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Feuilleton

Gefühlvolle Zeilen

1945 1960 1980 2000 2020
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Liebesbriefe der Jahre 1870 bis 1970 zeigen den Wandel in den Modellen der Beziehungen. Sie sollten für Gefühle die treffenden Worte finden, zugleich Bedingungen abklären.

Anhand Tausender Liebesbriefe aus den Jahren zwischen 1870 und 1970 erforschen zwei österreichische Historikerinnen, wie sich der Ausdruck von Zuneigung im geschichtlichen Kontext verändert hat. Dabei nehmen sie besonders den Wandel der Geschlechterrollen in den Blick. Sein Monopol als Kommunikationsmedium hat der Brief wohl unwiederbringlich verloren. Als Quelle für wissenschaftliche Forschung ist er nach wie vor hoch relevant. Speziell mit der Gattung des Liebesbriefs beschäftigen sich bis 2012 die beiden Historikerinnen Christa Hämmerle vom Institut für Geschichte der Universität Wien und Ingrid Bauer vom Fachbereich Geschichte der Universität Salzburg. Ihr Forschungsprojekt wird vom Wissenschaftsfonds FWF gefördert und trägt den Titel "(Über) Liebe schreiben?".

Sowohl die Klammerung als auch das Fragezeichen haben die Projektleiterinnen mit Bedacht gesetzt. "Die Klammern sollen ausdrücken, dass Schreiben immer auch ein Akt des Handelns und damit des Liebe-Erzeugens oder -Veränderns ist", sagt Hämmerle und ergänzt: "Das Fragezeichen zeigt an, dass wir die Antworten nicht vorwegnehmen wollen."

Ringen um die Sprache

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert ersetzte der Liebesbrief oft den direkten persönlichen Kontakt. Wo es aufgrund räumlicher Distanz oder sozialer Norm nicht möglich war, einander auf ein Schäferstündchen zu treffen, schafft der Brief eine zwischenmenschliche Nähe ganz eigener Art. In ihm werden Beziehungen angebahnt, entwickelt und gefestigt. Interessant ist dabei die sukzessive Herausbildung von Paarsprachen. Von Idiomen, in denen oft regelrecht darum gerungen wird, die eigenen Gefühle adäquat zu verbalisieren.

Traditionell ist die Briefforschung in der Germanistik, Soziologie und Literaturwissenschaft beheimatet. Dabei wird meist eine sehr enge Definition des Liebesbriefes bemüht, derzufolge dieser dem Adressaten sein Innerstes offenbaren und romantisch sein sollte, in schöner Sprache verfasst und mit Metaphern versehen. "Unsere Quellen sprengen diese Vorstellung, indem sie zeigen, dass es eine Vielzahl unterschiedlicher Formen gibt, über Liebe zu schreiben", meint Hämmerle.

Als Datenquellen stehen dem fünfköpfigen Forschungsteam mehrere Tausend Briefe aus der Zeit zwischen 1870 und 1970 zur Verfügung. Der Großteil davon gehört zur 1991 gegründeten Sammlung "Frauennachlässe" des Instituts für Geschichte der Uni Wien. Weil diese vorwiegend Material aus Ostösterreich enthält, wurden zusätzlich Briefe aus westösterreichischen Archiven miteinbezogen. Darunter aus dem Zeitgeschichtearchiv der Gedenkstätte Ebensee und dem Jüdischen Museum in Hohenems. So bildet der Datenkorpus auch eine gesellschaftlich bunte Mischung. Er enthält Paarkorrespondenzen von Bürgerlichen, Arbeitern, Bediensteten und Bauern. Der rund einhundert Jahre umfassende Zeitrahmen ist bewusst gewählt. Am einen Ende flankiert ihn der Höhepunkt des bürgerlichen Ideals der romantischen Liebe mit seiner Betonung der Liebesbeziehung als Mikrokosmos, der abgehoben von der Außenwelt in sich selber ruht. Aber auch mit der aufklärerischen Idee, ausschließlich aus Liebe zu heiraten. Ein Mythos, den es in der Realität so wohl kaum je gegeben hat, was sich beispielsweise in Brautbriefen zeigt, in denen intensiv ökonomische Dinge besprochen werden: die wirtschaftlichen Vorteile eines gemeinsamen Haushaltes etwa. Ebenso werden Fragen der Aussteuer diskutiert. Oder ob der Mann finanziell in der Lage ist, seine künftige Gattin zu erhalten. "Auch im Zeit alter der romantischen Liebe sind materielle Dinge von hoher Wichtigkeit, obwohl sie im Mythos nicht explizit mitgedacht werden", sagt Bauer. Wiewohl die romantische Liebe ein Ideal und ein Modell ist, das Kunst und Literatur aufgreifen und an dem sich reale Beziehungen messen. Am anderen Ende des Betrachtungszeitraumes steht die sexuelle Revolution, das Erwachen des Individuellen, der Kritik an Ehe und herkömmlichen Beziehungsformen. Das Jahrhundert dazwischen eröffnet einen Raum zahlreicher interessanter Fragestellungen. Etwa, wie stark das bürgerliche Liebesideal in bäuerliche oder Arbeitermilieus Einzug gehalten hat. Oder welche Gemeinsamkeiten sich in den sozialen Schichten finden lassen. Besonders wichtig sind den Wissenschafterinnen die jeweiligen Geschlechterrollen und wie diese ausverhandelt werden. Hier zeigt sich häufig ein enger Zusammenhang mit gesellschaftlichen Machtpositionen. Schreibt der männliche Verehrer etwa, dass er die Angebetete "erst noch erziehen muss", bis sie ihm so recht passt, ist das zwar eine scherzhaft-schnippische Bemerkung. Doch zugleich entlarvt sie eine bestimmte Vorstellung darüber, wer in der Beziehung den Ton angibt. Andererseits verraten die Briefe durchaus ein Bewusstsein vieler Frauen um ihre Machtposition. So können sie etwa ihren guten Namen, ihre Unschuld oder auch familiären Grundbesitz einbringen.

Zwischen Liebe und Ideologie

Die Besonderheit des gewählten Zuganges liegt darin, dass ausschließlich Korrespondenzen von unbekannten Privatleuten betrachtet werden. Die Historikerinnen Hämmerle und Bauer beschäftigten sich schon in früheren Projekten bevorzugt mit der subjektiven Dimension von Geschichte, mit der Rolle des Individuums an der Schnittstelle zu gesellschaftlichen Strukturen und Diskursen. Dabei versuchen die Wissenschafterinnen, Exemplarisches zu finden, die his torische Zeitgebundenheit der Briefe zu entbergen. Besonders deutlich zeigt sich die se in Kriegszeiten. Wenn etwa der Liebesjargon mit verbalen Versatzstücken einer Blut- und-Boden-Ideologie verschmilzt. Oder die Frau den Geliebten an der Front zum martialischen deutschen Helden stilisiert. "Aus der Perspektive von Liebesbriefen hat man bisher nur selten auf den 1. Weltkrieg, die NS-Zeit oder die Weltwirtschaftskrise geschaut", sagt Hämmerle. "Wir hoffen, neue Einblicke zu bekommen. Etwa wie weit die Weltwirtschaftskrise in die intimen Bereiche eindringt." Die Liebe sei ein Wahnsinn, dichtete Heinrich Heine einmal. Die Forschungen von Hämmerle und Bauer legen demgegenüber nahe, dass sie etwas ganz Normales ist - Produkt und Teil ihrer Zeit.