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Gegen den Zugriff auf die Wissenschaft

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"March for Science": Angesichts von Repressionen gegen Forscher und Hochschulen kommt es am 22. April weltweit zu Demonstrationen.

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"March for Science": Angesichts von Repressionen gegen Forscher und Hochschulen kommt es am 22. April weltweit zu Demonstrationen.

Eine freie Wissenschaft gehört zu einer offenen Gesellschaft - und die hat bekanntlich ihre Feinde, wie der Exil-Österreicher Sir Karl Popper in einem seiner zentralen Werke erörterte. Drei Schauplätze zeigen derzeit deutlich, wie rasch Forschung ins Visier einer autoritär orientierten Politik geraten kann und scheinbar Selbstverständliches plötzlich wieder in Frage steht. In den USA befeuert Präsident Donald Trump den aktuellen Trend, Tatsachen aus ideologischen Zwecken zu verdrehen und "alternative Fakten" zu etablieren. In der Türkei wurden Wissenschafter, die nicht der politischen Linie des Präsidenten Recep Tayyip Erdog an entsprechen, entlassen, mit Ausreiseverboten bedacht und gegebenenfalls auch verhaftet. Und in Ungarn wurde vor kurzem ein Gesetz beschlossen, das den Bestand der vom US-Milliardär George Soros gegründeten "Central European University"(CEU) in Budapest bedroht.

"Andere Länder entziehen Universitäten bei gravierenden Qualitätsmängeln ihren Status, Ungarn tut das bei seiner international erfolgreichsten Institution", bemerkte Oliver Vitouch, Präsident der österreichischen Universitätenkonferenz. Für ihn reiht sich Ungarns Staatschef Viktor Orbán "nahtlos in die Riege wissenschafts-und aufklärungsfeindlicher Potentaten ein". Die Causa CEU sei somit ein weiterer Anlass für den "Vienna March for Science", so Vitouch. "Wir werden am 22. April auch für den Fortbestand der CEU und für ein offenes Ungarn auf die Straße gehen." Der "March for Science" wurde ursprünglich als Reaktion nach der Wahl Trumps in Washington DC geplant. Doch mittlerweile haben sich Demonstrationen in mehr als 500 Städten weltweit angeschlossen, um die Bedeutung einer freien Wissenschaft für die Demokratie und Wirtschaft zu zeigen und auch zu feiern, wie es bei der Veranstaltung heißt (siehe Kasten).

Prominente Unterstützung

Der Wiener "Marsch für die Wissenschaft" wird von zahlreichen prominenten Akteuren unterstützt, darunter etwa Helga Nowotny, Ex-Präsidentin des Europäischen Forschungsrats (ERC), FWF-Präsident Klement Tockner oder dem Präsidium der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) mit Anton Zeilinger an der Spitze. "Als Wissenschaftler trägt man gegenüber der Gesellschaft die Verantwortung, Wahrheiten zu suchen und Fakten als höchstes Gut zu verteidigen", sagt Giulio Superti-Furga, Leiter des Zentrums für Molekulare Medizin (CeMM) an der ÖAW. "Besonders jetzt gilt es, ein starkes Signal zu setzen für eine offene und transparente Wissenschaft, die sich aktiv um das Vertrauen der Gesellschaft bemüht", ergänzt Kunsthistorikerin Julia Budka vom Direktorium der Jungen Akademie der ÖAW.

Die USA sieht sich nicht nur gern als führend in der westlichen Welt, sondern auch in der globalen Pole-Position in der Wissenschaft. Doch seit Präsident Donald Trump ins Weiße Haus eingekehrt ist, herrscht Aufruhr in der amerikanischen Forschungsgemeinschaft. Diffuse Angst und Unsicherheit prägen die Stimmungslage vieler Forscher jenseits des Atlantiks. Faktum ist, dass Trump den "Common Sense" der Klimaforschung in Frage stellt und mit Scott Pruitt einen Klimawandel-Leugner zum neuen Chef der US-Umweltbehörde (EPA) gemacht hat. Dass er hartnäckige Mythen radikaler Impfgegner verbreitet. Dass mit der von ihm gewünschten Abschottung gerade auch die international vernetzte Forschung in Mitleidenschaft gezogen würde. Und dass mit der Etablierung "alternativer Fakten" die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft generell unterminiert wird. Bereiche der Biowissenschaften laufen in den USA Gefahr, unter politischen Druck zu geraten - vor allem Forschung im Zusammenhang mit Klimaund Umweltschutz, Biodiversität, globalem Wandel und erneuerbaren Energien.

Anti-intellektuelle Ressentiments

Anti-intellektuelle Ressentiments sind der Nährboden für eine latent wissenschaftsfeindliche Haltung. In den USA wurde dies etwa deutlich, als der letzte Präsident Barack Obama von den politischen Gegnern leicht abschätzig als "Professor Obama" bezeichnet wurde (Auch hierzulande war im jüngsten Präsidentschaftswahlkampf eine ähnliche Strategie vonseiten des FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer zu bemerken). Obamas eloquente Reden waren vielen weniger gebildeten Amerikanern ein Dorn im Auge, analysiert der deutsche Molekularbiologe Bernd Fritzsch, heute Professor an der University of Iowa in den USA. Vor diesem Hintergrund konnte Trump seine Ablehnung intellektuellen Ausdrucks erfolgreich zur Schau stellen - und mit denkbar einfachen Botschaften reüssieren: "Trump spricht nicht nur in einfachen Sätzen, sein Erfolgsdenken ist ebenso einfach." Für jahrelange Grundlagenforschung ohne direkte Garantie, dass diese Mittel kurzfristig in Gewinne umzusetzen sind, werde die neue US-Regierung sicherlich kein Verständnis aufbringen, so Fritzsch im Laborjournal.

Jedenfalls zeigt Trump eine Haltung, die ihn mit autoritären Herrscherfiguren weltweit verbindet: Sie entziehen der Wissenschaft rasch die Wertschätzung, wenn deren Erkenntnisse nicht in das Konzept der eigenen Ideologie und Weltanschauung passen.

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