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Der Frankfurter Fürstentag

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Die Selbstberufung Bismarcks an die Spitze der preußischen Regierung und die energische Überwindung des Konflikts zwischen Krone und Parlament hatten auf das übrige Europa, vor allem auf den Deutschen Bund, alarmierend gewirkt. Denn gleichzeitig ließ es Bismarck auch nicht an außenpolitischer Programmatik, betreffend die Lösung des deutschen Dualismus, fehlen. Wer ihn von seiner Tätigkeit als preußischer Gesandter am Deutschen Bundestag kannte, wußte, welchen Weg die deutsche Frage nunmehr nehmen würde. Mit einer die damalige Diplomatie oft verblüffenden Deutlichkeit gab der preußische Ministerpräsident seine politischen Absichten und Ziele bekannt, er beschritt den Weg der „Erfolge und Tatsachen” und war bereit, sich dabei nicht an Beschlüsse und Verträge zu halten, sondern seinen Weg sich auch mit „Eisen und Blut” zu erzwingen, da nach seiner Auffassung „Preußen es nicht mehr nötig hatte, seine Politik mit dem räudigen Hermelin des deutschen Patriotismus aufzuputzen”.

Der Wiener Reformplan

Um so mehr bemühte sich Österreich als die Prinzipalmacht des Deutschen Bundes, die deutsche Frage auf föderativer Grundlage in friedlicher Weise zu lösen. Für diese Bemühungen hatten Kaiser Franz Joseph und seine Berater im Blick auf das letzte schwere Jahrzehnt zwei ernste Verluste zu verzeichnen: Anfang 1852 schon war — allzufrüh — Fürst Felix Schwarzenberg, der Sieger von Olmütz, und Anfang 1861 Friedrich Wilhelm IV. von Preußen verstorben. Mit Schwarzenberg an seiner Seite und dem bundestreuen Preußenkönig an der Spitze seiner fürstlichen Vertragspartner hätte der Kaiser dem Frankfurter Fürstentag ein weit positiveres Ergebnis abgewonnen. Doch auch Graf Rechberg mühte sich ernstlich um eine konstruktive Erneuerung des Deutschen Bundes unter positiver Mitwirkung aller seiner Glieder. So. hatte,,das Wiener Kabinett einen ftefortnentwurf ausgėarbeitet, nach dem das Präsidium des Bundes einem „Fünfmächte-Direktorium” übertragen werden sollte. Dieses sollte, durch einen Bundesrat ergänzt, .die Bundesversammlung in ein Parlament von 300 Abgeordneten umwandeln, von denen

Das „Njet” des Preußenkönigs

Diesen Plan legte Kaiser Franz Joseph Anfang August 1863 König Wilhelm I. von Preußen in Gastein vor, zugleich mit der Einladung nach Frankfurt für den 16. August. Die Einladung fand bei den meisten deutschen Bundesfürsten lebhafte Zustimmung. Zuerst gaben Hannover und Sachsen ihr Placet, darnach auch die süddeutschen Staaten. So wurde der Kaiser auf seiner Fahrt nach Frankfurt von großen Hoffnungen und Erwartungen begleitet; nach kurzen Aufenthalten in München und Stuttgart wurde er in Mainz besonders herzlich begrüßt. Hier empfing Bischof

Wilhelm Emanuel von Ketteier den Kaiser auf den Stufen des Kaiserdoms und gab mancher Hoffnung auf eine zeitgemäße Erneuerung der alten Reichsherrlichkeit beredten Ausdruck in einer Haltung, die der große Sozialbischof mit so vielen deutschen Patrioten seit 1848 teilte. In Frankfurt wurde der österreichische Reformplan in verhältnismäßig kurzer Zeit mit einigen Änderungen, die vor allem bayrische Wünsche berücksichtigten, mit 24 von 32 Stimmen angenommen. Seine Durchführung aber scheiterte am Versagen Preußens, am Fehlen des preußischen Königs.

Diese vorsätzliche Absenz ist durch die melodramatische Schilderung Bis- smarcks in dessen „Erinnerung und Gedanke” mehr als bekannt,ge.wqrden; das anfängliche Schwanken des Königs gegenüber der Einladung von „dreißig gekrönten Häuptern”, die ihm auch noch Johann von Sachsen, „einen König als Kurier”, nach Baden-Baden gesandt hatten. Neue Forschungen sind freilich zu dem Ergebnis gekommen, daß Wilhelm I. dieses Versagen gar nicht so schwergefallen ist, wie es nach der Bismarckschen Darstellung erscheint. In einem in den „Preußischen Jahrbüchern” um die Jahrhundertwende veröffentlichten Briefwechsel des Königs mit seinem Schwager Karl Alexander von Weimar bedauert Wilhelm lebhaft diese ganze Frankfurter „Mise en scene” und warnt den bewußt großdeutschen Wettiner eindringlich davor, dem „Charme des Kaisers zu verfallen” und den österreichischen Hegemonieplänen Vorschub zu leisten. Wie weit allerdings diese Warnungen vom Geist Bismarcks diktiert waren, läßt sich natürlich nicht genau feststellen.

Es war der letzte Versuch…

Jedenfalls hat das Fehlen des preußischen Königs in Frankfurt, sein „Njet” an die illustre Versammlung, über das weitere Schicksal Deutschlands und damit Europas mitentschie- den. Es gab Bismarck den Weg für seine pragmatische Politik frei und ließ ihn jenen Krieg vorbereiten, der ihm drei Jahre später die Möglichkeit gab, Österreich von der Spitze und aus dem Bereich des Deutschen Bundes zu verdrängen. Das ist jener Krieg, von dem Moltke in aller Offenheit bekannte: „Der Krieg von 1866 ist nicht aus Notwehr gegen die Bedrohung der eigenen Existenz entsprungen, auch nicht hervorgerufen durch die öffentliche Meinung und die Stimme des Volkes. Es war ein im Kabinett als notwendig erkannter, längst beabsichtigter und ruhig vorbereiteter Kampf nicht um Ländererwerb, Gebietserweiterung oder materiellen Gewinn, sondern für ein ideales Gut — für Machterweiterung.” Damit wies Moltke aber auch jener determinierten preußischen Geschichtsauffassung und -darstellung den Weg, den ihre Flauptideologen Svbel und Treitschke mit verblüffender Einseitigkeit beschritten und dem sich selbst Ranke mit seinen Schülern nie ganz entzogen hat. Drei Generationen sind in diesem Geist der „Gesta Dei per Borussos” „ausgerichtet” worden, und erst unsere Gegenwart bemüht sich um ein neues Geschichtsbild, das diese Vorbehalte gründlich korrigiert.

Mit der Verdrängung Österreichs aus dem Deutschen Bund entstand nämlich noch eine Schwerpunktverlagerung, die den Kaiserstaat immer mehr nach Südosteuropa ablenkte. Und gerade dies wollte Kaiser Franz Joseph um jeden, wahrhaftig um jeden Preis vermeiden. Daher sein verzweifelter Widerstand gegen alle „revanchistischen” Verlockungen des Westens, gegen das.

Angebot einer Rückgabe der Lombardei mit „Kompensationen” am Rhein (1862) und das laute „Revanche pour Sadova” noch 1870! Er wußte, wie sehr die Donaumonarchie — nach C. J. Burckhardt das letzte, echte Reichsgefüge der Vergangenheit in Europa — des Rückhalts im und am deutschen Kulturraum bedurfte. Nur mit ihm vermochten die „zentrifugalen.

Kräfte” innerhalb der alten Monarchie im rechten Gleichmaß gehalten zu werden. Ohne dieses von Bismarck zerstörte Gefüge aber verhärtete der magyarische Raum immer mehr zu nationalistischem Widerstand, während die slawischen Völker im mächtigen Rußland ihren Rückhalt suchten und fanden. (Nach 1918 zerfielen sie in das Stückwerk der „Nachfolgestaaten”, nach 1945 wurden sie als Satellitenstaaten in den sowjetischen Ostblock gezwungen.)

All dies wurde mit dem preußischen „Njet” vor hundert Jahren begonnen, mit der Vereitlung des Frankfurter Fürstentages, von dem Heinrich von Srbik sagt: „Es \yar der letzte, von Ernst und echter Tragik erfüllte großdeutsche, von Österreich geleitete Versuch, dem alten Bund neue Lebenssäfte einzuflößen…” Nach der kurzlebigen Scheinblüte des Bismarckreiches, nach den Katastrophen zweier Weltkriege, die uns den Verlust der Mitte brachten, haben wir allen Anlaß, dieser Bemühungen zu gedenken und sie wenigstens für die Klärung unseres europäischen Denkens auszuwerten.

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