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China — ein Konzern der besonderen Art

Von Asiens „Tigern” spricht der Westen und starrt auf Wachstumsraten von bis zu 12 Prozent. In erster Linie sorgt man sich um die Richtung, die der Gigant China schließlich einschlagen wird. Sterling Seagrave untersucht in „Die Herren des Pazifik” die historischen Wurzeln der erfolgsorientierten chinesischen Gesellschaft und beschreibt, wie diese Version eines multinationalen Konzerns unter der Oberfläche funktioniert.

In unserem Jahrhundert haben die Auslandschinesen ihre Macht in allen Ländern am Indischen Ozean ebenso diskret wie solide verankert. Dabei gab es immer wieder, in Thailand wie in Malaysia und Indonesien, Versuche, sie um Vermögen und Macht zu bringen, wobei manchmal Hunderttausende ums Leben kamen. Doch sie erwiesen sich immer wieder als unersetzlich, ohne sie ging gar nichts.

Westliche Historiker konzentrieren sich auf die Geschichte des chinesischen Staates und die zivilisatorische und kulturelle Entwicklung. Seagrave betont, daß es seit drei Jahrtausenden eine parallele Gesellschaft und Geschichte gibt, und daß das parallele China die Erfolge hervorbringe.

Vor 3.000 Jahren mußten sich erstmals chinesische Kaufleute in das zerklüftete Küstengebiet südlich des Jangtsekiang retten. Die feudalen Machthaber im Norden des Reiches rotteten periodisch ihre Kaufleute als unmoralisch aus. Doch sie brachten das Gebiet südlich des Jangtsekiang nie völlig unter ihre Kontrolle, auch brauchten sie die Kaufleute, denn auf Luxuswaren wollten sie denn doch nicht verzichten.

Mitunter wurde ihre Haltung offener. Von Wu-ti, dem ersten Han-Kai-ser, ausgesandt, zog schon 139 vor Christus Chang Chien „kühn hinaus aus dem Reich, durchquerte die zentralasiatischen Steppen, entdeckte Europa, das Mittelmeer und den Atlantik”. Unter anderem wurden die drei Seidenstraßen in den Westen eingerichtet und mit Garnisonen abgesichert. Doch mit Wu-tis Tod schloß sich China auch schon wieder ab.

Tausend Jahre später flüchtete ein Kaiser vor den mongolischen Khans nach Süden und konnte gar nicht anders, als den einstigen „Piraten” freie Hand zu geben. Er selbst hing nun von ihrem guten Willen ab. Handel und Gewerbe kamen wieder zu Ehren. Die Handelsherren verhalfen dem Kaiser zur Seemacht. Das brachte Wohlstand und technische Entwicklung - bis zur baldigen nächsten Abschottung.

400 Jahre später machte Admiral San-Bao, von arabischen Märchenerzählern Sindbad genannt, mit 317 Schiffen die an den Indischen Ozean grenzenden Länder zu Vasallen Chinas. Doch schon 1435 schottete China sich wieder ab, ein neuer Kaiser hatte die Macht übernommen.

Den Kaisern im Norden gelang es, eine Entwicklung ähnlich jener zu verhindern, die sich mit der europäischen Benaissance anbahnte. Doch das China der Kaufleute des Südens bestand weiter, über unzählige An-siedlungen auf alle Anrainerstaaten des Indischen Ozeans verstreut. Die europäischen Händler trafen bereits auf ein flächendeckendes Netzwerk.

Seagrave: „Jahrhunderte mußten vergehen, bis die Menschen aus dem Westen begriffen, daß der Ladenbesitzer am Ort in Wirklichkeit der Stellvertreter eines der großen multinationalen Import-Export-Unternehmen war”. Diese waren „auf ihre Art ebenso mächtig wie die europäischen Ostindiengesellschaften”.

Mit dieser Tradition hatten die Auslandschinesen keine Schwierigkeit, sich auf das moderne Bankwesen umzustellen, dessen Feinheiten sie Jahrzehnte vor den westlichen Multis begriffen. Vor dem Zweiten Weltkrieg besaß der aus Swatow stammende Teochiu-Klan einen Kurzwellensender in Hong Kong, der die Schmugglerflotten leitete und „Händler wie Chin über die Wechselkurse und Bohstoffpreise verschiedener Börsen unterrichtete”.

Chin war das Finanzgenie des mächtigen Syndikats derTeochin. Sie sind das finanz-stärkste des halben Dutzends chinesischer Syndikate, von ' denen jedes aus einer bestimmten Provinz der Südküste m~mmm~m~~” stammt. Sie sind also am ehesten ethnische Klane. Obwohl nur Volksschüler, gründete Chin die Commer-cial Bank of Hong Kong und die Bangkok Bank und machte sie zu Großbanken. Letztere galt 1993 als eine der fünf ertragsstärksten Banken der Welt. Insgesamt verfügt heute die Teochiu-Führung über ein weltweites Bankennetz mit eigener Satellitenkommunikation. Wie in der Vergangenheit, so ist auch heute die Grenze zwischen legalem und illegalem Geschäft sehr undeutlich. Von den Teochiu nimmt Seagrave an, daß sie den Heroinhandel für die Thai-Armee managten. Trotzdem darf man diese Klane nicht - wie üblich - mit den Triaden verwechseln, gewissermaßen der chinesischen Version der Mafia.

Oft nach harten Konkurrenzkämpfen, richtet so ein Klan in einem Gebiet einen Kongsi ein. Das ist keine verbrecherische Triade, sondern eine Organisation, die über spezialisierte Unternehmen sämtliche Aktivitäten integriert: Geschäftstätigkeit, Schulen, soziale Versorgung, sogar die Sicherheit der Mitglieder wird durch eine inoffizielle Miliz gewährleistet. Und selbstverständlich übernimmt der Kongsi die \ erwaltung von Einkünften, Kapital und Investitionen.

Dabei steht ihm ein weltweites Netz von Kongsis des Klans zur Verfügung. In Wien scheint ein international noch nicht sehr lange auftretender Klan einen Kongsi errichtet zu haben, der Wu-Klan aus Shanghai, der seine Landsleute in allen Einzelheiten betreut, so mit einem deutschchinesischen Kalender, der alle wichtigen Wiener Adressen enthält. Ebenfalls in Wien wurde, laut jüngsten Pressemeldungen, die Maculan-Gruppe von der Hongkong Shanghai Investment Bank über die Era-Bau mit der Übernahme eines 76-Prozent-Anteils und frischen 400 Millionen Schilling mit der üblichen Diskretion aus der ärgsten Bredouille gelotst.

Auf nationaler Ebene treten die Klans als Konkurrenten auf, weltweit unterstützen sie sich einander. In Zeiten der Globalisierung haben sie sich längst global installiert. Ihre Kolonien sind schon lange nicht mehr auf die Anrainer des Indischen Ozeans beschränkt. Die Ressourcen, über die das Wirtschaftsimperium der Auslandschinesen verfügt, sind gewaltig. Das Bruttosozialprodukt der 55 Millionen mmmmmmmmmmmm^^ Auslandschinesen liegt bei rund 450 Milliarden Dollar: „Weltweit verfügen sie wahrscheinlich über ”mmmm^~ liquides Kapital (Wertpapiere nicht eingerechnet) im Wert von 2.000 Milliarden US-Dollar.” Seagrave spricht von weltweiten Investitionen, hauptsächlich aber im pazifischen Raum. Mit etwa 70 Milliarden Dollar Investitionen und Krediten stünden sie an erster Stelle aller Investoren in der Volksrepublik China, doch ihr Hauptinteresse gelte den Staaten am Pazifischen und Indischen Ozean, danach den Industriestaaten insgesamt und erst an dritter Stelle China.

Chinas Regierung, so Seagrave, habe China wieder einmal geöffnet und könne es genauso gut wieder schließen. China könne aber auch an der neuen Wirtschaftspolitik zerbrechen, die den Provinzen immer mehr Rechte einräumt. Die Daten lassen beides gleich wahrscheinlich erscheinen. Leider analysiert Seagrave nicht, was sich in der chinesischen Gesellschaft völlig neu entwickelt. Die Tradition allein ergibt vielleicht doch nicht das ganze Bild.

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