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Ein großer Europäer: Grigore Gafencu

Grigore Gafencu, zu Bukarest am 30. Jänner 1892 als Sohn des Generaldirektors der rumänischen Eisenbahnen geboren, hat die entscheidenden Jahre seiner Erziehung im französischen Sprachraum verbracht. Aus der Welschschweiz nahm er fürs Leben seine politischen, demokratischen und dennoch die Tradition wahrenden Ansichten mit. Dort wurde sein natürliches lateinisches Formgefühl gepflegt und ihm die gründliche humanistische Schulung gegeben. Nachdem sich aber sein Charakter als Mensch, als Politiker und als künftiger Schriftsteller in der helvetischen Stille gebildet hatte, verlieh Paris seinen vielfältigen Talenten die anmutige Leichtigkeit des Ausdrucks und des Aus- wertens, die nur ein Verweilen in der großen Welt zu bescheren vermag. Der schöne, geistreiche Jüngling, der in Salons und Boudoirs viele Triumphe feierte, lernte den Ernst des Daseins zuejcst als Flieger in einem französischen Luftgeschwader kennen. Er bestand diese Probe so glänzend wie alle späteren Prüfungen auf den mannigfachsten Posten. Nach dem ersten Weltkrieg widmete sich Gafencu, heimgekehrt, der Politik, und zwar als Publizist, der mit Witz, enzyklopädischem Wissen, funkelndem Stil den außenpolitischen Weltkurs Großrumäniens und nach innen die Sache der Bauernpartei Manius und Vajda-Voevods verfocht. Er war Eigentümer und Leitartikler zweier führender Tageszeitungen, bekämpfte die Konservativen, hielt nicht viel von den Liberalen, sah die von der äußersten Linken wie von den Rechtsextremisten drohenden Gefahren, und er erblickte, ohne sich über die Möglichkeiten seiner eigenen Partei, der Tsaranisten, Täuschungen hinzugeben, in ihr den Mittelpunkt, um den sich eine vernünftige, anständige Realpolitik seines Landes, in enger Verbündung mit dem Westen, kristallisieren konnte.

Weil er, gleich den Führern seiner Fraktion, in König Carol II., der vielen, insbesondere moralischen Schwächen dieses Monarchen ungeachtet, den besten Garanten einer derartigen Entwicklung sah, trat er eifrig für die Rückkehr des ein erstes Mal vertriebenen Herrschers und dann für dessen Regime ein. Den halbtotalitären Träumern wie Octavian Goga und erst recht den Leuten vom Lager des Erzengels Michael, den gewalttätigen mystischen Schwärmern um den später ermordeten Codreanu und um Horia Sima, war Gafencu höchst verhaßt: um seines klaren, leuchtenden Verstandes willen, wegen seiner spöttischen Zunge und ob seines humanitären Europäertums. Er hatte auch sonst nicht wenig Feinde, und das war mit eine Ursache, daß dieser außergewöhnliche Geist, der die Welt, ihre Geschichte und ihre führenden Männer kannte wie kein zweiter in seiner Heimat, außer und nach dem großen Historiker und Patrioten Iorga, Jahre hindurch auf die längst fällige Ernennung zum Minister warten mußte, obgleich er inzwischen die graue Eminenz und, noch mehr, die „substance grise", die Hirnsubstanz, mancher Regierung gewesen war. Als er 1938 das Ressort des Aeußeren erhielt, konnte er die über ihn hinwegrollende Entwicklung nicht aufhalten, weder die enge Verknüpfung mit Hitler noch die Abtretung Bessarabiens an die Sowjetunion. Zum Zeichen des Protestes gegen diese Zession hat er seine Demission überreicht, doch er erklärte sich be-

reit, in Moskau als Gesandter die Interessen seiner Heimat zu vertreten. Dort beobachtete er mit gewohnter Hellsicht die heraufziehenden Wolken, bis zum Tag der Katastrophe, als an jenem verhängnisvollen Junitag die deutschen Truppen in die UdSSR eindrangen. Rumänien mußte sich bald darauf an der Seite des Dritten Reiches in den Kampf stürzen. Gafencu wurde — als notorischer Gegner dieser Politik und als Frankophile, Anglophile — aus der Diplomatie ausgestoßen, später seiner Nationalität verlustig erklärt und, abwesend, zu vieljährigem Kerker verurteilt. Das Urteil, das ihn, der die Freiheit gewählt hatte, theoretisch eben dieser Freiheit beraubte, war schon das Werk der rumänischen Volksdemokratie. Es bestätigte dem „Verbrecher“, wie richtig er von jeher gesehen hatte, als er die totale Diktatur jeder Färbung für eine einzige Kakophonie in voneinander verschiedenen Tonarten betrachtete. Der hochgesinnte und kluge Diplomat verzichtete darauf, wie so viele seiner Landsleute und Berufsgenossen, sich durch erheuchelte Unterwürfigkeit die Gunst der einander ablösenden Zwingherrn seines Landes für eine Weile zu erkaufen. Er buhlte weder um Antonescus noch um Horia Simas Gunst, nicht um die der Anna Pauker oder Gheorghiu-Dejs. Er war damit zufrieden, nach der Schweiz rechtzeitig entronnen zu sein, wo er ab 1941 in Genf Zuflucht nahm. Von da übersiedelte er 1947 nach Paris.

Jetzt erst, nach seinem endgültigen Ausscheiden aus der aktiven Politik in seiner ihm verlorenen Heimat, begann für Gafencu die fruchtbarste Periode seines Erdenwallens. Der Fünfzigjährige legte ein Tagebuch an, das dereinst für die Historiker eine unvergleichbare Fundgrube zur Geschichte unserer Zeit sein wird. Er gewann oder erneuerte Kontakt mit der geistigen, gesellschaftlichen und politischen Elite der gesamten freien Welt. Innerhalb der Emigration aus dem europäischen Osten durfte er eine bevorzugte Stellung beanspruchen. Im Widerstandsrat der freien Rumänen, später in der allgemeinen Organisation der Exulanten aus den Volksdemokratien, spielte er eine maß-

gebende Rolle; stets im gemäßigten Sinne, als Wortführer des nüchternen Verstandes und dabei der aufs Politische angewandten Ethik. Auch da von Ueberschwang frei, war er ein gläubiger Christ und ein echter Menschenfreund. Doch das, was ihn vor allem bei der Nachwelt einen glorreichen Namen sichert, das sind seine bereits klassisch gewordenen Werke zur Zeitgeschichte: „Prėliminaires de la Guerre ä l’Est“ und „Les derniers jours de l’Europe" (1944 und 1946 erschienen, auch Deutsch 1945, 1946). Sie gehören zu jenen wenigen Büchern, die, obgleich von Ausländern geschrieben, in der fran- zöischen Literatur einen Ehrenplatz einnehmen.' Ein eleganter Weltmann erzählt da die Ereignisse, deren Zeuge er gewesen ist oder von denen er zuverlässige Kunde erhalten hat, im Ton eines unter der Hülle liebenswürdiger Oberflächlichkeit sehr tiefen Salongesprächs. Der Quellenwert der Aussagen und der be-

richteten Sachverhalte ist hervorragend, dank der kritischen Urteilskraft des Autors und der Möglichkeiten zu allseitiger Information, die ihm zu Gebote standen. Gafencu besitzt die Fähigkeit, Landschaften, Zustände, Ereignisse, Gruppen und Einzelmenschen mit einer Eindringlichkeit zu schildern, die ihresgleichen sucht. Er verfügt dabei über das Pathos und über die Ironie eines Saint-Simon — des Memoirenschreibers und nicht etwa des sozialistischen Wirrkopfes —; er nimmt nichts so ernst, daß er nicht die lächerliche Kehrseite auch der miterlebten Tragicomedie inhumaine erfaßte, und nichts so leicht, daß er an spärlich überdeckten Abgründen scherzte. Seine Moskauer Momentaufnahmen sind von niemandem übertroffen, nicht einmal von seinen beiden amerikanischen Kollegen, deren Bilder aus dem kommunistischen Mekka wahrlich des Beschauens wert sind. Unvergeßlich bleibt einem etwa die Beschreibung der „Ring“-Aufführung im Moskauer „Bol- schoi Teatr", bei der, während kaukasische Rheintöchter in verführerischer Ueppigkeit ihr unterflüssiges Ballett tanzsingen, die Staatsmänner über Wehe und Wehe (wer spricht da von Wohl?) der Welt beraten. Und schon heißt es „Loge, her!“ Der Feuerzauber beginnt, ein Kontinent, der Erdkreis, steht in Flammen ... Oder das Gespräch mit Beck; die Bukarester Götterdämmerung vor dem großen Brand, in dem Horia Simas Eiserne Garden und Auschnitts, des Waffenfabrikanten, eiserne Stirn zerschmelzen; die subtile Analyse des Zweikampfes der beiden Antipoden Hitler und Stab'n, die sich in gegenseitiger Haßliebe verzehren.

Gafencu ist gleich bedeutend als Wortkünstler, als politischer Denker und als praktischer Staatsmann, der Wege in die europäische Zukunft weist. Zeitweilig mochte es scheinen, als sei es mit ihm, dem Emigranten, und mit den Uebermächtigen, gegen die er, ohne Hoffnung auf baldige Umkehr der internationalen Lage, auftrat, -wie mit dem Weisen und dem Dummen in Krasickis Fabel: „Madry przedysputowal, lecz glupi pobil", „Der Weise hat im Disput gesiegt, doch der Dumme beim Prügeln“. Auf die Dauer werden trotzdem Vernunft und Moral die Oberhand behaupten. Diese Ueber- zeugung hat den Illusionslosen in seiner zweiten Heimat gestärkt, wo ihn Liebe, Verehrung und Bewunderung umgaben. Sie strahlte auf die letzten Monate seiner durch ein schweres Herzleiden überschatteten Existenz, die am 29. Jänner 1957, am Vorabend seines 65. Geburtstages, zu Paris endete.

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