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CHOPIN -SZOPEN

Im Pariser Friedhof Pere Lachaise ist sein Körper bestattet, und zu jeder Jahreszeit liegen Irische Blumen am Fufj des prunkvollen Steins. In der Kirche zum Heiligen Kreuz in Warschau wurde, auf Chopins Wunsch, sein Herz in einer Urne beigesetzt. Diese hatte man 1939, kurz vor der Beschießung Warschaus, in Sicherheit gebracht, und so blieb dieses den Polen teuere Symbol unbeschädigt. In den Jahren 1926 bis 1929 hatte Marschall Pilsudski den Versuch gemacht, auch Chopins Gebeine nach Polen überführen zu lassen. Aber die Franzosen sahen nicht ein, weshalb sie auf „ihren Chopin“ verzichten sollten. Denn zur Hälfte — mindestens — gehört er ja ihnen. Denn hier in Paris hafte er sich dauernd niedergelassen, hier wurde er zu dem, den die Welt bewundert — und schließlich war ja auch sein Vater Franzose.

Aber das wurde eine Zeitlang nicht nur von übereitrigen Polen bestritten, sondern diese französische Abstammuna wollte man

auch in Chopins eigener Familie nicht wahrhaben. Tafsache war zwar, dafj Chopins Vater als Sechzehnjähriger aus Lothringen einwanderte, dieser überaus tüchtige Nicolas Chopin, der als kleiner Buchhalter in einer Tabakfabrik anfing, Hauslehrer wurde und es schließlich zum Professor für französische Sprache und Literatur an der Schule für Artillerie und Ingenieurswesen in Warschau brachte. Er hatte am Freiheitskampf Kasciuszkos teilgenom-mW -uurft war Pole(geworderi. Geworden? Er'war es, nach der Familiehlegende, immer Irecgewesen Oeiäs ton WSn

Szopen, Einer'von ihnen war im Gefolge des polnischen Königs Stanislaus Leszczynski nach Nancy gekommen. Und von diesem Polen also stammen angeblich Nicolas und Fryderyk — so schreibt man den Namen polnisch — ab.

Aber das ist, wie gesagt, eine Legende, der zuletzt Ludwig Kusche den Boden entzogen hat. In dem Weinbauerndorf Marainville im Departement Vosges, von wo Chopins Vater ausgewandert ist, gibt es nämlich heute noch Chopins, und der Name spiegelt den Beruf der Sippe. „Une chopine“ heißt französisch „ein Schoppen“, und „chopiner“ bedeutet „zechen“. Außerdem gibt es in Frankreich weitere berühmte Chopins: einen Rechfs-gelehrfen im 16. und einen Dichter im 19. Jahrhundert, die aber mit dem Komponisten Chopin nicht nachweislich verwandt sind.

Dieser wurde 1810 in Zelazowa Wola, nicht weit von Warschau, geboren. Das genaue Geburtsdatum, wie es später festgestellt wurde, stimmt nicht mit jenem überein, das Chopin anzugeben pflegte. Ein weiteres Paradoxon: Fryderyc Chopin kam weder als Pole nach als Franzose, sondern als sächsischer Untertan zur Welt, denn das damalige Warschau wurde von König August Friedrich von Sachsen beherrscht... 1829 berichtet der Schles'er Josef Eisner über seinen Schüler: „Szopen Friderik. Besondere Begabung, ein musikalisches Genie.“ Eisners Namensschreibung ist anfechtbar, was er über Chopin sagte, nicht.

Denn Chopin — oder'Szopin, Fredeic oder Frydrych oder Friderik oder Frydryk (im Wi ener Meldezettel figuriert er als Friedrich Schopine) ist nicht nur ein musikalisches Genie, sondern auch ein Genie besonderer Art. Im Lauf von 30 Jahren haf er rund 200 Werke geschrieben, von denen er 150 durch den Druck autorisierte. Keine Oper, keine Symphonie, kein Oratorium. Einige Lieder, ein paar Kammermusikstücke, zwei Klavierkonzerte und 150 Klavierstücke, von denen 120 auch heute noch ständig auf dem Programm von Klavierobenden und Rundfunkkonzerten stehen. Man spielt — und liebt — diese bis in die feinste Faser mit seinem Polentum imprägnierte Musik in der ganzen Welt. Und Chopins Kunst, die man als „typisch 19. Jahrhundert“ und „Salonmusik“ katalogisieren wollte, hat der Zeit standgehalten wie kaum eine andere. — Chopins Klaviermusik klingt wie improvisiert. Aber sie ist in mühseliger Kleinarbeit entstanden. George Sand, seine langjährige Freundin, bezeugt, daß er an einer Seite oft sechs Wochen und länger gearbeitet hat. Und jedes Stück ist anders. Chopin wiederholt sich nie (das eindrucksvollste Beispiel hierfür sind die 41 Mazurkas: jede ist eine kleine Welt für sich). Chopin war ein Ausdruckskünstler ersten Ranges, aber kein Programmusiker. Die Titel seiner Werke heihen: Preludes, Etüden, Impromptus, Nocturnes usw. Die ihnen später von geschäftstüchtigen Verlegern gegebenen, wie „Adieu ä Varsovie“, „Banqiuef internal“, „Soupirs“ oder „Regentropfen“, hätte er ebenso verabscheut wie die Chopin-Filme und Chopin-Romane ...

Den Menschen Chopin haben nur sehr wenige gekannt. Diese wenigen waren seine polnischen Landsleute in Paris — und George Sand, das emanzipierte Mannweib, Verfasserin von 109 Büchern, darunter auch leider des Schlüsselromans „Lukrezia Floriani“, in dem sie, in der Figur des Prinzen Karol, ein Bild Chopins zeichnete. Solche Dinge waren für Chopin so unbegreiflich, dafj er sich nicht einmal darüber entrüstete, sondern nur kalt erklärte: das sei er nicht.

Nur wenige haben ihn gekannt, aber auf alle, die ihn auch nur einmal sahen, hat- er einen unverwischbaren Eindruck gemacht. Liszts Freundin, die Gräfin d'Agoulf, sagt von Chopin: „Das einzig Zuverlässige bei ihm ist sein Husten.“ Er war zart an Körper und Geist, ja überzart (in Chopins Reisepaß aus dem Jahr 1837 ist sein Wuchs mit 170 Zentimeter angegeben, und eine Notiz aus dem Jahr 1840 besagt, dah er knapp 50 Kilogramm gewogen hat). „Schön von Ansehen, wie eine große, tiefbefrübte Frau“, so beschreibt ihn die mitteilungsfreudige George Sand, und Charles Legouve hat beim ersten Zusammentreffen den Eindruck, „dem traumgeborenen Sohn Webers und einer Herzogin“ begegnet zu sein. Der — viel erfolgreichere — Pianist und Salonkomponist John Field nannte ihn „ein Krankenhaustalent“, und Hector Berlioz sagte von ihm: „Er ist sein ganzes Leben lang gestorben.“ — Einer der wenigen Künstler, mit denen Chopin befreundet gewesen ist, war Eugene Delacroix, von dem die einzige Zeichnung stammt, der wir trauen dürfen. (Wir reproduzieren sie am Kopf dieses Essays.) Er nannte Chopin seinen „engelsgleichen Freund“. Das treffendste Urteil hat wohl Moscheies abgegeben: „Wem Chopin gleicht? Seiner Musiki“

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