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Lehrer der Deutschen

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Zu des Reichsfreiherrn vom Stein 200. Geburtstag ist neben einer Reihe der zu solchen Anlässen unausbleiblichen Publikationen auch das fundamentale Buch über den Staatsmann neu erschienen. Es stammt aus der Feder des Freiburger Historikers Gerhard Ritter, des nunmehr Siebzigjährigen, in dessen verehrungswürdiger Gestalt wir einen der bedeutendsten lebenden Historiker, in dessen Werk über Carl Gördeler — mit dem er eine von der ganzen Nation kontrahierte Schuld eingelöst hatte — wir eine der lautersten Aussagen über das dunkle Jahrzwölft Hitlers erblicken. Das Werk war, zu Steins 100. Todestag, 1931, zweibändig und gewichtig wie die Srbiksche Metternich-Beographie, erschienen und wurde nun in einem Band und in gestraffter Form, durch die es noch an Geschlossenheit gewonnen hat, neu herausgegeben. Ritter betont in seiner Einleitung, er habe kaum etwas ändern brauchen. Diese Feststellung spricht für ihn, der dem damals überschwenglich gefeierten Zeitalter der Befreiungskriege schon mit solcher wissenschaftlicher Vorur.eils-losigkeit begegnete, daß er nach der Katastrophe von 1945, in der man alle heroischen Epochen der eigenen Geschichte.mit abwertenden Beiworten zu schmücken sich befleißigte, seine damalige Arbeit unverändert neu vorzulegen imstande war.

Stein, 1804 bis 1807 preußischer Finanzminister, Oktober 1807 bis November 1808 leitender Minister des preußischen Staates, dann von Napoleon geächtet und darauf politischer Ratgeber des Zaren Alexander, wollte in zielbewußter Arbeit, zurückschauend und vorwärtsplanend, den absolutistischen Staat, den er beschuldigte, er habe „den verschlagenen Mietlingsgeist der Bürokratie“ gezüchtet, evolutionär zum Verfassungsstaat umbilden. Die Ungunst der Zeit, für ihn personifiziert in Napoleon und seinem eigenen schwachen König, hinderte ihn an der Ausführung seiner Pläne — zu Preußens und Deutschlands Leidwesen. Ueber seinem ganzen Dasein liegt der Schatten vergeblichen Wirkens, doch genügt es ja schon, wie die Römer sagten, Großes gewollt zu haben. Allein das, was er formte, gestaltete, mitschuf, die Bauernbefreiung und die Städteordnung, gibt ihm schon historische Größe. Ja, allein sein nach 1819, nach der enttäuschten Abkehr vom politischen Leben, mit Energie betriebenes Werk, die Herausgabe der Monumenta Germaniae, das berühmte Quellenwerk der deutschen Geschichte des Mittelalters, hätte ihm Ruhm und Nachruhm gebracht, um den er zeitlebens nie besorgt gewesen war. Seine Ideen lebten weiter und befruchteten nachfolgende Generationen. Wer konnte mehr befugt sein, diesen „Lehrer der Deutschen“ seinen Landsleuten in einem so glänzenden Werk nahezubringen, als ein Mann wie Ritter, der auch unter der Diktatur unerschrocken und aufrecht seine Anschauung vertrat, bereit, die Konsequenzen zu tragen, aber nicht, Unrecht schweigend zu ertragen.

Das heutige Ostpreußen. Mit einem Vorwort von Dr. G i 11 e. Aufstieg - Verlag, München 1956. 80 Seiten.

Ein dünnes Bildbändchen über Ostpreußen, dem nordöstlichsten Teil Deutschlands, der herben, ge-schichtsträchtigen Landschaft voll eigenartigem Reiz, über die der Krieg in seiner letzten, wildesten Phase hinweggebraust ist. Der nach einer Reise im Jahre 1956 entstandene Bildbericht berücksichtigte allerdings nur den polnisch besetzten Teil Ostpreußens, denn der russische mit der alten Kant-Stadt, die heute Kaliningrad heißt, ist nicht betretbar gewesen. Viele Trümmer sieht man und wenig Aufbau, wenig Hoffnung, aber viele ungelöste Fragen. Eine dieser Fragen ist die nach der Zukunft. Wie immer sie sich für diese alte deutsche Provinz gestalten wird, sie kann nur, wie es in dem maßvollen Begleittext heißt, durch Gewissen und Vernunft, durch eine Rechtsordnung verwirklicht werden, die allen das friedliche Miteinanderleben garantiert.

Festschrift für Heinrich Benedikt. Ueberreicht zum 70. Geburtstag. Herausgegeben von Hugo H a n t s c h und Alexander N o v o t n y mit einem Bild des Jubilars. Verlag des Notringes der wissenschaftlichen Verbände Oesterreichs. 244 Seiten. Preis 120 S.

Aus Anlaß des 70. Geburtstages des Professors Heinrich Benedikt, des Historikers an der Wiener Universität, der sich neben seinen wissenschaftlichen Arbeiten schon allein durch die Herausgabe der bedeutenden Gemeinschaftsarbeit mehrerer Historiker, „Geschichte der Republik Oesterreich“, ein bleibendes Verdienst erworben hat, ist im Verlag des Notringes eine Festschrift erschienen. Hermann Aubin, Friedrich Hertz, Hanns Leo Mikoletzky, Carlo Baudi di Vesme, Hans Kramer, Willibald M. Plöchl, Friedrich Engel-Janosi. Albert E. J. Holländer, Robert A. Kann, Paul R. Sweet und Arthur J. May haben sich hier zu Beiträgen vereint, die alle irgendwie in einer Beziehung zum vielseitigen Arbeits- und Wissensgebiet des Jubilars stehen. Ein weiter und aufschlußreicher Bogen spannt sich von der Lechfeld-schlacht bis zu Oesterreich-Ungarns letztem Waffengang. Eine Spannweite, die ganz der Weltoffenheit dieses hervorragenden Mannes adäquat ist, von dem Hugo Hantsch, der Herausgeber, einleitend in jschftnep,..W*rtejj t.ijagft 4 seinem;1J.e£ene4Meifte \olerante Humanität verkörpert, die heute ?o wohltuend wirke, weil sie fast abhanden gekommen zu sein scheine.

Der Barockbau der ehemaligen Hofbibliothek in Wien, ein Werk J. B. Fischers von Erlach. Beiträge zur Geschichte des Prunksaales der Oesterreichischen Nationalbibliothek. Von Walther Buchowiecki. Georg-Prachner-Verlag, Wien 1957. 248 Seiten Text. 94 Abbildungen.

Die umfassende Wiederherstellung des barocken Prunksaales der Oesterreichischen Nationalbibliothek gab den Anlaß zu einer erschöpfenden Schilderung der Erscheinung sowie der Geschichte dieses majestätischen Bauwerkes, in dem sich die künstlerische Schöpferkraft Altösterreichs und das kulturelle Verantwortungsbewußtsein seines Herrscherhauses in eindrucksvollster Weise verkörpern. — Nach einem Rückblick auf die Vorgeschichte der habsburgischen Bücherschätze und ihre bis 1720 zumeist recht behelfsmäßige Unterbringung wird die Entstehung des heutigen Bibliotheksbaues unter Auswertung der allerdings höchst lückenhaft erhaltenen Bauakte geschildert und hierbei namentlich ein interessantes Bild der Planung und Ausführung der grandiosen Kuppelfresken D. Grans entworfen. Anschließend wird die heikle und mangels an ausreichenden Nachrichten bis heute ungeklärte Frage nach dem Urheber der Pläne des Bibliotheksbaues abgehandelt, wobei der Verfasser die kontroversen Ergebnisse der früheren Forschung vorsichtig gegeneinander abwägt und zu C. Gurlitts alter These zurückfindet, daß der alte J. B. Fischer von Erlach am Ende seines Schaffens sowohl den Innenbau als auch die Fassaden der Hofbibliothek entworfen habe, trotzdem die letzteren Formelemente des französischen Barocks zeigen, die sich in den früheren Bauten Johann Bernhards kaum finden und leicht aus der architektonischen Formensprache seines Sohnes Josef Emanuel zu erklären wären, der 1722 nach neunjährigem Auslandsstudium in den Beamtenstab des Wiener Hofbauamtes übernommen und damit offiziell zum Nachfolger seines bereits dem Tode nahen Vaters bestellt wurde. Als höchst umfangreichen Anhang zu dieser wertvollen kunstgeschichtlichen Darstellung gibt das Buch noch eine Darlegung der wechselvollen Schicksale des Baues der Hofbibliothek bis in die Gegenwart und namentlich seiner letzten, 1955/56 durchgeführten Instandsetzung.

Das überaus sorgfältig gearbeitete und flüssig geschriebene Werk ist mit seinem ausgezeichneten Bildteil und in seiner mustergültigen, von der Staatsdruckerei besorgten Ausstattung sowohl für das einstige große als auch für das heutige kleine Oesterreich repräsentativ.

Heinrich Decker

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