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Ein römischer Herrensitz im Burgenland

Die großen Grabungen, die das österreichische Archäologische Institut mit finanziellen Mitteln der burgenländi-schen Landesregierung seit Mitte Juli dieses Jahres beim Heidehof zwischen Parndorf und Bruckneudorf unternimmt, waren heuer von besonderem Erfolg begleitet.

Das fruchtbare Gebiet östlich der Leitha, das zur weiteren Umgebung von Carnuntum gehört, ist schon seit Jahrzehnten als Fundplatz römischer Antiken bekannt. Vor rund 50 Jahren hat Söter in nächster Nähe des Grabungsplatzes ein großes Gräberfeld mit interessanten Bojergrabsteinen aufgedeckt. Auch auf dem Ruinenhügel, auf dem jetzt gegraben wird, wurde vor zwei Jahrzehnten eine kleine Versuchsgrabung unternommen, doch haben erst die heurigen Grabungen wirklich gezeigt, was der Hügel enthielt. Im Laufe der heurigen Grabungskampagne wurde das Hauptgebäude eines großen Herrensitzes freigelegt, das durch seine prächtige Ausstattung, seine Größe und die teilweise ganz vorzügliche Erhaltung das bei uns gewohnte Maß weit übersteigt. Wer die Ausgrabungen besucht, wird zunächst durch die Fülle von Mauern verwirrt, aber es zeigt sich bald, daß hier mehrere Bauperioden vorliegen. So wie der Bau jetzt in seiner größten Ausdehnung vorliegt, mißt er 40,50 X 45 Meter, doch war der ursprüngliche Bau kleiner. So wurde erst durch einen späteren Umbau das jetzige Kernstück der ganzen Anlage, der große quadratische Mittelsaal, hinzugefügt. Seine Größe würde erst dann zur Geltung kommen, wenn er in seiner vollen Geschlossenheit zu sehen wäre. Steine Breite mit je rund 14 Meter, wozu an der Westseite noch eine Apsis mit 8 Meter Durchmesser kommt, wären auch für heutige Verhältnisse recht beachtliche Ausmaße.

Dazu kommt, daß dieser Saal von einem großen Mosaikboden bedeckt ist, der ursprünglich rund 185 Quadratmeter hatte, von denen etwa drei Viertel erhalten sind. Außer dem großen Mittelsaal weisen noch zehn weitere Böden Mosaikschmudc auf. Manches deutet aber darauf hin, das ursprünglich noch andere Räume mit Mosaiken ausgestattet waren, daß aber diese in der Spätantike, als der Bau auch sonst mancherlei Vereinfachungen erfuhr, durch bescheidene Estrichböden ersetzt worden sind. Alles in allem handelt es sich hier um den, wenigstens dem Umfange nach, größten Mosaikenfund, der bisher auf österreichischem Boden gemacht worden ist. Die Grabungen haben aber auch wertvolle Aufschlüsse über die römischen Wandmalereien gebracht. Während sich die Sockelmalerei an Ort und Stelle oft bis zu drei Viertel Meter Höhe erhalten hat, konnten vom aufgehenden Mauerwerk zahlreiche Stücke der Bemalung aus dem Schutt geborgen werden, dar.-unter sehr bemerkenswerte figurale Kompositionen, eine Seelandschaft, Jagdszenen, Stilleben usw. Es ist wieder Jüi die Verarmung der späteren Perioden bezeichnend, daß diese Gemälde später überstrichen und durch einfache Tapetenmuster ersetzt wurden. Unter den vielen Räumen wurde auch ein Kinderzimmer erkannt, dessen Wände mit zahlreichen Wandkritzeleien von Kinderhand bedeckt waren, so eine Frau, die ein Kind an der Hand führt, mehrere Pferde mit Reitern und andere.

In technischer Hinsicht sind die sehr umfangreichen Heizanlagen erwähnenswert. Der größte Teil der Räume, auch der große Mittelsaal, waren geheizt. Während die ältesten Bauteile solid ausgeführte Hypokausten mit 0,72 Meter hohen Suspensurpfeilern aus Stein aufweisen, hat man später nur Wandheizungen angelegt, die durch Kanäle, die unter dem Fußboden verlaufen, bedient wurden. Sie ermöglichen eine sparsamere Verwendung von Brennmaterial. Auch ältere Hypokausten wurden auf diese Weise umgebaut.

Die zeitliche Stellung des Baues ist noch nicht ganz geklärt, da erst nach Hebung der Mosaikböden die darunterliegenden älteren Bauschichten untersucht werden können. Es lassen sich aber schon jetzt verschiedene Perioden erkennen.

Uber die ursprüngliche Bedeutung des Baues dürfte ein wichtiger Inschriftfund Aufklärung geben, eine später bei einer Heizanlage verwendete Grabplatte, die einen M. Cocceius Cauplanus und dessen Frau Cocceia Dagovassa nennt. Der Mann bezeichnet sich als PR. C. B„ was nur als princeps civitatis Boiorum, also als Fürst des Bojerstammes, zu deuten ist. Da schon 1899 von Söter Grabsteine eines Bojerfriedhofes in nächster Nähe gefunden worden sind, liegt es nahe, auch unseren Baukomplex irgendwie mit den Bojern in Zusammenhang zu bringen. Die historisch bedeutsame Inschrift zeigt, daß die Bojer noch um das Jahr 100 nach Chr. — Caupianus und seine Frau Dagovassa haben das Bürgerrecht unter Kaiser Nerva erhalten — ihre Selbstverwaltung in dem als „deserta Boiorum“ bekannten Gebiet um den Neusiedlersee hatten. Erst seit der von Kaiser Hadrian durchgeführten Organisation des Stadtgebietes von Carnuntum werden sie allmählich im römischen Volk aufgegangen sein. Der große Herrensitz bei Parndorf wird wohl in den Besitz eines römischen Großgrundbesitzers übergegangen sein. Der große Umbau stammt sicher aus späterer Zeit, nach dem Charakter der Mosaiken zu schließen, frühestens aus dem Anfang des 3. J h d t. n. Chr., mag also mit dem Wiederaufbau nach den Mnrkomannenkriegen zusammenhängen.

Was heuer ausgegraben wurde, war nur das Hauptgebäude. Rundherum liegen mehrere Wirtschaftsgebäude, von welchen bisher nur zwei wenigstens teilweise untersucht werden konnten. Weitere Gebäude, die wir durch Oberflächenfunde feststellen konnten, harren noch der Aufdeckung. Das Ganze war mit einer großen Umfassungsmauer umgeben, die an mehreren Stellen festgestellt wurde.

Die Grabungen beim Heidehof haben in der Öffentlichkeit lebhaftestes Interesse erweckt, in mancher Hinsicht sogar mehr, als es der Grabungsleitung lieb war. Vor allem hat das künftige Schicksal der aufgedeckten prächtigen Mosaiken interessiert, ob diese in die zuständigen Museen übertragen oder, mit einem Schutzbau versehen, an Ort und Stelle belassen werden sollen. In Presse und Rundfunk ist darüber mancherlei Unrichtiges berichtet worden. Ohne der Entscheidung der maßgebenden Faktoren vorgreifen zu wollen, kann aber gesagt werden, daß es sich hier keineswegs um einen Kompetenzstreit der Behörden handelt, sondern um rein finanzielle Probleme, die reiflich überlegt werden müssen. Daß also die Mosaiken den Winter über sorgfältig gesichert wurden, war nicht zu vermeiden, zumal das heuer früh einsetzende Schlechtwetter ohnehin eine Hebung derselben vor Wintereinbruch unmöglich gemacht hat.

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