Geknickt, verrenkt - und aufreizend

Die Ausstellung "Melancholie und Provokation“ zeigt zum Zehn-Jahres-Jubiläum des Leopold Museums nicht nur Hauptwerke Egon Schieles sondern will in zeitgenössischen Auseinandersetzungen mit dessen Œuvre auch hinterfragen, wie aktuell dieses heute noch ist.

Man hat nicht die x-te Schiele-Retrospektive gemacht. Das Leopold Museum, das dank seines Gründers und dessen früher Erkenntnis, dass hinter dem sperrigen Maler eines der größten Kunstgenies des vergangenen Jahrhunderts steckte, über die größte Sammlung des Schiele’schen Œuvres verfügt, hat zum Jubiläum eine Kombination aus konventioneller Betrachtung und neuen Blickwinkeln gewählt. Eine Ausstellung des frühen Werks Schieles unter den Gesichtspunkten Melancholie und Provokation steht Räumen von zeitgenössischen Künstlern und dem Aktionisten Rudolf Schwarzkogler († 1969) gegenüber, die in Dialog mit Schiele treten und so dessen Bilder auf ihre heutige Gültigkeit abklopfen sollen. "Wir haben uns von der These leiten lassen, dass die Aktualität von in der Vergangenheit entstandener Kunst eigentlich nur durch jetzt lebende Künstler formuliert wird“, sagt Diethard Leopold, der diesen Teil der Schau kuratiert hat.

Männliche Akte aller Arten

Ein Video, in dem sich zwei Männer einander langsam annähern - dazu ließ sich der Performer Philipp Gehmacher inspirieren. "Die Betrachtung von Schiele hat mich darauf gebracht, mich zu fragen, wie zwei Männer in der Kunst wahrgenommen werden“, sagt Gehmacher. Für Claudia Bosse war die Frage interessant, was mit Menschen passiert, die in einem Museum und vor einem Gemälde stehen. Sie lässt Stimmen aus Schaumstoffwänden ertönen und Bildbeschreibungen hören.

So wichtig wie die Beschäftigung mit dem männlichen Körper für Schiele war, war sie auch für Rudolf Schwarzkogler, der seinen Körper und seine Aktionen mit Spritzen, Rasierklingen und dergleichen für Fotografien inszenierte. Auch Günter Brus leitet seine Selbstverstümmelungen und Körperanalysen von Schiele thematisch ab und sieht sein Werk als Fortführung dessen, was Schiele machte. Elke Krystufek hat männliche Akte für die Schau gewählt. Franz Graf hat sich mit Intimität und Öffentlichkeit beschäftigt.

Den Sälen vorangestellt ist eine Betrachtung von Schieles Frühwerk, die Elisabeth Leopold verantwortet hat. Geknickt und verrenkt, mager und in unnatürlichen Posen - vom Leben niedergedrückt. Andererseits aufmüpfig, in aufreizenden Posen. All dies sowie Melancholie und Provokation dominieren Schieles Œuvre, weshalb sie die drei Räume über die Frühzeit Schieles unter diesen Gesichtspunkten zusammenstellte. Sie beginnt mit Werken ähnlich denen, die bei Schieles erster Kollektivausstellung in der Galerie Miethke zu sehen waren, darunter "Tote Stadt“ und "Selbstseher“ in Ölversion, "Der Lyriker“ gar in jener, die dort damals ausgestellt war. Einzelne Kokoschkas sollen die expressionistische Komponente in Schieles Werk betonen.

Sie nennt die Werke aus Schieles Frühzeit "Traumbilder voll Esoterik, kommend aus einer Zwischenwelt, von Sehnsucht geprägt“. Der Melancholie ist auch der zweite Raum gewidmet, dominiert von Schieles "Entschwebung“, aber auch von einem von dem bekannten "Selbstbildnis mit Lampionfrüchten“ und der zurück gewonnen "Wally“ flankierten Sonnenuntergangsbild. Hier wird die Ausstellung persönlich: Letzteres Bild wählte Elisabeth Leopold für die Parte ihres Mannes, die "Medea“ von Feuerbach ist jenes Werk, das er kurz vor seinem Tod unbedingt kaufen wollte. Die konventionelle Betrachtung Schieles endet mit einem Raum, der den abstrusen Posen in Schieles Porträts und deren Vorbildern in indonesischen Schattenfiguren gewidmet ist.

"Die Seele, die aus den Werken heraustritt“

"Ich habe mich lange gefragt: Was ist an diesem Schiele, was macht ihn so besonders?“ sagt Elisabeth Leopold. "Es ist die Seele, die aus den Werken heraustritt“, beantwortet sie ihre Frage selbst. "Denken Sie nicht, lassen Sie sie wirken.“ Die für die Jubiläumsschau gewählten Künstler haben sich dies jedenfalls zu Herzen genommen.

Melancholie und Provokation - Das Egon-Schiele-Projekt

Leopold Museum, Museumsplatz 1, 1070 Wien

Bis 30. 1. 2012, tägl. außer Di 10-18, Do bis 21 Uhr

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