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Ganz frei ist auch ganz tot

1945 1960 1980 2000 2020

Leben wir in einer Zeit der Durchbrechung von Tabus, von Ekelschranken und Reizschwelllen, weil sonst kaum noch jemand auf Künstler reagiert?

1945 1960 1980 2000 2020

Leben wir in einer Zeit der Durchbrechung von Tabus, von Ekelschranken und Reizschwelllen, weil sonst kaum noch jemand auf Künstler reagiert?

Die Bedeutung von Worten und Begriffen wird durch deren Gebrauch bestimmt. Ludwig Wittgenstein angewandt: "Verantwortlich" wird gegenwärtig weitgehend im Kontext politischer Verantwortung und näherhin der Schuld beziehungsweise Mitverantwortung an Katastrophen und Verbrechen (Stichworte Lassing, Inter-City-Express, Kosovo und so fort) verstanden. Diese aktuelle Eingrenzung des sprachlichen Bedeutungsfeldes läßt Gedanken sofort dorthin springen, wo Künstler Skandale auslösen, sei es daß sie an das Strafgesetz streifen, sei es - behalten wir den Normalgebrauch von Sprache im Sinn -, daß sie Bewunderung für Werke beanspruchen, die auch Affen oder Maschinen hergestellt haben könnten. Wenn das noch dazu mit öffentlichen Mitteln geschah, ist die Rückkopplung in den politischen Kontext von Verantwortung vollkommen.

Ich weigere mich jedoch - hoffentlich auch zum Nutzen des Lesers -, die Welt aus der Perspektive von Lassing und Prinzendorf zu sehen. Verantwortung zu tragen, ist etwas Schönes: Du kannst Dich noch als Autor Deiner eigenen Handlungen verstehen, der materiellen und immateriellen Zeichen, die Du setzt, bist. Diese Zeichen lösen, gesetzt oder auch unterlassen, Handlungen anderer aus, Zeichen, die Dir antworten, fragend, widersprechend. "Rede" und "Antwort", die wiederum Rede ist - das macht den Verantwortungszusammenhang aus, in dem wir stehen.

Außerhalb jeder Verantwortung zu stehen, heißt, allein zu sein. Mehr noch, weil die Zeichen der Natur ja immer noch sprechen, tot zu sein. Wer meint, frei von aller Verantwortung sein zu können, ist lebend tot. Ganz frei, aber ganz tot. Aus dieser Sicht von Leben als Dialog (wie einer sich halt Martin Buber, Ferdinand Ebner, Emile Levinas und Hans Jonas neben der Büroarbeit zusammenreimt) verstehe ich die Provokationen mancher zeitgenössischer Künstler vielleicht zu begütend als Leben-Wollens-Zeichen. Wo ruft denn einer von diesen seltenen Gestalten heute noch eine wirkliche "Antwort" hervor, die mehr ist als eine Fertigteil-Rezension, bloßes Klatschen oder Buhen?

Wie sollten Künstler umfassende Verantwortung tragen, wenn niemand mehr auf sie reagiert? Kommt daher der möglicherweise verzweifelte Gestus der Durchbrechung von Tabus, von Ekelschranken, Reizschwellen? Leben wir in einer Zeit, wo wir schuldig werden müssen, um überhaupt bemerkt zu werden? Ich schließe daraus, daß nach einer Verantwortung der Kunst erst gefragt werden kann, wenn man bereit ist, ihr zu antworten.

Weitergefragt könnte dann werden, warum gerade Künstler und ihre Werke so besondere Erregung hervorrufen, wenn von Verantwortung die Rede ist. Das liegt wohl an dem geschichtlich gewachsenen Gewirr von Fremd- und Selbstzuschreibungen der Künstler- und Kunstrolle. Was wurde nicht alles projiziert und insinuiert, seit Kunst sich vom Kult und dann von der Techne löste! Der Künstler als das erhabenste Ebenbild eines Gottes, der die Welt durch Sprache und den Menschen durch Töpferkunst erschafft und ständig erneuert? Der Künstler als Prophet, der mit der Autorität Gottes (später des eigenen Genies) gegen die massa damnata seiner Zeit auftritt, symbolisch zerschmettert, vor dem Untergang warnt und das Heil verheißt? Der Künstler als Priester, der Rituale des Trostes zuhanden hat und zelebriert? Kunst insgesamt als nachchristliche Religion? Das Kunstwerk als Tabernakel, in dem die zentralsten Erfahrungen des Menschen auf Dauer sakramental aufbewahrbar sind (vgl. Handkes "Lehre der Sainte Victoire")? Der Künstler - zusammen mit den Verdammten dieser Erde und den Intellektuellen - als Fackelträger der Revolution? Und wenn nicht Mitglied der politischen Avantgarde, dann - nicht minder anspruchsvoll - Seismograph, der die geistigen Erdbeben vorausahnt? Und wenn alle diese Rollen versagt haben, verstummten im Kriegslärm: der Künstler als Irrer, die am individuellen oder kollektiven Schicksal Irrgewordenen als Künstler? Clownerie als letzter Begriff von Kunst? Oder: alle sind Künstler, und es braucht dann nur noch einmal eines letzten (Beuys), der es sagt?

Die heute gegebene Sedimentierung aller Kunstsparten, -epochen, -rollen und -werke in den Köpfen des Durchschnittszeitgenossen - von den frühen Meistern des Abendlandes bis zu den heutigen Clowns zeitigt Irritationen und Absurditäten. Die verfänglichste davon ist, pauschal von "der" Kunst zu reden und undefinierte Erwartungen von Verantwortung in sie zu setzen. Wir können dabei ebensolche Widersprüche beobachten wie in allen Bereichen des heutigen privaten und öffentlichen Lebens. Sprechen wir etwa von Friedensreich Hundertwasser. Der Anspruch, den er erhob (tut er es noch?) war "prophetisch-kritisch": die Gerade und der rechte Winkel in Kunst und Architektur seien Verbrechen, an den Gefühlen, gegenüber der Natur.

Machen wir ihn heute für diesen durchaus interessanten An-Spruch "verantwortlich", so stoßen wir auf Autobahnraststätten, Thermen, Kirchen, Weinetiketten im Hundertwasser-Look, auf ein im Grunde trügerisches Design, das dem kleinbürgerlichen Bedürfnis nach farbenfroher Beheimatung von allem in allem entgegenkommt. Es hat wenig gefehlt und wir hätten in Autos mit Hundertwasser-Kennzeichen von der Versöhnung mit der Natur geträumt. Das sehend, entlasse ich Hundertwasser aus dieser Verantwortung. Er behält genug andere bei, zum Beispiel die gegenüber seinen Schülern an der Hochschule. Falsch wäre es nur, den ehemaligen Anspruch aus Enttäuschung an andere Künstler zu richten, sie haben schlicht andere, eigene Prioritäten. Künstler gibt es nur in der Einzahl.

Vor vielen Jahren las ich Jean Paul Sartres Essay-Sammlung "Venedig aus meinem Fenster", darin mit Spannung über die revolutionäre Malerei Tintorettos. Der kam mir im Museum des Markus-Domes keineswegs so revolutionär vor wie im existentialistischen Text. Dann hört ich aus einer Wiener Reisegruppe die (Karl Kraus würde gesagt haben "endzeitliche") Stimme: "Damals hams noch maln kennan."

Gegen solche gängige Pauschalierung von Kunst und deren Echo "Kunst ist eben elitär" scheint kein Kraut gewachsen zu sein. Ich messe daher den Rezipienten und Interpreten wesentlich mehr an Verantwortung zu, als den Künstlern. Mitgeschnittene Kommentare in Galerien und Museen oder nach Theateraufführungen würden erst einen realistischen Rahmen zu unserem Thema ergeben. Kann ein Künstler wirklich allen und für alles verantwortlich sein?

Genau dies impliziert die bekannte Rede von der "gesellschaftlichen Verantwortung" der Kunst. Hier gibt es zumindest einen Minimalkonsens: Künstlern wird die Aufgabe zugemutet, Individualität, die von den Diktaturen negiert und in der Massendemokratie unterhöhlt wird, zu "retten". Wenn dann einer tatsächlich ernst damit macht und "nur" seine eigene Individualität vor dem Zugriff der Moden, des zu schnellen Verständnisses, den Gepflogenheiten des Kunstmarktes und der Kulturinstitutionen und anderem mehr zu retten versucht, gilt er rasch als apolitisch und asozial, als destruktiv oder dekadent. Die Stunde der Kunstexperten und der Ministerialräte schlägt: zu bestimmen, welche der Rettungsversuche beachtenswert, neu und förderungswürdig sind. Der staatlich kanalisierte Individualismus beginnt. Staatlicherseits mündet dieser Widerspruch in die seltsamen Formen der Kompensation und Buße: gerade jene Individualisten werden gefördert, welche den Staat, die Institutionen, die Politiker geißeln, lächerlich machen. Dieses Gesamt-Spectaculums müde, befasse ich mich vorwiegend mit Kunstwerken, die "still" sind, zum Beispiel Jan Skacels Gedichten oder der Lyrik seines Übersetzers, Reiner Kunze. Welches Outing zu diesem Thema! Von Skacel: "die menschen nehmen einander wegen der stille/man hört sie nur zu zweit/anders nicht/und anders erdrückt sie/anders bricht/der mensch zusammen unter der stille" Oder ein anderes Gedicht von Skacel: "und regen fiel/ und er war schwer/ und so allein/ und namenlos war er/ ein nagel jeder tropfen der er war/ kaltgeschmiedet/alles falschen bar" "Alles Falschen bar", so könnte eine Kurzformel für die Verantwortung eines Künstlers, eines Politikers, Kirchenführers, und von wem nicht lauten. Eine solche Kunst-Politik wünsche ich mir, sie käme der von György Konrad geforderten Anti-Politik sehr nahe.

In den vorliegenden Überlegungen kommt das Wort "Freiheit" nicht vor. Ich habe jedoch von ihr Gebrauch gemacht. Die Hinweise auf Gelesenes und Gesehenes sind ebenso mißverstehbar wie Künstler und Kunstwerke: entweder als Ritual des Bildungsnachweises oder als Dankbarkeitsbezeugung gegenüber Vordenkern und Vor-Bildern. Am Schluß stehen daher zwei Lesehinweise: auf Alain Finkielkraut, Verlust der Menschlichkeit (Klett-Cotta 1998) und Jean Clair, Die Verantwortung des Künstlers (DuMont 1998).

Der Autor ist, bischöflicher Referent für Wissenschaft und Kultur in der Diözese Graz-Seckau.

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