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Geschichte ist ein Fremdes Terrain, das Literatur mit ihren Mitteln zu Erkunden Sucht.

Die österreichische Literatur arbeitet kräftig gegen den Verlust des historischen Bewusstseins an. Autorinnen und Autoren begeben sich in die Archive und suchen sich jene Stoffe in der Vergangenheit, an denen wir zu würgen haben, weil sie nie richtig aufgearbeitet worden sind. Literatur ist gefährlich geworden. Das zeigt sich am Beispiel von Hanna Sukare, die sich in ihrem Roman "Schwedenreiter"(Otto Müller) der Geschichte der Deserteure im fiktiven Ort Stumpf annimmt. Die Vorlage dazu liefert Goldegg, das 1944 zum Ort eines Deserteur-Dramas wurde. Sukare beschäftigt sich kaum mit dem historischen Fall, sondern mit dem langen Nachleben von Geschichte. Bis heute ist der Ort gespalten zwischen jenen, die mit den Vorfällen von früher Schluss machen wollen, und denen, die darauf drängen, dass den Deserteuren endlich Gerechtigkeit zuteil werden möge. Das Recht, Schluss zu machen, haben aber nur die Nachfahren der Opfer. Die Täter, Gaffer und Denunzianten müssen es aushalten, mit den Schrecklichkeiten behelligt zu werden. Das sahen vermeintliche Retter der Ehre des Dorfes anders. Kurz nachdem das Buch im ORF vorgestellt worden war, beschmierten sie ein Mahnmal außerhalb des Ortes mit grüner Farbe derart kräftig, dass die Namen nicht mehr zu lesen waren. Anders sah das auch ein früherer Politiker bei der Buchpräsentation in Goldegg, der der Autorin "Nestbeschmutzung" vorwarf. Es gibt viel zu tun für die Literaten im Lande. Dabei liegt es Sukare fern, ein Goldegg-Porträt abzuliefern. Mit einem Roman bleibt sie im Reich der Fiktion, was schon an der Hauptfigur Schwedenreiter, dem Erzähler, zu erkennen ist. Er arbeitet als Brückenmeister, untersucht also Brücken auf Risse und Schwachstellen. Nichts anderes macht er, wenn er sich auf Spurensuche im Ort begibt, wo er nicht auf Konfrontation geht, sondern den Opfern des Nationalsozialismus einen Platz im Bewusstsein der Nachwelt schaffen will. Ihm überträgt die Autorin die Recherchearbeiten, die sie selbst unternommen hat, nimmt sich damit als Akteurin aus dem Spiel. Schwedenreiter stellt einen alten Nazi bloß, der behauptet hatte, den Ort gerettet zu haben, zumal geplant gewesen wäre, die Bevölkerung nach Wolhynien zu deportieren. 1944, Wolhynien? Dort stand damals bereits die Rote Armee. Und dass bereits neunzig Waggons bereitgestellt worden wären, stellt sich als Lüge heraus, weil zu diesem Zeitpunkt die Kapazitäten nicht mehr ausgereicht hätten. Hanna Sukare fällt, sobald es um Fakten geht, in den geradezu sachlichen Ton einer Reportage. Das verhindert die Emotionalisierung eines ungeheuer gefühlsbeladenen Themas. Es gehört zur Voraussetzung der Literatur, die sich nicht mit der reinen Empörung zufrieden gibt, sich nicht auf die Stufe einer späteren Generation zu stellen, die sowieso alles besser weiß. Handreichungen zur moralischen Aufrüstung darf sich Literatur sparen.

Verstehen, nicht nachfühlen

Die jüngste österreichische Literatur will verstehen, was geschehen ist, nicht nachfühlen, was angeblich die Menschen früher empfunden haben. Das verlangt Abstraktion. Sonst laufen wir Gefahr, unsere emotionale Ausrüstung mit jener der Vorfahren gleichzusetzen. Dann hätten wir es mit Menschen wie Du und Ich und all unserem Erfahrungsschatz, den wir zu späteren Zeiten angehäuft haben, zu tun und nicht mit Menschen mit anderem kulturellen, ideellen, persönlichen Hintergrund. Das Hineinkriechen in die Identität von Fremden entspricht der Trivialliteratur und darf im besten Fall als Kitsch und billige Unterhaltung abgetan werden. Sie meint es nicht einmal schlecht mit dem Leser, will ihn vielleicht sogar aufrütteln, macht das aber unter falschen Voraussetzungen. Geschichte ist fremdes Terrain und muss als solches fremd bleiben, das müssen wir hinnehmen.

Details deuten und vergrößern

Rosemarie Poiarkov, Jahrgang 1974, erzählt im Roman "Aussichten sind überschätzt"(Residenz) von jungen Leuten, die mit beiden Beinen fest in ihrer Gegenwart stehen und unvermittelt mit österreichischer Geschichte konfrontiert werden. Luise gelangt in den Besitz einer alten Tonaufnahme auf einem Wachszylinder. Herauszubekommen, was darauf festgehalten wurde, erweist sich wegen der miserablen Tonqualität als ein kompliziertes Unterfangen. Nur fragmentarisch lässt sich die Rede rekonstruieren -ein schönes Bild für das Abrufen von Geschichte. Die ganze Wahrheit steht uns nie und nimmer zu. Mutmaßungen, was der Sprecher wohl gemeint haben mag, setzen ein, rätselhaft bleibt das überlieferte, so schwer zugängliche Material. Alles andere wäre fauler Zauber. Ein junges Paar hört dank des Wachszylinders hinein in die Geschichte und bekommt einen mikroskopisch kleinen Teil davon mit, den es mit Imagination ins Bedeutsame zu vergrößern sucht. Das entspricht unserem Umgang mit Geschichte: Das Detail wird gedeutet und in unser Weltbild eingepasst.

Von Anfang an stand für Sukare fest, dass sie aus dem historischen Material einen Roman gestalten musste, keinen Essay, keinen Bericht, keine Reportage. Fiktionalisierung erlaubt einen größeren Spielraum der Darstellung. Situationen dürfen zugespitzt, Gewichtungen neu vorgenommen, Abweichungen von der Faktenlage zur Verdeutlichung von Lebensverhältnissen durchprobiert werden. Die Fantasie aber hängt an der kurzen Leine der recherchierten Ergebnisse. Das leuchtet Ljuba Arnautović auch ein, die mit ihrem Roman "Im Verborgenen"(Picus) in die eigene Familiengeschichte absteigt. Diese steht unter dem Zeichen der Auflösung. Der Roman dient schon deshalb als brauchbares Vehikel, weil sich bei all den historischen Wirrnissen ein Kontinuum nicht festmachen lässt. Chronologie ist weder für Sukare noch für Poiarkov ein Problem. Arnautović aber hat eine Familie im Blick, und sobald diese Auflösungstendenzen zeigt und sich deren Mitglieder in alle Richtungen zerstreuen, ist auch literarisch Zusammenhalt schwer zu schaffen. Die Schauplätze wechseln mit den Einzelnen, die auf der großen politischen Landkarte herumgeschoben werden. Um den Text nicht ins Ungefähre zerfließen zu lassen, führt die Autorin die Figur der Genofeva ein, die sie ins Zentrum des Romans stellt. Diese klassisch Unangepasste wird in der Diktatur Hitlers ebenso wie in jener Stalins schikaniert. Die Familie besteht aus Individuen, die von ihrer Zeit derart herumgejagt werden, dass sie kaum jemals zusammenkommen. Ein Familienverband stellt sich unter diesen Voraussetzungen nicht ein.

Kein Wunder, dass Arnautović den Roman als zuständig für die Ordnung solcher Wirrnisse ansieht, hat er es doch seit der Moderne aufgegeben, Geschlossenheit simulieren zu müssen. Wenn die Autorin sprunghaft vorgeht, ist das dem Stoff geschuldet, der Entwicklung nach dem Prinzip eines ruhigen Flusses nicht duldet. Der Roman bringt Zeitgeschichte nicht auf Linie, sondern breitet eine Fläche aus, auf der Zeiten und Orte wie auf einem Verschiebebahnhof die Plätze wechseln.

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