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"Genießen, nicht verzichten"

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Die Familienberaterin Christine Bischof über den Zusammenhang von Selbstwert und Essstörungen -sowie den Hunger danach, angenommen zu sein.

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Die Familienberaterin Christine Bischof über den Zusammenhang von Selbstwert und Essstörungen -sowie den Hunger danach, angenommen zu sein.

Essstörungen bilden einen Schwerpunkt in der Arbeit der Wiener Familienberaterin und Mediatorin Christine Bischof. Sie bietet nicht nur eine Gruppe für Frauen mit Esssucht an, sondern auch Workshops und Vorträge zu Bulimie, Magersucht und Esssucht für Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Eltern. Ein Gespräch über Selbstwert, Hunger und Genuss.

DIE FURCHE: Frau Bischof, vorab eine Grundsatzfrage: Worin besteht für Sie der Unterschied zwischen Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen?

Christine Bischof: Selbstvertrauen haben bedeutet, dass ich auf etwas, was ich gut kann, vertraue. Wenn ich etwa gut kochen kann, vertraue ich darauf, dass ich eine Speise gut hinbekomme, und durch Training wird dieses Selbstvertrauen weiter gestärkt. Selbstwertgefühl hingegen bedeutet, dass ich sowohl meine Stärken als auch meine Schwächen differenziert betrachten und mich annehmen kann, wie ich bin -jedoch auch bereit bin, an meinen Schwächen zu arbeiten. Der Selbstwert ist also noch grundsätzlicher, wobei er dadurch entsteht und weiter gestärkt wird, dass ich -am besten von meinen Eltern und von Geburt an -angenommen werde, so wie ich bin. Er wird aber auch gestärkt, indem ich mich wertvoll fühle für andere. Eltern können also das Selbstwertgefühl ihrer Kinder auch dadurch stärken, dass sie ihnen ab und zu sagen, wie sehr sie ihr Leben bereichern -und ihnen nicht nur ständig vermitteln, wie anstrengend sie sind.

DIE FURCHE: Inwiefern hat nun das Selbstwertgefühl mit Essstörungen zu tun?

Bischof: Grundsätzlich können Essstörungen verschiedenste Ursachen haben, aber ein niedriger oder nicht vorhandener Selbstwert ist fast immer dabei -und spielt auch bei anderen Süchten eine große Rolle. Wer einen gesunden Selbstwert hat, muss sich ja nicht einen Ersatz für dieses wertvolle Gefühl suchen. Die Essstörung dient als ein solcher Ersatz und hat eine wichtige Funktion, um die dahinter liegenden Ängste und Probleme in den Griff zu bekommen.

DIE FURCHE: Sie bieten eine Gruppe für Frauen mit Esssucht an. Wo wird "normales" Übergewicht zu dieser Sucht?

Bischof: Dort, wo nicht mehr ich bestimmen kann, wann und wieviel ich esse, sondern wo das Essverhalten über mich bestimmt. Bei "Binge Eating Disorder" hat man Essanfälle, die man nicht kontrollieren kann. In der Behandlung geht es darum, herauszufinden, welche Bedürfnisse ersatzweise mit dem Essen befriedigt werden. Oft werden Frustration, Trauer, Schuldgefühle und Ängste mit dem Essen hinuntergeschluckt. Das Essen selber hilft aber nur kurzfristig und macht zudem noch dicker, was die Betroffenen immer verzweifelter macht. Ein Teufelskreis.

DIE FURCHE: Wie arbeiten Sie konkret mit den betroffenen Frauen?

Bischof: Das Wichtigste ist, freundlicher zu sich selbst zu werden. Wenn Frauen oder Männer esssüchtig sind, haben sie ja entweder einen negativen oder gar keinen Bezug zum eigenen Körper. Die Gruppe ist hier sehr hilfreich, weil die Frauen oft überrascht sind, wie sie in ihrer ganzen Persönlichkeit wahrgenommen werden. Parallel kann man versuchen, das eigene Essverhalten zu verändern, aber nie mit Druck und Zwang. Es geht darum, in Übungen herauszufinden, was mich emotional satt macht, und unterscheiden zu lernen zwischen physischem und psychischem Hungergefühl. Wenn man dann so viel Selbstwertgefühl entwickelt hat, dass man seinen Körper nicht mehr unter schwarzen Kutten versteckt und nicht mehr jeden Schrott in sich hineinstopft, sondern zu genießen gelernt hat, ist das ein Erfolg. Das Gegenteil von Sucht ist ja nicht Verzicht, sondern achtsamer Genuss.

DIE FURCHE: Sie arbeiten auch mit Jugendlichen mit Bulimie oder Magersucht. Was löst diese Störungen aus?

Bischof: Menschen mit Magersucht sind meist sehr leistungsorientiert. Oft sind Einserschülerinnen betroffen, weshalb ihre Erkrankung lange nicht auffällt, weil sie immer noch "funktionieren". Oft hat Magersucht auch mit dem Frauwerden zu tun. Teil der Erkrankung ist hier auch eine Köperschema-Störung, durch die sich die Betroffenen immer als zu dick empfinden, egal wie dünn sie sind. Die Bulimie tritt meist etwas später auf, nach der Pubertät, wobei es oft um die Überforderung geht, das eigene Leben zu organisieren. Es gibt bei Betroffenen das Bedürfnis, in unserer leistungsorientierten Gesellschaft wirklich ernstund wahrgenommen und nicht nur bewertet zu werden. Der Antrieb, den Eltern zu gefallen und für sie wertvoll zu sein, steckt ja in jedem Kind.

DIE FURCHE: Apropos gefallen: Wie sollen Eltern mit dem Übergewicht ihrer Kinder umgehen?

Bischof: Meist ist es so, dass die Eltern mehr unter dem Übergewicht ihres Kindes leiden als dieses selbst. Sie fürchten, dass es gehänselt wird und Nachteile hat, weil nach geltendem Schönheitsideal alle schlank sein müssen. Aus meiner Erfahrung hilft es aber nicht, ständig mit aller Gewalt das Essen zu kontrollieren. Jeder noch so subtile Versuch, das Kind "schlanker zu machen", hat den Beigeschmack: "Ich bin nicht ok" - und erschüttert den Selbstwert. Die beste Unterstützung ist, zuhause für ein vernünftiges Essen zu sorgen und das Kind ansonsten so zu lieben, wie es ist. Dann wird es entweder mit dem Übergewicht gut zurechtkommen oder irgendwann auf eigene Initiative das Gewicht reduzieren. Darauf dürfen Eltern vertrauen. Sie können sich mit ihrem Kind auch beraten lassen, um herauszufinden, ob es sich um Esssucht handelt, denn dann braucht es unbedingt professionelle Hilfe -am besten in Form von Psychotherapie.

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