Ganz starke Gefühle

19451960198020002020

Faszinierende Expressionismus-Exponate im Wiener Belvedere.

19451960198020002020

Faszinierende Expressionismus-Exponate im Wiener Belvedere.

Wenn du ein Bild malst, ist das erste, daß du dies Gefühl in seiner ganzen Stärke zum Ausdruck bringst." Mit dem Bekenntnis zur Empfindungsmalerei wird Paula Modersohn-Becker zur Vorreiterin des Expressionismus und zu einer der wichtigsten Künstlerinnen um die Jahrhundertwende. Wie subtil Modersohn-Becker in einfachen, flächigen Kompositionen Befindlichkeiten in Bilder umsetzen konnte, ist derzeit im Belvedere in Wien zu sehen. Dort gastiert mit 35 Gemälden und 30 Graphiken eine Auswahl deutscher expressionistischer Kunst aus dem "Von der Heydt-Museum".

August und Selma von der Heydt legten den Schwerpunkt ihrer Sammlertätigkeit bereits in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg auf die damalige Avantgarde. Ihre Privatsammlung enthielt neben Werken der "Fauves" vor allem Arbeiten der den Expressionismus bestimmenden Künstlergruppen "Brücke" und "Blauer Reiter". Von Ernst Ludwig Kirchner bis Wassily Kandinsky waren alle wichtigen Künstler der beiden Bewegungen in der Stiftung vertreten, als diese nach dem Zweiten Weltkrieg mit den Kunstvereinen Elberfeld und Barmen zum "Von der Heydt-Museum Wuppertal" zusammengeschlossen wurde. Konventioneller und exemplarischer gestaltet als die vorjährige Expressionismusschau im Palazzo Grassi, liegt die Qualität der Belvedere-Ausstellung in der Präsentation herausragender Exponate. So fasziniert Alexej Jawlenskys frühes Bild "Mädchen mit Pfingstrosen", das in der verinnerlichten Darstellung der Figur und den wenigen, umrahmten Farbflächen wesentliche Momente der späteren, immer stärker vergeistigten und abstrahierten Malerei Jawlenskys vorwegnimmt.

Während Jawlensky den Übergang von der Gegenständlichkeit zur Abstraktion am Motiv des menschlichen Kopfes vollzog, ging Wassily Kandinsky den Weg zur Gegenstandslosigkeit über die Landschaftsmalerei. Die farbintensive "Bayrische Landschaft mit Kirche" entstand zwei Jahre vor Kandinskys erstem abstrakten Bild.

Die Zerrissenheit der Expressionisten zwischen bürgerlicher Existenz und Sehnsucht nach einem anderen Leben jenseits der Zivilisation spricht aus vielen Bildern: Etwa aus Max Pechsteins "Sohn des Künstlers auf einem Südseesofa, oder aus Franz Marcs "Blauschwarzer Fuchs", das Marcs Streben nach einer "Animalisierung der Kunst" zeigt (Belvedere, Prinz-Eugen-Str. 27, 1030 Wien, bis 11. April).

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau