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"Gebe den Kampf noch nicht auf"

Er werde weiterhin Gott in die Präambel der EU-Verfassung hinein reklamieren, erklärt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, im folgenden Gespräch. Darin nimmt er außerdem zu Fragen der Kirchenkrise, der Ökumene, des Lebensschutzes Stellung.

Die Furche: Auf die Erwähnung Gottes in der Präambel einer zukünftigen EU-Verfassung wird man nach jetzigem Stand verzichten müssen. Hätte die Erwähnung Ihrer Meinung nach etwas gebracht?

Kardinal Karl Lehmann: Ich gebe den Kampf noch nicht auf, im Laufe des Herbstes die Sache neu aufzurollen. Dass das nicht ohne erhebliche Auseinandersetzung vor sich gehen wird, lehrt uns ja schon die Diskussion von 1949. Damals wurde im Grundgesetz der Bundesrepublik die Präambel mit den Worten "In Verantwortung vor Gott und den Menschen" geschaffen. Das war auch nicht einfach. Jeder hat etwas anderes darunter verstanden. Die einen sahen Gott als schicksalhafte Instanz der Antike. Andere sagten: Ich bin Christ. Das ist für mich der persönliche Gott. Klar war aber: Gott ist eine transzendente Größe, die nicht einfach abhängig ist von den Tagesinteressen der Politik. Vielmehr ist sie ein Maß und eine Grenze von Politik. Wo diese fehlt, ist das ein erheblicher Verlust.

Die Furche: Immerhin wurde die Bedeutung der Kirchen in den Verfassungsentwurf aufgenommen.

Lehmann: Ja, aber ohne Gottesbezug hängt der Paragraph 51, in dem das Verhältnis der EU zur Kirche bestimmt ist, in der Luft. Warum es Kirche gibt und warum sie gerade im europäischen Kontext aufscheint, hat dann eigentlich keine tragenden Voraussetzungen. Dies wäre mir dann auch zu kirchenbezogen.

Die Furche: Die Kirchen stehen vor dem Problem, dass ihnen die Schafe davonlaufen. Haben Sie den Eindruck, dass man das stoppen kann?

Lehmann: Das Problem hängt natürlich mit der hochgradigen Pluralisierung von Werten, Lebensformen und ethischen Entwürfen zusammen. Wo die Individualisierung steigt, ist Kirche störend. Denn sie verweist auf die Verbindlichkeit gewisser ethischer Aussagen für alle. Wenn jeder nach seiner Façon selig werden kann und soll: Wozu braucht man dann noch eine mehr oder weniger autoritär erscheinende Kirche? Das ist ein Problem. Aber es ist nicht weniger ein Problem der Gesellschaften: dass sie sich fragen müssen, woher sie eigentlich ihre Wertschöpfungen haben, woher sie letzte Gemeinsamkeiten haben, damit man mindestens ein Minimum an gemeinsamen geistigen und ethischen Voraussetzungen hat. Wir müssen mehr offensiv, nicht aggressiv werden.

Die Furche: Was bedeutet das konkret für die Pastorale?

Lehmann: Wenn man sich die Reaktionen auf den 11. September 2001 ansieht - die Kirchen waren damals voll -, sieht man, dass in den Menschen unter bestimmten Voraussetzungen wieder eine Tiefenschicht aufbricht, die vielleicht verschüttet sein kann, aber nicht einfach fehlt. Diesen letzten Untergrund zu erwecken, außerhalb der Katastrophensituation, in alltäglichen Situationen, ist unsere große Aufgabe.

Die Furche: Wie schätzen Sie den ökumenischen Dialog ein?

Lehmann: Ich glaube, dass die Entdeckung der substanziellen Gemeinsamkeit in den letzten Jahrzehnten ein wichtiger Impuls war, um nun die divergierenden Punkte ins Auge zu fassen. Um ein Bild des Papstes zu gebrauchen: Starke Brückenpfeiler sind stehen geblieben, aber die Straße darüber ist nicht funktionstüchtig. Trotz der Spaltung gibt es viele Gemeinsamkeiten in der Schrift, im Credo, in Grundfragen des Glaubens, die vielleicht nicht hoch genug eingeschätzt wurden. Was nun die kirchentrennenden und die legitimen Verschiedenheiten sind, muss ausdifferenziert werden.

Die Furche: Wo liegen die trennenden Aspekte?

Lehmann: Im Verständnis vom Wesen der Kirche, im Verhältnis von Kirche und Jesus Christus, vom Amt, in ihrer spirituellen und strukturellen Seite gibt es noch einiges aufzuarbeiten. Da stoßen wir auch innerhalb des Protestantismus selbst auf ein erhebliches Spektrum von Anschauungen.

Die Furche: Und wie steht es mit der Einheit in den Sakramenten? Da gab es ja zuletzt am Ökumenischen Kirchentag große Aufregung.

Lehmann: Es gibt Sakramente, über die wir bis jetzt ganz wenig gesprochen haben, zum Beispiel über die Ehe oder die Krankensalbung. Auf der anderen Seite gibt es künstliche Aufgeregtheiten wie etwa über die jüngste Enzyklika zur Eucharistie. Da steht gar nichts drin, was vorher nicht auch bekannt und klar war. Es zeigt nur, dass man sich über viele echte Fragen leichtfertig hinweggesetzt hat. Es ist zum Beispiel fatal, wenn Leute erklären: Dies ist bloß das persönliche Dokument eines alten Mannes. Die Anstrengungen des Dialogs müssen weitergehen. Ich sehe da eine große Chance.

Die Furche: Sie haben sich mehrfach sehr scharf zu den Themen der Bioethik geäußert. Sind hier Argumente ohne Rückgriff auf die Religion überhaupt möglich?

Lehmann: Das ist eine ernsthafte Frage. Ich würde sie aber zunächst einmal unseren Gesprächspartnern zurückspielen und sagen: Wie kann man überhaupt den hohen Schutz des Lebens begründen, und zwar so, dass er dann auch wirklich greift. Leben ist ja in allen Verfassungen das fundamentalste Grundrecht des Menschen. Wenn man auf jede Unbedingtheit, jede Letztbegründung verzichtet, wie es in der heutigen Ethik oft Tendenz ist, kann man den Lebensschutz, glaube ich, aus pragmatischen Gründen allein nicht ausreichend fundieren.

Die Furche: Auf welche Letztbegründungen würden Sie zurückgreifen?

Lehmann: Auf theo- logische Faktoren und vor allem biblische Erkenntnisse wie die Ebenbildlichkeit Gottes. Oder, in etwas säkularisierter Form, auf den Begriff der Person, wie zum Beispiel bei Kant. Er erklärt ja, dass ein Mensch niemals rein als Mittel zum Zweck verwendet werden darf, dass jedes menschliche Wesen Endzweck in sich selbst ist. So eine Aussage ist nicht möglich ohne die Anstöße eines christlich orientierten Personbegriffs.

Die Furche: Der jetzige Papst gehört zu den längst amtierenden in der Geschichte. Worin sehen Sie den wichtigsten Punkt seines Pontifikats?

Lehmann: Für mich steht nicht zufällig zeitlich und inhaltlich die Enzyklika über das "Evangelium des Lebens" im Zentrum, wo es um die Rettung des heute gefährdeten Lebens in all seinen Spielarten und Formen geht, um den Anfang und das Ende. Ich glaube, das ist so etwas wie ein bleibendes Testament für die Kirche.

Das Gespräch führte Susanne Kummer.

Kardinal, Rahner-Schüler und "Schlitzohr"

Eine geharnischte Kritik an den Kardinälen Joachim Meisner und Joseph Ratzinger - beide hatten sich kritisch über den Ökumenischen Kirchentag in Berlin geäußert - brachte den Mainzer Bischof Karl Lehmann vergangene Woche in die Schlagzeilen der deutschen Medien. Es ist nicht die erste Auseinandersetzung dieser Kardinäle, die recht unterschiedliche Vorstellungen von kirchlicher Erneuerung haben. Der 1936 in Sigmaringen geborene Lehmann ist stark von Karl Rahner geprägt, dessen Assistent er zwischen 1964 und 1967 war. Schon mit 32 Jahren wurde er auf den Lehrstuhl für katholische Dogmatik in Mainz berufen. Drei Jahre danach übernahm er die Professur für Dogmatik und Ökumenische Theologie in Freiburg. Zum Bischof von Mainz gewählt, empfing er am 2. Oktober 1983 die Bischofsweihe. Seit 1987 ist er Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz und seit dem Jahr 2001 gehört er dem Kardinalskollegium an. Im Vorjahr wurde Lehmann mit dem Preis "Goldenes Schlitzohr 2002" ausgezeichnet. In der Laudatio hieß es, seine Schlitzohrigkeit liege in der Kunstfertigkeit, in Andeutungen seine Meinung zu verstecken. Die jüngste Auseinandersetzung zeigt allerdings, dass der Kardinal auch anders kann. CG

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