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Gottesburg des Geistes

IN DREI WELLEN verebbt der großstädtische Lärm,-der über die Freyung, durch die Schottengasse und Herrengasse von frühmorgens bis spät in die Nacht tobt, für den Besucher des Schottenstiftes. Zuerst dämpft sich das Ge-brause Im ersten Hof. Dann, nach dem Durchschreiten des Portals der klassizistischen Gebäudefront, die Kornhäusel schuf, in der feierlichen, eines Palastes würdigen Aula; und zuletzt im Gartenhof. Man würde es nicht glauben, wie ferne hier die Stadt scheint; aber Abt Dr. Hermann Peichl, der die Freundlichkeit hatte, mich zu empfangen, öffnete ein Fenster seines Arbeitszimmers. Der Gartenhof, in gedämpftem Licht und den versöhnlichen Farben des Herbstes, liegt in einer wundersamen Stille da, die zur Einkehr mahnt. Der Anblick des Stiftsgebäudes von dort unten ist selbst den Wienern wenig bekannt. Nur dreimal im Jahr ist der Hof zugänglich: am Tage Christi Himmelfahrt, wenn Dank für die Rettung aus den letzten Kriegsnöten gesagt wird; bei der österlichen Auferstehungsprozession und beim Fronleichnamsfest.

DIE FREYUNG erhielt ihr Gesicht und ihren Namen durch die dortige geistliche und geistige Burg mit dem so eigentümlich fremden Namen und dem allen Vorbeigehenden so heimlich vertrauten Anblick. Man redet ja dauernd vom Schottenkloster, von der Schottenkirche, der Schottengasse, dem Schottenhof, dem Schottenring, man weiß aus der Schulzeit her noch etwas vom Schottentor und der Schottenbastei, der Wiener kennt einen Bezirksteil Schottenfeld mit der gleichnamigen Gasse, und so mancher Ausflügler ist schon durch den Schottenwald am Westrand unserer Stadt gegangen. Dabei ist die Bezeichnung „Schotten“ nicht im eigentlichen Sinne zutreffend, wenngleich man ihr auch in Fachwerken begegnet. “Die Mutter aller sogenannten Schottenklöster war Sankt Jakob in Regensburg, und (die Mönche kämen nicht aus dem heutigen Schottland, sondern.-aus Irland, das im Mittelalter Scoria maior, auch Hybernia, hieß. Als Heinrich Jasomirgbtt, der seine Residenz späterhin nach Wien verlegte, anläßlich des Reichstages in Regensburg, wo er auf Bayern verzichtete, die dortigen Mönche zu St. Jakob kennenlernte, berief er zwölf von ihnen nach Wien und wies ihnen auf dem sogenannten „Steinfeld“ Grund an. Die Stiftung Jasomirgotts hat übrigens mehrere Jahre beansprucht. Es steht fest, daß der allgemein neben dem Stiftungsbrief von 1161 genannte von 1158 unecht ist. Historisch sicher kann die Gründung nur zwischen 1150 und 1160 angesetzt werden. Das ursprünglich außerhalb der Stadtmauern gelegene Haus wurde erst 1219 durch Leopold VI. in die Stadt eingegliedert. Dotiert wurde die Stiftung mit drei Kapellen von St. Peter, mit St. Pankraz, dessen genaue Lage wir heute nicht mehr wissen, und Maria-Stiegen. Außerhalb Wiens gehörten Pulkau und Eggendorf dazu (wo der alte Kirchturm heute noch Jasomirgotturm heißt). Die erste päpstliche Bulle stammt von Alexander III., der 1177 einen Schutzbrief erließ, seine Teilnahme bekundete und das Kloster unter den Schutz der beiden Apostelfürsten stellte: „Religiosos viros tanto aretiori debemus caritate diligere et apostolicae tuitionis praesidio studiosius convovere, quanto divinis obsequiis sund devotius expositi et bonis operibus magis intenti.“ Für den gewährten Schutz hatte das Kloster „unum aureum“ der päpstlichen Kasse zu entrichten.

DER SCHOTTENGRUND IN WIEN reichte von der Stadtmauer bis Gumpendorf und Schottenfeld, wo sich damals Weinberge befanden. Das Kloster mag gedacht worden sein als Begräbnisstätte der herzoglichen Familie, wie es die Babenberger anderwärts hielten, aber auch als Seelsorgestelle für die Pilger und Kauffahrer, die längs der alten Handelsstraße der Donau von Westen nach Osten zogen. Man nimmt an, daß sich die irischen Mönche nicht allzu heimisch in Wien fühlten. Noch im 13. Jahrhundert nennt sich Abt Maurus, unter dem die „Conti-nuatio Scotorum“ (eine Chronik, die schon drei Jahre nach seinem Tode endet) entstand, „ego Marcus Wiennensium peregrinorum dictus Abbas“, also „ich, Markus, Abt der Fremden (Geistlichen) in Wien“. In Urkunden bezeichnete man die Mönghe als Ausländer, als Verbannte („exules“). Die Betreuung der unterstellten Kirchen hatten einheimische Welt---Ipriester inne, wohl weil die „Hyberner“ nicht der deutschen Sprache-omächtig ge-w-c-sen seinmochten. Dagegen bestanden rege Beziehungen zur Wiener Universität, die 1314 gegründet worden war. Abt Donald (1380 bis 1392) war im Jahre 1383 ihr Rektor. Viele Schwierigkeiten der ansehnlichen Gründung wurden mit Kraft und Geschick gemeistert. Im Jahre 1418 jedoch sahen sich die „Schotten“ in eine gewisse Zwangslage versetzt, als Papst Martin V. auf Vorstellungen des österreichischen Herzogs

Albrecht V. eine Bulle an das Kloster richtete, hinfort auch andere als Irländer aufzunehmen — was gleichbedeutend mit einem Abgehen vom Stiftungsbrief Jasomirgotts war, der sich auf irische Ausschließlichkeit festgelegt hatte. So räumten lieber die Mönche Wien. Die meisten zogen zurück nach St. Jakob in Regensburg — später wären sie gerne wieder zurückgekehrt — und Benediktiner übernahmen die Schottenabtei, was für den Charakter der Stadt und des Landes zweifellos eine glückliche Lösung bedeutete.

DER MNIDK'TINISCHE-'GEIST hat in den Mauern -des Hauses auf der Freyung an den Seiten der österreichischen Kultur- und Staatsgeschichte mitgeschrieben. Die bereits 1310 nachweisbare Klosterschule war der Keim für das 1807, mitten in den Wirren der napoleonischen Zeit errichtete Gymnasium. Der damalige Abt, Andreas Wenzel, war auch bei dem Imperator, als er in Schönbrunn residierte. Von den bedeutenden Persönlichkeiten, die ihre Studien ganz oder teilweise auf der Freyung absolvierten, mögen nur genannt sein: Kardinal Schwarzenberg, die Dichter Bauernfeld, Halm, Saar, Hamerling und Nestroy. . Auch Johann Strauß, Schwind und der Historiker Friedjung gehörten zu den Zöglingen des Hauses, in deren Mitte zeitweilig auch der spätere letzte Herrscher der Oesterreichisch-Ungarischen Monarchie seinen Studien nachging. Es gibt noch ein Photo, das ihn im Kreise von Mitschülern zeigt. Während des Krieges, der mit Ausnahme kleinerer Bombenschäden am 10. September 1944 und am, 12. März 1945 wie durch ein Wunder die Abt?i verschont ließ, mußte das Gymnasium schließen. 194 5 wurde es wieder eröffnet. Aus diesem Institut, das werden nur wenige. Wiener wissen, ist der neben Mautner tätige Mitbegründer des ersten Wiener Kinderspitals, Pater Norbert Kraus, hervorgegangen. Die Musik war an der Freyung wohl aufgehoben. Es sei nur an die Bemühungen zur Choralrestauration in Oesterreich-Ungarn, an das spätere Wirken von Pater Richard Beron erinnert, an Benedikt Popp, der mit tatkräftiger Unterstützung des Abtes Dr. Peichl 1947 eine gregorianische Knaben-schola aufbaute, die sich zur „Schottenkantorei“ erweiterte.

EINE WOCHE REICHT NICHT AUS, um alle Sehenswürdigkeiten des Schottenstiftes wirklich gebührend in sich aufzunehmen. Etwa die Gemäldegalerie mit ihren Altdeutschen und Niederländern und besonders den Tafeln der „Schottenmeister“, welche die ältesten Ansichten Wiens zeigen; oder die großartige Bibliothek, die mit ihren mehr als 100.000 Bänden. 750 Handschriften und 466 Inkunabeln zu den großen Büchereien Wiens zählt; oder das Archiv, das bis auf das Jahr 1161 zurückgeht und eine geschichtliche Fundgrube darstellt; oder zum letzten, wer weiß schon etwas von den 30.000 Münzen des Münzkabinetts?

NEUE ZEITEN, NEUE WEGE. In sozialem Sinn hat dies Abt Dr. Hermann Peichl („Bene-diktinisches Mönchstum in Oesterreich“, Wien 1949) klargestellt und gezeigt, daß das Schottenstift in den Jahren zwischen 1919 und 1947 an Kleingärtner und Siedler 379.828 Quadratmeter Boden übergeben hat. „Das tragende Fundament aller Maßnahmen, die überhaupt in Angriff genommen werden, muß der Grundsatz der Ordensregel sein, daß uns gerade in den sozial Schwachen und Abhängigen in besonderer Weise Christus begegnet“, sagt der Abt in diesem Aufsatz. In geistigem Sinn bedeutet das Wirken der Katholischen Akademie, deren Präsident der Abt ist/einen Faktor von besonderer Triebkraft. Wer will, mag in der Akademie einen Leuchtturm über den sturmbewegten Fluten der Gegenwart oder einen festen Ankerplatz sehen, damit nicht das gebrechliche Schifflein unseres Geistes an den Klippen zerschellt. Wir sehen in dem nunmehr achthundertjährigen Stift aber zuletzt ein Refugium des Geistes und des Glaubens, des Herzens, das heimwärts sucht und, nach den Worten des heiligen Augustinus, unruhig ist, bis es ruht in Gott.

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