Generation ohne Erbe und Zukunft

Einen Tag vor dem angekündigten Weltuntergang brachte das Wiener Akademietheater das Endzeitdrama "räuber.schuldengenital“. Ob Apokalypse oder nicht: Die Zeiten wechseln in jedem Fall, denn nach dem ersten Dezennium des 21. Jahrhunderts steht fest, dass der Tod des Utopischen fix ist. So sieht es jedenfalls der 34-jährige oberösterreichische Dramatiker Ewald Palmetshofer, der in dem Burg-Auftragsstück die Verzweiflung seiner Generation verhandelt.

Marktwirtschaftliche Interessen, Neoliberalismus und freies Denken sind nicht mehr differenzierbar, sondern längst eins geworden, konstatiert der Autor. Damit existiert nur mehr ein "Leben ohne Idee“ (nach dem französischen Philosophen Alain Badiou), ohne moralische Grundsätze und Wertvorstellungen.

Wie bei bisherigen Stücken bezieht sich Palmetshofer auch in "räuber.schuldengenital“ auf eine klassische Dramenvorlage. Karl (Philipp Hauß) und Franz (Christoph Luser) sind nicht mehr einander wechselseitig bekämpfende Brüder, die beiden haben sich verbündet, um gemeinsam ihr Erbe anzutreten. Was sie erwartet, ist jedoch nichts als der Schuldenberg der Eltern, deren einzige Maxime "Bereichere dich selbst!“ lautet.

Verdrehte Zeitenfolge

Im Akademietheater schafft Regisseur Stephan Kimmig starke Bilder für Palmetshofers spröde Sprache, die ganz in österreichischer Tradition verhunzt daherkommt. Er stellt den Satzbau auf den Kopf, genauso wie die Folge von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Für die Jungen ist nämlich keine Zukunft vorgesehen, ihr ideologisches Erbe ist ausgehöhlt, das materielle der Eltern verspekuliert, verprasst.

Petra (Sarah Viktoria Frick) etwa steht im Dienst ihrer betagten, gehbinderten Mutter (Libgart Schwarz). Es gibt kein eigenes Leben für die Tochter. Längst aus dem Kindstadium herausgewachsen, liegt sie in ihrem Puppenhaus und wartet auf einen, der sie stiehlt.

Frick spielt und singt ein düsteres Mädchen aus einer fremden Welt, ihre schwarz-weiß gekleidete Petra eröffnet Grauen und Empörung, verheißt revolutionäres Potenzial. Während die Eltern (Barbara Petritsch, Martin Schwab, Michael König, Libgart Schwarz) Partys feiern, Martini schlürfen und zynisch über den "Witz der Zeit“ lachen, brennen die Familienstrukturen an allen Enden.

Palmetshofers Bestandsaufnahme ist schwer verdauliche Kost, die vielen Wiederholungen machen sie nicht gerade bekömmlicher. Kimmig begegnet dieser schwierigen Vorlage auf unterschiedlichen szenischen Ebenen. Er zoomt erschrockene Gesichter auf die Leinwand, baut Stockwerke, nutzt die Tiefe der Bühne. Damit gelingt immerhin ein Blick auf die gestohlenen Illusionen einer Generation.

Weitere Termine

5., 16., 22. Jänner

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