Gehört Singen noch zum guten Ton?

Der Wiener Singverein und die Wiener Singakademie werden 150 Jahre alt. Ein Gespräch mit den Leitern der beiden Chöre Johannes Prinz und Heinz Ferlesch.

Begeisterte Amateure können es zu professioneller Meisterschaft bringen. Ein Beispiel dafür sind die Chöre der Gesellschaft der Musikfreunde und der Wiener Konzerthausgesellschaft, der Wiener Singverein und die Wiener Singakademie. Beide feiern heuer ihr 150-jähriges Bestehen. Die künstlerischen Leiter, Johannes Prinz und Heinz Ferlesch, haben sich entsprechend Ehrgeiziges vorgenommen.

Die Furche: Österreich wird gerne als Land der Tänzer und Geiger angesprochen, von Sängern ist nie die Rede. Wie fühlt man sich da als Chorleiter eines so renommierten Chores wie Singverein oder Singakademie?

Prinz: Zur weiteren Zerstreuung dieses Irrtums verpflichtet, das heißt Förderung auf allen Linien: Förderung als Pädagoge an der Universität, Förderung im hochkarätigen Amateurchor.

Ferlesch: Im Konzerthaus, in dem Ambiente, in dem wir musizieren, haben wir das Gefühl, dass Gesang und Chorwesen geschätzt und akzeptiert wird. Mir ist aber bewusst, dass man in Wien sicher in einem Elfenbeinturm lebt, was das Konzertleben betrifft. Was das Chorwesen allgemein betrifft, hinken wir gegenüber anderen Ländern nach, vor allem in der Wertschätzung der Öffentlichkeit.

Die Furche: Ist Singen heute weniger populär, gehört es quasi nicht mehr zum guten Ton?

Prinz: Es ist wieder im Kommen. Aber bedingt durch die Versäumnisse der Schulpolitik ist es ein Stiefkind im kulturellen Betrieb, weil die Kinder in der frühesten Zeit, wo sie knetbar und formbar sind, nicht mehr singen. Das ist ein alter Hut, den ich hier weiterreiche. Aber es ist ein Bedarf spürbar bei den Erwachsenen nach einer immateriellen Sinngebung. Der Zulauf zu Chören ist seit den letzten Jahren extrem stark, das trifft nicht nur auf den Singverein zu, sondern auch für Unichöre. Singen ist eine wunderschöne, nach innen gehende Tätigkeit, das geht durch alle Gesellschaftsgruppen.

Ferlesch: Die wirklich schlechte Zeit des Singens ist vorbei. Das merkt man an Initiativen, die landab, landauf gestartet werden, und am Zulauf, den die Chöre haben. Der wichtige Nährboden des Singens in der Familie und in der Schule ist allerdings teilweise verloren gegangen. Dort müssen wir den Hebel ansetzen, politisch, wissenschaftlich, wie auch immer.

Die Furche: Die Chorlandschaft in Österreich hat in den letzten Jahrzehnten viel an Qualität gewonnen, aber wird das Ihrer Meinung nach auch so wahrgenommen?

Prinz: Nur im direkten Vergleich. Ich habe mir vor ein paar Wochen alte Aufnahmen von Karajan und dem Singverein angehört, man kann das mit den Ohren von heute in gewisser Sicht nicht mehr hören. Es hat sich so unglaublich viel verändert - ohne es zu werten: Klang, Tongebung, Leistungsfähigkeit. Was vor vierzig Jahren an der Grenze des Leistbaren war, damit spielt man sich heute, zum Beispiel die Wasserfuge aus Franz Schmidts "Buch mit sieben Siegeln" oder Schönbergs "Friede auf Erden". Das Publikum nimmt es weniger wahr, man gewöhnt sich an die neuen Klänge, weil es sukzessive passiert.

Ferlesch: Wir leben in der Zeit, wo das wahrgenommen wird, was mit medialem Druck oder Lobbyismus an die Öffentlichkeit kommt. Das Chorwesen ist zu wenig präsent in der Medienlandschaft, um diese Entwicklung allgemein zu erkennen, das interessierte Fachpublikum merkt es sicher.

Die Furche: Singverein und Singakademie haben es gut, sie sind Zweigvereine der Gesellschaft der Musikfreunde beziehungsweise des Konzerthauses. Damit sind doch Möglichkeiten verbunden, die andere Laienchöre nicht haben.

Prinz: Das ist das Privileg der Mitglieder des Chores, der berühmte Musikvereinssaal, die Topdirigenten, die Toporchester, die Topwerke, die Topgruppe. Wer da dabei ist, wird im Normalfall süchtig. Der Singverein ist längst ein professioneller Amateurchor.

Ferlesch: Die Singakademie hat andere Möglichkeiten, aber auch andere Pflichten und Leistungsanforderungen als andere Chöre. Aber das schätzen wir: Wir sind mit dem Konzerthaus sehr verbunden und schwimmen gerne in diesem Wasser, das gewürzt ist mit Professionalität und unserer Struktur, die semiprofessionell ist. Das ist manchmal ein schwieriges, aber immer ein spannendes und forderndes Feld.

Die Furche: Wie feiern der Singverein und die Singakademie ihr 150-Jahr-Jubiläum?

Prinz: Über ein Jahr lang. Wir beginnen mit einem großen Festakt am 19. April mit dem RSO Wien mit Bruckners "Te Deum" und einer Uraufführung von Christian Muthspiel für sechs Chöre, Posaune und Electronics, das ist ein Auftragswerk der Gesellschaft der Musikfreunde und des Mozartjahres. Die Festrede hält Franz Welser-Möst. In der nächsten Saison folgt ein Jubiläumszyklus mit Topdirigenten und Toporchestern: Mariss Jansons dirigiert das Dvorák-Requiem, Pierre Boulez die Zweite Mahler, Beim "Elias" von Mendelssohn darf ich erstmals die Symphoniker dirigieren, Thomas Quasthoff singt die Titelpartie und führt eine hochkarätige Solistenbesetzung an. Abgeschlossen wird der Zyklus mit einer Uraufführung von Thomas Adés und Schuberts Es-Dur-Messe mit den Philharmonikern unter Welser-Möst.

Ferlesch: Erstmals haben wir in der Geschichte der Singakademie einen eigenen Zyklus, und zwar verteilt über dieses Jahr. Begonnen haben wir mit einer Aufführung der Bach'schen Matthäuspassion mit dem Originalklangensemble Barruco. Im November machen wir gemeinsam mit dem Singverein das Berlioz-Requiem im Konzerthaus und Musikverein, und zum Schmunzeln gibt es ein Fussballmatch, das die Singakademie gegen den Singverein austrägt.

Die Furche: Was wünscht man sich nach diesen 150 Jahren für den eigenen Chor?

Prinz: Grenzen verschieben, und das geht ad infinitum, das ist der Spaß für mich an der Arbeit, wie man das nach oben noch immer weiter verschiebt in Richtung professioneller Handhabung unter Beibehaltung der Amateurgesinnung.

Ferlesch: Ich wünsche mir die Fortsetzung der guten Arbeit mit dem Konzerthaus, denn das dynamische Geflecht und die Attraktivität des Chores hängt maßgeblich mit dem Programm zusammen. Dass der Weg des Hinausgehens aus dem Haus vermehrt beschritten wird und sich die Balance aus Professionalität und guter Gemeinschaft im Chor die Waage hält. Singen ist wie eine gute Sucht, die viel Positives bewirken kann.

Das Gespräch führte Walter Dobner.

Johannes Prinz

Chordirektor des Wiener Singvereins ist seit 1991 Johannes Prinz. Der gebürtige Wolfsberger war Mitglied der Wiener Sängerknaben, studierte an der Wiener Musikhochschule, war Assistent von Erwin Ortner beim Arnold Schoenberg Chor, leitete den Chor der Wiener Wirtschaftsuniversität und den Wiener Kammerchor, ist Dozent bei internationalen Chorleiterkursen und seit 2000 Professor für Chorleitung an der Musikuniversität Graz.

Heinz Ferlesch

Chordirektor der Wiener Singakademie ist seit zehn Jahren Heinz Ferlesch. Der gebürtige Niederösterreicher studierte am Brucknerkonservatorium Linz, an der Wiener Musikuniversität und an der Universität Wien (Philosophie, Psychologie und Pädagogik). Er leitete mehrere Chöre, ist Gründer des Barockorchesters Baruccu, Gründungsmitglied der Vokalakademie Niederösterreich, Koordinator der Chorszene Niederösterreich und unterrichtet an der Wiener Musikuniversität.

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