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Fern der slawischen Urheimat

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Überall ist die Orthodoxe Kirche in neue, noch nie .dagewesene Umweltverhältnisse versetzt. Daraus ergeben sich mit Übergängen zwei Haltungen: auf der einen Seite zähes Festhalten an der überkommenen heiligen Tradition, die meist bewahrt ist zusammen mit den Sitten und Bräuchen des verschiedenstämmigen orthodoxen Volkstums, auf der anderen Seite das redliche Bestreben, das Wesen der allgemeinen Tradition bewahrend, sich im besonderen den neugegebenen Umweltverhältnissen einzufügen. Die einen suchen sich in einem Emigrantengetto zu bewahren, die anderen als bewußte Bürger im neuen Staate orthodoxe Christen zu sein. Die einen nennen ihre Kirchengemeinden nach den Heiligen ihrer alten Heimat, nach der heiligen Nina, dem heiligen Wladimir, dem heiligen Sawa usw., die anderen nach den gemeinsamen Heiligen, die im Lande, wo die neue Kirche steht, besondere Verehrung finden, etwa nach der heiligen Genoveva von Paris, dem heiligen Irenäus von Lyon, dem heiligen Ansgar, dem heiligen Willibrord, dem heiligen Gallus usw. In diesem Falle ist auch das Bewußtsein wach, daß wir ja bis 1054 eine Kirche waren, die gleichen Heiligen verehrten — bei aller jeweiligen Verschiedenheit —, im Grunde auch ganz die gleichen Traditionen hatten.

Nun kommt hinzu die wichtige Tatsache, daß die Serben, Rumänen, Bulgaren oder Russen oft Amerikane- Fjęzpsinu { österrejpherin.- nen heiraten. die Kinder Englisch, Französisch. Deutsch als ihre Muttersprache lernen, dazu durch Schulunterricht und Umgang als ihre Bildungssprache sich aneignen, auch wenn zu Hause noch Serbisch oder Russisch gesprochen wird. Sie wachsen auf als amerikanische oder britische oder deutsche Bürger und leisten als Soldaten ihren Dienst.

Noch etwas kommt hinzu: Es ist unmöglich, daß jede größere Stadt der Welt eine orthodoxe Kirchengemeinde hat, und nicht auch diese Kirchengemeinde einzelne oder Gruppen meist theologisch interessierter, von ihren Kirchentümern oder Sekten unbefriedigter, suchender Menschen anzieht oder gar aufnimmt. Solche aber ergreifen dann den orthodoxen Glauben intellektueller als die ortho dox geborenen Christen. Es gibt zum Beispiel in Paris orthodoxe Russen, Griechen, Serben, Rumänen, Georgier, Araber usw.; aber ebenso Franzosen serbischer, russischer oder auch rein französischer Abkunft, die gar nicht einsehen, warum sie als orthodoxe Christen nun Russen oder Georgier sein sollten, warum bei ihnen und für sie die Gottesdienste in griechischer, slawischer, georgischer Kirchensprache gehalten werden müßten. Also gibt es neben den Kirchen mit Dienst in den morgenländischen Kirchensprajhen auch solche mit Dienst in französischer Sprache, in Amerika, Australien und England entsprechend in englischer Sprache.

Der Gallikanische Ritus

Aber es gibt nun neben den Gemeinden mit byzantinischem oder anderem orientalischen Ritus in einer abendländischen Sprache auch Gemeinden mit abendländischem Ritus. Die Legitimität der vor dem Schisma in der einen ungeteilten Kirche geübten abendländischen Riten ist in neuer Zeit mehrfach vom orthodoxen Episkopat betont worden. Die „Epistel der orthodoxen katholischen Patriar chen" an die Anglikaner von 1727, die Enzyklika des Patriarchen von Konstantinopel Anthimos von 1895, der Ukas des Synods der Kirche von Rußland 1870, die Entscheidung des

Synods der Bischöfe der russischen Kirche außer Landes von 1960 bezüglich der orthodoxen Kirche Galliens stimmen in dieser Anerkennung völlig überein.

Freilich haben die abendländischen Kirchen noch keine eigene Jurisdiktion, sondern unterstehen einem Bischof der morgenländischen Kirche. In Frankreich unterstehen die orthodoxen Franzosen zum Teil, unter dem am 1. November 1960 in Paris zum Bischof geweihten bedeutenden Liturgiehistoriker Alexis van der Mens- ruegghe, dem Patriarchat von Moskau, zum größeren Teil aber, unter Führung von Erzpriester Eugraph Kowalewskij unter Erzbischof Johannes Maximowitsch. dem Synod der

Bischöfe der russischen Kirche außer Landes. Beide gebrauchen vorzüglich die restaurierte altgallikanische Liturgie nach dem heiligen Germanus, Bischof von Paris (f 576). Alle vor- schismatischen abendländischen Heiligen werden, nach Gregorianischem Kalender, gefeiert. Was hier in dreißigjähriger liturgischer und pastoraler Arbeit geleistet worden ist, auch auf dem Gebiet der Kirchenmusik und Ikonographie, ist bewundernswert. Es sind zahlreiche Pfarrgemeinden moder? nen Stils mit altkirchlicher Liturgie im ganzen französischen Sprachraum entstanden. Und das Geleistete ist ein entscheidender Beitrag zur liturgischen Erneuerung überhaupt. Übrigens ist seit Karl dem Großen nicht mehr wieder in Gallikanischem Ritus ponti- fiziert worden; und daß ein morgenländischer Bischof, Erzbischof Johannes, den abendländischen Ritus gebraucht, beweist ein neues Verständnis für die Bedeutung des Abendlandes für die gesamte Kirche, und reißt eine Trennmauer nieder, die geschichtlich überholt ist. So öffnen sich Zugänge zueinander von hüben nach drüben und gewähren in vielem eine ganz neue Sicht.

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