Geschäftsmodell Selbstausbeutung

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Die Lage der ungarischen Theaterszene ist schwierig: Die Regierung Orbán streicht Gelder, kürzt Zuwendungen. Auch beim Festival des zeitgenössischen Theaters in Budapest wurden die Subventionen auf ein Zehntel reduziert.

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Die Lage der ungarischen Theaterszene ist schwierig: Die Regierung Orbán streicht Gelder, kürzt Zuwendungen. Auch beim Festival des zeitgenössischen Theaters in Budapest wurden die Subventionen auf ein Zehntel reduziert.

Die regnerischen Dezembertage in Budapest passen gut zum traurigen Thema Kulturpolitik. Der Rachefeldzug der Regierung Orbán gegen echte, vermeintliche und potentielle Kritiker wird fortgesetzt, Gelder werden gestrichen, Subventionen gekürzt. Das Budget für die alternative Szene, so György Szabó vom Budapester Kulturzentrum Trafó-House, wurde seit 2010/11 - und er fügte hinzu: "vorsichtig geschätzt" - halbiert.

Beim Festival des zeitgenössischen Theaters in Budapest ist die Stimmung nicht viel besser: Festivalleiterin Mária Szilágyi klagt, die staatlichen Zuwendungen wurden auf ein Zehntel (!) reduziert und hätten inzwischen nur mehr symbolischen Charakter. Willkommen also bei einem künstlerischen Geschäftsmodell, über dem das Wort "Selbstausbeutung" mit prangenden Lettern geschrieben steht.

Beziehung zwischen Macht und Künstler

Wie sehr der Protest die Lebensgeister weckt, kann man gut an Árpád Schilling beobachten: Seine Produktion "Loser" ist der Beweis, wie aus einer ziemlich tristen Ausgangslage eine Show entsteht, die an Lebendigkeit, Witz und Tiefe nichts zu wünschen übrig lässt. Schilling hat die alte Frage nach der Beziehung zwischen Macht und Künstler auf eine sehr persönliche Art neu gestellt. Es ist ein Stück von ihm, mit ihm und über ihn. Bei vollem Körpereinsatz. Was als Performance beginnt, entwickelt sich rasch zum Spiel, bei dem Leid und Lust der Theatermacher im Ungarn von heute ausgelotet wird. Schilling kann sich diesen Totalangriff auf das System leisten, weil er international arbeitet und auf die Almosen, die ihm die Regierung für seine ungarische Truppe "Kretakör" (Kreidekreis) angeboten hat, in Wahrheit nicht angewiesen ist. Aber es geht ihm ums Exempel. Er will ein System zum Offenbarungseid zwingen, das sich notorisch mit dem Staat verwechselt und daher für Alternativen keinen Platz mehr lässt. Wer im Zuschauerraum wissen will, in welchem Land er lebt, der geschwätzige und genaue, der eitle und sympathische, der verletzliche und gleichzeitig wieder brutale Ich-Darsteller Árpád Schilling erklärt es ihm.

Aber man darf es sich nicht zu einfach machen. Man muss auch an den Stadtrand ziehen, wo das Budapester Nationaltheater seine Zelte aufgeschlagen hat: In seiner zweiten Saison führt hier Attila Vidnyánszky, Orbáns Wunschkandidat und das erklärte Feindbild der unabhängigen Szene, als Intendant die erste Bühne des Landes. Die Repertoirevorstellung des "Sommernachtstraums" in der Inszenierung des jungen Georgiers David Doiashvili würde jeder besseren Bühne durchaus zur Zierde gereichen. Ja, hier muss nicht gespart werden, nicht beim Engagement wunderbarer Schauspieler, nicht an der Ausstattung; das Haus ist voll, die Stimmung prächtig und es besteht gar kein Zweifel, dass der aus der Ukraine stammende und in Kiew ausgebildete Vidnyánszky sein Handwerk nicht verlernt hat - wie verheerend sein Einfluss auf die Kulturpolitik des Landes auch immer sein mag.

Flauberts Romanheldin Emma Bovery

Festivals bringen aber natürlich auch das Kleine und Entlegene ins Spiel: Das Einpersonenstück "Bovery Emma" etwa, das in einer Schneiderei im vierten Stock eines Budapester Gründerzeitbaus gezeigt wird. In fünfzig kurzen Minuten entwickelt Emöke Kiss-Végh (sie war auch in der Árpád Schilling-Produktion zu sehen) sehr präzise, sehr witzig, was sie der Heldin von Flauberts Roman abgewinnen kann. Nachher wird ein Körbchen herumgereicht - und die Mitwirkenden sehen, was einem der Spaß wert war.

Wer der Meinung ist, er habe sich an den Themen Sexualität, Geschlechteridentität und Repression schon satt gesehen, dem sei die rumänisch-ungarische Koproduktion "Parallel" ans Herz gelegt, mit Lucia Marneanu und - ja eben mit: kata bodokihalmen. Beide wurden für ihre Performance mit Preisen bedacht - und das zu Recht.

Theatrale Aufarbeitung des Holocaust

Das Örkény István Theater zeigte "E föld befogad, avagy számodra hely" (Kein Platz für Leute wie ihr) von Márton Kovács und den Gebrüdern Mohácsi, in der Regie von János Mohácsi. Das Stück führt zurück in das Jahr 1941 und berührt eines der dunkelsten Kapitel der ungarischen Geschichte. Es handelt von der Ermordung von 20.000 Juden, die durch die Kriegsentwicklung und die Abmachungen zwischen Berlin und Budapest wieder unter ungarische Verwaltung gerieten und so zu Opfern des Holocaust wurden. Wenn man sehen will, wie Theaterkunst ein Publikum zu fesseln vermag, wie Theater schockiert, zum Weinen, zum Lachen und zuletzt eben so zum alles entscheidenden Mitfühlen bringt - hier kann man es erleben.

Das Festival des zeitgenössischen Theaters wäre ohne die finanzielle Unterstützung durch die Heinrich-Böll-Stiftung der deutschen Grünen nicht mehr möglich gewesen. Die europäische Solidarität mit der freien Szene ist sympathisch und lobenswert und sie hält ein künstlerisches Potential wach, das jede Theaterlandschaft zwingend braucht. Die Krümel vom Tisch der Reichen können aber nicht die Zukunft des ungarischen Theaters sein. Hart gesottenen Nationalisten müsste das eigentlich einleuchten.

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