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Der Proze und der Auferstandene

Der Prozeß Jesu vor Kaiphas und seinem Synedrium, vor Pontius Pilatus, dem Repräsentanten des römischen Imperiums, ging letal aus. Von oben gesehen, ist alles göttlicher Ratschluß; aber von unten gesehen, erhebt sich die Frage, ob das so sein mußte. Gewiß nicht im Sinne eines marionettenhaften Geschichtsablaufes, bei dem die menschlichen Handlungen nichts anderes als die mechanischen Ausführungsbewegungen eines göttlichen Vorher-bestimmungsimpulses wären; denn das Drama der Weltgeschichte und des Einzellebens wäre entwürdigt und aufgelöst, wenn die Freiheit der geistigen Kreatur Mensch von oben her ausgelöscht würde, was unmöglich ist, weil es gerade der Mensch ist, der gottesebenbildlich und deshalb personal und frei gedacht und geschaffen wurde. Wenn das so ist — hätte es sein können, daß sich unter den Zwölfen kein Judas gefunden hätte, det um den Preis von 30 Silber-schekeln seinen Herrn verriet? Daß sich im Synedrium eine demokratische Mehrheit zugunsten Jesu gefunden hätte, daß ein anderer als dieser karrieresüchtige Beamte Statthalter in Judäa gewesen wäre oder Pontius Pilatus mehr Charakter und Konsequenz gezeigt hätte, als sich nutzlos und heuchlerisch die Hände „in Unschuld“ zu waschen? Aber gewiß: der Prozeß des Herrn bleibt, so oft wir ihn lesen, erregend wie da auch, als Petrus im Hofe des Hohenpriesters auf seinen Ausgang wartete. Immer wieder möchten wir meinen, es müßte einen anderen als diesen, den unglaublichen Ausgang geben. Aber es bleibt als Faktum bestehen: „Gekreuzigt unter Pontius Pilatus.“ Und: wäre es heute anders? Ist es heuchlerisch, den Juden zuzuschreiben, daß Christus verurteilt wurde? „Er kam in Sein Eigentum und die Seinen nahmen Ihn nicht auf.“ Ob Ihn aber heute die „Seinen“ aufnehmen würden und wie sie Ihn aufnehmen würden? Zum Teil sind diese Fragen müßig, zum Teil unbeantwortbar. Sicher ist nur, daß ein tieferer, ein metaphysischer Grund den tödlichen Ausgang Seines Prozesses verursacht hat: die Sünde einer ganzen Jahrhunderttausende währenden Geschichte einer ganzen menschlichen Welt.

Und trotzdem ist die methodische Frage nicht uninteressant: Wer von uns würde Ihm heute den Prozeß machen? „Herr, bin i c h es?“ fragte nicht nur der tatsächliche Verräter beim Abschiedsmahl. Und die Antwort auf diese Frage ist zugleich die Antwort auf die Gründe!, warum er heute faktisch abgelehnt und verurteilt wird. „Saulus, warum verfolgst du M i c h“, fragte der himmlische Christus vor Damaskus und Saulus verfolgte doch „nur“ seine Kirche! So läßt sich auch heute feststellen, von wem Christus verfolgt würde, nein wird, und auch, in etwa, warum.

Man könnte einwenden: Die Christen sind nicht Christus. Ihnen wird gerade der Prozeß gemacht, weil sie nicht Christus sind und die Welt darüber empört ist, daß sie diesen Abstand zeigen, daß sie diese Karikatur des Meisters bilden, dessen Namen sie freventlich tragen. Gewiß: die Christen haben eine kaum erreichbare Norm mitbekommen, und man nimmt es ihnen mehr als irgend jemand anderem übel, wenn sie unter dieser Norm zurückbleiben. Man hat, mit Recht, ein feines Gefühl für die Heuchelei, die in ihren anspruchsvollen Forderungen einerseits, und ihrer dürftigen Existenz anderseits beschlossen liegt. Christen stellen die Welt unter Gericht, was Wunder, wenn sie selbst gerichtet werden. Und das Gericht muß doch zuallererst beim „Hause Gottes“ anfangen, „damit wir nicht mit dieser Welt verworfen werden“ — so sagt schon Petrus, der erste Papst. Gewiß haben Christen das böse Schauspiel mörderischer Völkerkriege, ja Glaubenskriege gegeben, haben sie politische und militärische Gewalt als Propaganda-Methode für das Evangelium verwendet, haben die Hierarchen nicht immer das Prophetische gegen Christus und NichtChristen gefunden, wenn die soziale Gerechtigkeit (und das nicht nur in Einzelfällen) verletzt wurde. Der historische Sündenkatalog derer, die sich Christen nennen, ließe sich unschwer und nicht unbeträchtlich vermehren. Aber das beweist nicht, daß sie nur um ihrer unableugbaren Aergernisse willen verurteilt und verfolgt werden. Nicht umsonst steht geschrieben: „Haben sie Mich verfolgt, werden sie auch euch verfolgen.“

Und welches sind die Gründe dafür, damals und jetzt? Es sind verblüffenderweise die gleichen. Natürlich die Sache mit dem Cäsar. Denn die Christen haben einen Herrn, und dieser hat sich als mächtig bekannt, wenngleich Er hinzugefügt hat, daß Sein Reich „nicht von dieser Welt“ sei. Aber es genügte Pontius Pilatus und den Heutigen, daß Er ein Reich beansprucht, das in dieser Welt sein will (und nicht nur „im Himmel“). Daran stoßen sich der Cäsar und seine Satelliten. Die totale Macht will keine, auch keine spirituelle Macht, neben sich dulden. Sie weiß, welche Beschränkung das Christuswort in sich schließt: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist.“ Steuern — aber nicht Seele und Gewissen; bürgerliche Disziplin — aber nicht Anbetung. Aber das „große Tier“ will es nicht billiger geben. Dem Diktator ist auch zugeflüstert worden: „Dies alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.“ Aber er, der Antichrist von Affekt und Passion, hat nicht geantwortet: „Hinweg, Satan, den Herrn, deinen Gott sollst du anbeten.“ Deshalb empört ihn der Nachsatz: „Gebt Gott, was Gottes ist.“ Gerade das aber möchte er sich aneignen, und wenn es nötig ist und die Propaganda versagt, auf dem Wege der Gehirnwäsche und anderer handgreiflicher Torturen. Daß es den Papst neben dem Kaiser gibt und Christen, die sich seinem milden Hirtenamt unterstellen, stellt allein schon ein Crimen laesae majestatis dar. Der Cäsar-Antichrist ist ein „eifernder Gott“ und läßt nicht gelten, was nicht Funktion seines Systems wäre. Das Uebernatürliche ist ihm, weil unkontrollierbar, an sich schon ein Greuel, obwohl es seine Ideologen und Propheten, längst als „Ueberbau“ einer Klassenmentalität des „Systems“ von gestern diffamiert und seine Apologeten als nichtexistent erwiesen haben. Die Kirche will kein Staat im Staate und der Papst will kein Cäsar sein. Aber man nimmt ihr übel, daß sie einen Leib hat und sich nicht mit der privaten Religiosität des „Kämmerleins“ begnügt; man will ihr den Charakter der „Oeffentlichkeit“ und des „Rechtes“ nehmen; man erträgt ihren Ursprung von oben her und nicht von Staats wegen schwer und möchte sie als Funktion der Staatsmacht oder als Verein sehen, der allen Schikanen der Vereinsbehörde unterworfen ist und dessen Existenz von der Nichtuntersagung, vom Placet des Staates abhängig ist.

Totalitäres, etatistisches Denken kann sich auch unter demokratischen Formen tarnen. Der unsichtbare Geist ist noch von keinem menschlichen Gericht verurteilt worden, wohl aber der fleischgewordene. Wäre die Kirche eine Geistesbrüderschaft, aber nicht der Leib des fleischgewordenen Wortes — sie schiene erträglicher, gleich den synkretistischen Anthroposophen Hätte das Christentum seinen Christus in das Pantheon der Götter und Heroen und „seligen“ Cäsaren versetzen lassen oder könnte es auch nur den Aphorismus „Gott und Götter“ ertragen — das Kreuz von Golgotha und die Priester-Konzentrationslager von heute wären nicht errichtet worden. „Ein Herr“, diese Devise des Paulus ist es, die herausfordert; auch wenn dieser Herr in dieser Weltzeit kein Weltreich zu gründen gedenkt („non eripit mortalia qui regna dat caelestia“!) und Seine Kirche kein chiliasti-sches Imperium sein will, was gerade die Intention der Cäsaren und demokratischen Messianis-men unserer Zeit ist. Scheint es nicht so, als ob man es Christus übelnähme, nicht aus Steinen Brot gemacht zu haben? Hat man ihm nicht deshalb Barabbas vorgezogen? Ist das Kreuz nicht deshalb skandalös, weil es das Paradies auf Erden verweigert, obwohl es wie kein anderes Feldzeichen und Völkerzeichen der Geschichte die Menschenliebe predigt und zum. Kriterium von Heil und Unheil macht? Man will den falschen Gott auf Erden, der das Unmögliche verspricht und das Glück aller mit der Versklavung aller bezahlen will'. Man opfert seine Seele der Sicherheit seines Totalsystems, um Terror und Weltkrieg auszutauschen.

Aber Christus ist auferstanden. Er konnte getötet, aber nicht ausgelöscht werden. Er allein hat den Tod überwunden, die neue Gerechtigkeit gebracht und den Frieden gestiftet zwischen Gott und Mensch und deshalb auch zwischen Mensch und Mensch. Der Gekreuzigte ist der Garant der Freiheit, der Auferstandene die Verheißung und die Gewißheit einer „neuen Erde“. Den Pseudomessiassen wird die Geschichte — unter Blut und Tränen — selbst den Prozeß machen. Christus, der Gekreuzigte, nein, der Auferstandene, wird bleiben. Und Seines Reiches wird kein Ende sein.

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