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Gebrochene Tabus

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Filmfestspiele Venedig: Mit "Paradies: Glaube“ machte der österreichische Regisseur Ulrich Seidl Furore und sorgt für Empörung. Im FURCHE-Gespräch argumentiert der Filmemacher: Nicht er, sondern die Realität provoziere einen Skandal.

Mit dem ersten Teil seiner Trilogie "Paradies“, gegliedert in "Liebe“, "Glaube“ und "Hoffnung“, war der österreichische Filmemacher Ulrich Seidl (60) bereits im diesjährigen Wettbewerb in Cannes vertreten und erzählte darin von der Sex-Touristin Teresa (Margarete Thiesl), die in Afrika die Liebe sucht. Nun folgte in Venedig "Paradies: Glaube“, wo es um ihre Schwester Anna-Maria, unglücklich verheiratet mit einem gelähmten Muslim geht. Maria Hofstätter spielt eine extreme Katholikin im Bekehrungswahn, die mit einer Wandermuttergottes von Haus zu Haus zieht, sich regelmäßig selbst geißelt und sich mehr in einer Ehe mit Jesus wähnt als mit ihrem angetrauten muslimischen Mann im Rollstuhl, also auch ihre Sexualität mit Jesus höchstpersönlich auslebt.

Die expliziten Szenen sorgeten für einen Skandal: Die ultrakonservative katholische Lebensschutzorganisation "NO194“ hat sowohl Seidl als auch das Festival wegen Blasphemie angezeigt. "Sex mit Kruzifix“, "Blasphemie“, aber auch "ironisch intelligent“, "gnadenlos“ und "schwarzhumorig“, titelten die italienischen Medien nach der Premiere des Films vergangenen Freitag. Blasphemie allerdings, in ihrer Definition als Verhöhnung von Glaubensinhalten, will Seidl nicht im Sinn gehabt haben. Im Wettbewerb, der eher mäßig anlief und bis Redaktionsschluss der FURCHE auch durch Beiträge wie Paul Thomas Andersons "The Master“ oder Terrence Malicks "To The Wonder“ nicht vollends überzeugen konnte, galt Seidl in der internationalen Presse als Favorit für den Goldenen Löwen.

Die Furche: In Italien hat man auf Ihren Film sehr angegriffen reagiert. Von einem "Skandal“ ist die Rede, Sie wurden wegen Blasphemie angezeigt. Wie empfinden Sie solch ein Echo?

Ulrich Seidl: Als befriedigend. Wenn ich einen Film mache, geht es mir darum, die Wahrheit zu zeigen. Zumindest, wie ich sie sehe. Da rechne ich mit ein, dass es jemandem missfallen könnte, wie ich die Realität sehe. Anna-Maria handelt grundsätzlich in ihrer Überzeugung, geleitet von ihrer Liebe zu Jesus. Ich zeige das, ich bewerte es nicht. Jedenfalls aber ziehe ich den Aufruhr der Ruhe immer vor.

Die Furche: Interessiert Sie der Tabubruch generell?

Seidl: Nein, das darf auch nie das Ziel sein. Aber die Wahrheit zu zeigen, die Realität, wie sie ist, provoziert eben oft einen Skandal. Doch das ist gut. Skandale bewirken einen Austausch, einen Denkprozess.

Die Furche: Wo sehen Sie die Verbindung zwischen Relegion und Sexualität?

Seidl: In dieser Verbindung nimmt Glaube eine pervertierte Form an. Über Jahrhunderte hinweg hat die katholische Kirche Sexualität unterdrückt und natürlich führt dies irgendwann zu einer Gegenbewegung. Während die Kirche ständig sexuelle Tabus hochhält, passieren hinter verschlossenen Türen die schrecklichsten Dinge. Das ist ein Skandal. Aber es ist auch die logische Konsequenz. Die Unterdrückung von Sexualität bewirkt eine Erosion der Moral. Anna-Maria im Film ist davon überzeugt, dass die Medien, die Gesellschaft dem Sex verfallen ist. Dafür geißelt sie sich selbst, was ihr wiederum Lust verschafft. Es ist nur eine dünne Linie zwischen Schmerz und Lust.

Die Furche: Ist Anna-Maria eine katholische Fundamentalistin?

Seidl: Es scheint mir nicht fair, sie so zu beschreiben, weil dieser Begriff sehr mit Terrorismus behaftet ist, also impliziert, dass eine Person bereit ist, Gewalt anzuwenden, um ihre Interessen zu verfolgen. Maria ist nicht gewaltbereit, sie ist auch keine Missionarin. In ihrem Glauben und ihrer Liebe zu Jesus agiert sie extrem, aber natürlich gibt es katholische Fundamentalisten, in den USA genauso wie in Österreich, man muss nur an das Opus Dei denken. Ich erfinde für meine Filme nichts, ich zeige sie nur, und ich möchte, dass die Leute hinschauen.

Die Furche: Anna-Maria ist unglücklich mit einem Muslimen im Rollstuhl verheiratet, und ihre täglichen Ehe-Streitigkeiten reflektieren, auf einer kleineren Skala, die kulturellen Konflikte zwischen Islam und Katholizismus. Wollten Sie damit die aktuelle Debatte kommentieren?

Seidl: Dieser Konflikt herrscht überall, und dieser Film zeigt nur ein Beispiel, wie es sein kann. Die beiden sind im Namen ihrer jeweiligen Religion sehr grausam zueinander, weil sie im Prinzip genau für jene Sexualität kämpfen, die ihre Religion unterdrückt. Nur kämpfen sie gegen den jeweils Falschen.

Die Furche: In all Ihren Filmen haben die Figuren schwere Probleme mit Sexualität, warum eigentlich?

Seidl: Sexualität ist ein menschlicher Urtrieb. Dieser Trieb nimmt im Leben eines jeden eine wichtige Rolle ein, sei es im positiven oder negativen Sinn. Jeder hat im Endeffekt Probleme, mit diesem Trieb umzugehen.

Die Furche: Worum geht es im dritten Teil der Trilogie, "Paradies: Hoffnung”?

Seidl: Hier wird Anna-Marias übergewichtige Nichte, also die Teenager-Tochter von Teresa, der Sextouristin in "Liebe“, im Zentrum der Geschichte stehen. Sie leidet darunter, dass sie nicht dem Schönheitsideal entspricht. Auf einem Sommer-Diät-Camp verliebt sie sich in den dreimal so alten Arzt. Es wird also wieder um die Themen Liebe, Sexualität, Lust, Verlangen und Körperlichkeit gehen. Vielleicht auf den ersten Blick weicher, weil er aus der Sicht eines Teenagers erzählt ist.

Die Furche: Wird "Hoffnung“ den Hattrick schaffen und bei der Berlinale 2013 im Wettbewerb sein?

Seidl: Das streben wir an. Es ist noch nicht offiziell bestätigt.