Geld ist alles, aber das Geld ist alle!

Seit der Wiener Urlesung im März 2009 hat sich recht wenig verändert. Schauspieler, Musiker und Techniker bevölkern die Bühne, und Stemann selbst spielt, tanzt und singt mit und gibt Anweisungen. Zu Beginn tritt er als Conférencier vor das Publikum und tut so, als wüssten er und sein Ensemble weder genau, wie lange der Abend dauern, noch was genau passieren würde. Wenn nicht gerade gerappt, gezaubert oder Choräle angestimmt werden, lesen die durchwegs großartigen Schauspieler den Text aus dem Manuskript ab und lassen dabei Seite um Seite zu Boden fallen, wie wenn es sich dabei um wertlos gewordene Börsenanleihen handelte. Eine elektronische Anzeige zählt die Seiten von 99 bis 1 herunter. Während der gut viereinhalb Stunden bleiben die Saaltüren offen, sodass die sichtlich amüsierten Besucher sich einmal die Füße vertreten und sich erfrischen können. Verpassen, was auf der von Katrin Nottrodt vollgestellten Bühne passiert, muss dennoch niemand. Alles wird per Video nach draußen übertragen. Obwohl so getan wird, als sei bei dieser szenischen Lesung ein hoher Grad an Unvorhersehbarkeit und Improvisation am Werk, hat Nicolas Stemann für Jelineks Finanzmarktposse eine präzise Form gefunden. Äußert verspielt und fast inflationär gebraucht er alle nur denkbaren theatralen Mittel: Maskenspiel, Zaubertricks Videoprojektionen, Action-Painting, Live-Musik etc. etc. Das unüberschaubare aber nur scheinbare Chaos ist ein genau choreografiertes Durcheinander von hoher Kunstfertigkeit – und diese Zertrümmerung der Form ist Ausdruck der Krise, der Unübersichtlichkeit und Ratlosigkeit gegenüber deren undurchschaubaren Finanzmarktinstrumenten.

Typische Endlosschleifen und Redundanzen

Der erste Teil gehört dem „Chor der Kleinanleger“. Die um ihr jahrelang Erspartes gebrachten Elenden stehen dem „Chor der Greise“ gegenüber. Während Jelinek in ihren typisch mäandernden Sätzen die einen schier endlos über das Nichts, in das sich Kapital und Zinsen über Nacht verwandelt haben, lamentieren lässt, verhöhnen die anderen, die zynischen Vertreter der Unternehmen, gegen die man nichts unternehmen kann, die Sparer („Was, 15 Prozent Rendite, und das haben Sie geglaubt?“) oder schwadronieren über das Geld und die Logik des Marktes, das da lautet: „Ihr Geld ist ja nicht weg. Das hat jetzt nur ein anderer.“ In für sie typischen Endlosschleifen und manischen Redundanzen zerlegt Jelinek die Sprache der Börse, bis die böse Zweideutigkeit der Worte das Gesagte ins Gegenteil verkehrt; oder anders gesprochen: bis der Wert der Worte gegen Null sinkt. So resümieren im Schlussteil dieses großen Theaterabends die „Engel der Gerechtigkeit“ in biblischer Übersteigerung, dass einem am Ende nichts mehr gehört. „Gar nichts mehr. Nichts.“

FURCHE-Navigator Vorschau