aufgenommen hat und mit den wichtigsten Orchestern und Dirigenten weltweit konzertiert, Festivals in Italien und der Schweiz. Zu seinen bevorzugten Themen zählt die Auseinandersetzung mit dem Spannungsfeld Kunst und Musik. Schiffs auf zwei Jahre angelegter Zyklus von Beethovens 32 Klaviersonaten startete am 21. Jänner im Theater an der Wien und wird am 9. April, 30. September und 28. Oktober (jeweils 11 Uhr) fortgesetzt.

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